Konstantin auf dem Feldberge

Konstantin wusste aus Freiburg nur noch eins: Hinauf! – Also erstieg er, fast wie als ob blind und taub, der Landschaft kaum achtend, kaum, dass er zwischendrein einmal rastete, den Feldberg, wo er zum Sonnenuntergang ankam. Unter ihm alles sichtbare Land, über ihm nur der klare Maienhimmel.

Nachdem er einen Platz für die Nacht ausgemacht, wo es nicht zu zugig werden sollte – an manchen Stellen lag noch Schnee – , setzte er sich auf einen einsamen Stein, schaute allumher, trank einen Schluck von jenem vortrefflichen Riesling, den Gerlindes Hans ihm mitgegeben, und schließlich, da er den ganzen Tag nichts gegessen hatte, nicht einmal ein Konstantinsmagen sich vom langen Wandern füllt, griff er, zunächst zögerlich, dann immer zupackender, auch zu Brot und Schinken.

“Haltloser Vagabund du!” – rief er in die Abenddämmerung, alsda sich in den Tälern schon feine Nebelschleier bildeten.

Venus zeigte sich schon am Horizonte, die Nacht versprach kristallklar und kalt zu werden.

“Kann ich nicht ein anständiger Mann sein, so wie Hans?”

“Will ich immerzu unstet wandern, bis dass ich als Greis, allein, gebrechlich, von einem dunklen Stege in ein rauschendes Wasser rutsche, erbärmlich, felsenzerschunden, einsam ersoffen?”

“Was treibt mich noch, wozu immer irgendwohin?”

Da hörte Konstantin ein seltsames feines Zischen, es schien, als dränge es von unten, aus dem dichten Tann herauf, und nach und nach begann die Luft um ihn zu sirren. Endlich ein Rascheln, er wand sich um, und gewahrte ein winziges Männlein, gerade eine Handspanne lang, das mit fröhlichem Gesichte einen fingerhutgroßen Becher hob, freundlichen Gesichtes, gebärdenmäßig, einen Schluck vom Rieslinge begehrte.

Ihm vorsichtig einschenkend, verwundert, denn solch ein Gesicht hatte er noch nie gehabt, kam er doch wieder so weit zu sich, dass er das Männlein, in Lederhosen und einem derben roten Wams, vielleicht fünfzig Erdenjahre zu schätzen, ansprach: “Sei mir gegrüßt, Berggenoss, kleiner Mann, lass uns anstoßen!”

Indem dies, das Männlein schwieg noch, artigst geschehen, tranken beide einen tiefen Zug.

“Was kommst du hier oben zu mir? Ich habe eben mein Lieb verloren, und ich weiß nicht, ob ich heute Abend noch eine gute Gesellschaft abgeben werde.”

Das Männlein wog den Kopf und sagte schließlich: “Du kamst zu mir. Und hier waren schon viele, die eben ihr Lieb verloren hatten. Die Besseren unter ihnen haben einen guten Wein dabei, und manch einer schmäht sich nicht gleich selbst, freut sich meiner Gesellschaft. Ich will aber gleich wieder verschwinden, wenn du mir den Fingerhut nicht mehr füllen und meiner nicht mehr sehen willst.”

“Nein, Kamerad, bitte bleib. Ich bin in dein Reich eingedrungen. Wie dürfte ich dich wegschicken?”

“Gut, also” – sie stießen nochmals an – “dann lass mich dir helfen.”

“Wie, mit Verlaub, Kamerad, solltest du mir helfen können? Ich werde doch wieder da hinunter müssen, unter all die Menschen, und ich weiß nicht mehr, ob ich auch nur noch für das einzige nütze, das ich je gelernt.”

Hier brach das Männlein in ein sanftes Lachen aus. “Was weißt du denn schon davon, was du gelernt! Du bist, ich sage es mal so, denn vor deiner Größe fürchte ich mich nicht, einer, den die Welt dort unten braucht!”

“Und Glück? Was ist mit Glück für mich?”

Das Männlein schüttelte den Kopf, lächelte, nahm einen guten Zug und antwortete also:

Hier oben in der Kühle

Umschwankt vom Gefühle

Sinnest du

Wie als ob verloren

Bursch von grade dreißig Jahren

Viel

Und doch noch wenig erfahren.

Drei, fünf, acht Jahre mögen vergehen

Bis dass du, außer hier oben

Beim kleinen Schrate verschroben

Eine Heimstatt wirst sehen

Von woausher Du

Weiser und noch mehr

Deines Weges wirst schlagen

Weitrer lehrreicher Sagen

Auf einmal war das Männlein weg. Konstantin hatte es nicht einmal seines Namens gefragt. Es kam auch auf sein Rufen hin nicht wieder.

“Jetzt werde ich in meinem Alter schon ein alter Narr mit seltsamen Gesichten!”, sagte sich Konstantin, verwundert, aber doch etwas erheiterter Stimmung, er lachte zum ersten Male an diesem schon vergangenen Tage, der Sternenhimmel spann sein Dach über ihn, er leerte die letzte Neig, legte sich, bis die Nacht seinen Geist vollends überkam, noch sinnend, zum Schlafe an seine kalte Statt.

Anderntags, indem die Nebelzungen den Berg noch leckten, fühlte er sich, obschon recht durchgefroren, doch seltsam erquicket; das Frühstück schmeckte ihm gut; er rief noch einmal: “Männlein, ich danke Dir!”, sahe sich noch einmal weithin um, schnürte seinen Ranzen, seine guten, treuen Stiefel, machte sich ostwärts, beschloss dabei, dass er weiterhin tun werde, was ihm zu tun sein Beruf.

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