Konstantin und der Abgender (II) und mehr

Konstantin hat sich gemeldet. Noch aus Würzburg. Er zog gleich am Schnürchen und erzählte, was er Mister Pete Reuben Randolf Dooley zum Thema “The Genes Of Gender Studies” an der Uni öffentlich gefragt habe:

“Dear Mr Dooley, I am appalled by my detection of the veraciousness of Your benign words, and, to keep it short, would endeavor to pose You just one brief, thoroughly benevolent, even if it be a dire one, humble question.”

Dooley guckte ein wenig überrascht, schien aber Herr der Lage und entgegnete, höflich-kühl, plotzlich sehr traditionally English in Mimik und Gestik: “Go ahead, Sir.”

“Then, well, I just don’t get it. The rams, for their own good, abducted from their natural mates to live duly in their own republic of 100% gender equality, how then will they procreate, to make this fine state not only stable, but thrive to eternal light?”

Nur etwa 5% im Saale hatten die Frage gleich zur Gänze verstanden, und Mr Dooley gehörte, auf seine Weise, dazu. Sein Gesicht verfärbte sich rot, und er rang nach Worten. Schließlich fand er sie. Totenstille im Saale.

“Mr Buffoon, whatever be Your name, I want You to leave the premises. I shall not answer to vile slanderers.”

Alle waren gespannt, was Konstantin nun seinerseits tun werde. Der ließ sich etwa sieben Sekunden Zeit, worauf er sehr leise sagte: “But, Mister Pete Reuben Randolf Dooley…” – woraufhin Dooley den Ausraster bekam und als wie ein Eastender, dem man das letzte Bier mutwillig vom Tresen geschüttet, brüllte: “Git aout bastird!” Alle waren etwas entsetzt ob der Verschärfung der Veranstaltung und ob der sich überschlagenden Stimme des Vortragenden.

Konstantin erhob sich gemessen, warf sich mit einem Lächeln in seine lederne Joppe, und entgegnete beim Gehen (er saß ja direkt an der Saaltür) nur noch: “You are definitely, if only temporarily, the landlord here, Sir. And an astounding one at that.”

Wenige Minuten später hatten alle den Saal verlassen. Dooley hatte die Veranstaltung stammelnd als beendet erklärt – wie Konstantin gleich draußen erfuhr, von einem wackeren Österreicher, gerade in Würzburg studierend, der ihn lachend kurz bestürmte – , und Konstantin war es erstmal recht zufrieden.

———————————————————————————————————————

Nun muss der Abspann der Geschichte von Konstantins erstem Entmüßigungstage in Würzburg, der ja auch noch in einen längeren Abend mündete, erstmal zurückgestellt werden, da es noch Wichtigeres zu berichten gibt.

Konstantin sagt dazu fast nie etwas, aber seine Gerlinde, die tapfere Wirtin zu Freiburg, mit ihrem Söhnchen, sie fehlen ihm gar sehr; er habe so ein Gefühl, dass er mal wieder bei ihr sein müsse, er besser ganz überraschend komme, zu sehen, wie die Dinge wirklich liegen, die sie, ihn nicht zu beunruhigen, ihm vielleicht nicht gleich oder zur Gänze offenbaren werde.

Es wird also weiterhin erstmal nichts mit Hamburg: Freiburg ruft.

———————————————————————————————————————

Es war, nach dieser Genderei, es war gerade mal halbert Zehne, klar, dass der kurze Hinanstieg zur schlafenden Erholung auf der Festungswiese (man findet dort auch allerlei stille Bänkchen, mit Blick auf die illuminerte Stadt) noch nicht angezeigt, also da es recht lenzenskühle geworden, noch ein Wirtshaus etwas Weines zu ersuchen. Aber nicht eilig, eher schlendernd, denn er hatte die Würzburger Innenstadt, all der Studenterei halber, noch keineswegs insgesamt durchstriffen, und nicht lange, da gewahrte er einer Weinstube, die sich “Weinhaus zum Stachel” heißt.

Er lachte zuerst, drang auch kurz ein, doch die Stadtratsgesichter, derer er dort sahe, zogen ihn auch gleich wieder hinaus.

(Er hat mir aufgetragen, nicht zu verraten, in welche Studentenkneipe, die auch guten Wein hat, was selbst zu Würzburg leider nicht selbstverständlich, Konstantin dann geriet.)

Siehe da, wie es der stets lauernde Zufall wollte, dorten wieder eine, diesmal, Doktorandin, die auch auf dem Vortrage gewesen, mit ihm zum Nachgespräche zu sitzen kam, eine, wie Konstantin es benamte, “recht Ansehnliche”, mit der die Unterhaltung freundlich anhub, wobei sie aber zunächst recht fahrig war, bis Konstantin ihr schließlich nach und nach ihre Unsicherheit nahm, sie mehrfach beruhigt hatte, dass mit ihm durchaus vernünftig zu reden sei, sie solle doch sagen, was sie beunruhige, kurzum, bis sie fragte: “Warum machst du sowas?” (Sie heißt wohl nicht Direkta, aber immerhin, zwar auch nicht Margarete, Gitte.)

“Weil es Spaß macht”, versetzte Konstantin.

“Haha. Weil es Spaß macht. Selten so gelacht. Wat’n Kalauer. Du bist kein gewöhnlicher Spaßmacher oder Clown. Außerdem hat es den meisten im Saal gar keinen besonderen Spaß gemacht. Und dass das so sein werde, wusstest du im vorhinein genau. Du hast eine Agenda.”

Konstantin merkte auf. Er habe also sogar eine Agenda. Gitte hatte selbst irgendwo einen Plan, das war klar.

“Darf ich mal kurz fragen, in was du promovierst? Entjokundologie etwa?”

Das war natürlich, mit dem Zusatze, recht frech, wenn nicht gar unhöflich von Konstantin, und er wusste das. Gitte aber ließ sich nichts anmerken, brauste nicht ein bisschen auf, sagte nur knapp, in ihrem klar norddeutschen, wenn nicht Hamburgerischen Tonfalle: “Es ist ein psycholinguistisches Thema, man könnte es auch pragmalinguistisch nennen, das hier zunächst nichts zur Sache tut.”

Nun war Konstantin klar, dass kein weiteres Geflunkere mehr durchgehen werde. Er musste Farbe bekennen.

Also erzählte er Gitte, dass er schon immer ein unsteter Geselle gewesen, es ihn nicht lange an einem Orte hielt, er daraus, aus all dem, was er auf seinen Wanderungen gesehen und gelernt, schließlich versucht habe, eine Tugend zu machen, indem er sie mittels seiner eben auch fragwürdiger Possen und Streiche im Sinne seines älteren Bruders Till nicht nur zum Vergnügen zu bringen, sondern auch zum Nachdenken anzuregen trachte, ja, eine zweifelhafte Gestalt abgebend, in der Tat mit einer Agenda, wie Gitte das nenne, dem Plane, Menschen sowohl zur Freude einzuladen wie zur Besinnung.

Hernach, so Konstantin, war das Eis gebrochen, und sie fachsimpelten mitsammen immer wieder so hellen Gelächters, dass der Wirt nicht nur einmal mahnte; und indem sie sich gut nach Mitternacht und guter Zeche – Konstantin bekam zum Sommer hin noch eine Einladung auf den Reiterhof von Gittes Eltern – züchtig verabschiedet hatten, wird es wohl geschehen sein, dass Konstantin erkannte, erstmal gen Freiburg zu seiner Gerlinde ziehen zu müssen.

 

 

 

— Anzeigen —


Tags:

Eine Antwort hinterlassen