Krise in Südschwitz (II)

In Südschwitz ist die Lage etwas eskaliert, einerseits, indem die OFH (“Organisation Freier Hintlinge”), deren meiste Rädelsführer ich das zweifelhafte Privileg habe, persönlich zu kennen, einen Pritschenwagen voller bereits brennnender Hanfstrünke nachts am Fuße von Freiberg abgekippt haben, jeder sahe die Lohe, drumrumtanzende Hintlinge, nackte Oberkörper, kurze Hosen, aber alle fest gestiefelt, also, dass die Stadtverwaltung wenig begeistert von dieser unangemeldeten Demonstration, Hartholtz reichlich beunruhigt, mancher Kiffer in der Hauptstadt befürchtete das Schlimmste, nämlich Rauchstoffknappheit, andererseits habe ich es geschafft, in Norddoof, in höchsten Kreisen in Berlin, immerhin schonmal für angestrengtes Nachdenken zu sorgen, ob die Dinge in Südschwitz eben doch nur dadurch zu lösen seien, dass man der Schweiz diskret einen Abstand bezahlt, die Briefkastenfirmen wieder untersagt, woraufhin den Geldbanditen die Geschäftsgrundlage entfiele, diese ob Arbeitslosigkeit sodann ohne jede weitere nötige Maßnahme eine freiwilllige Auswanderung vorzögen, also, dass der soziale Friede in Südschwitz wiederhergestellt werden könne, eine Entwicklung abgewendet, die das Ansehen der Bundesrepublik Deutschland insgesamt weltweit zu beschädigen zu drohen nicht auszuschließen, kurzum, man gibt sich in Berlin kooperativ.

Mit irgendeiner fiesen Finte ist dabei natürlich noch jederzeit zu rechnen. Man sagt hier: “Wer Norddoof traut, wird von der Wüstenratz gefressen.”

Eine inoffizielle Delegation hat sich angesagt. Klar, dass die Typen erstmal mit dem Hartholtz, dem schweizer Generalvertreter (ich nenne ihn jetzt mal so) und dem Oberkommissar Tuchfühlung aufnehmen werden; da sie aber auch Wert darauf legen, zudem Kontakt mit Leuten aufzunehmen, die man zur gemäßigten Opposition rechnen dürfte, aber auch weitreichende Verbindungen ins Lager radikalerer Kräfte haben, ist selbstverständlich ein Treffen mit Olli und mir (ich bestand darauf, dass jene ebenfalls nur zu Zweien) anberaumt. Man will den Planeten ja, auch wenn er mal wieder umgebaut werden muss, mithilfe derer füglich entwickeln, die ihn am besten kennen.

Olli hat sich gestern halbtot gelacht. Einer von seinen Rentnerkumpels hat ihm gesteckt, dass der BND – die Jungs versuchen sich normalerweise diskret zu verhalten in Südschwitz – versucht hat, seine Ex anzuwerben, sie solle ihn amourös mal etwas von anstehenden Geschäften ablenken, wohl auch etwas aushorchen.

Nun ist Olli derjenige, der, wenn die Geschäfte wirklich wichtig sind, sich nicht einmal von einer Horde Satyrn, einem sibiriakischen Tiger oder sonst einem Untiere davon abhalten lässt, nicht einmal einer zuwenigst nichtschwangeren Frau, überdies sowas von nicht auszuhorchen, als wäre er das Unaushorchbartum persönlich. Olli ist einer der wenigen Menschen, die nur sagen, was sie auch sagen wollen.

“Mach Dir doch einen Spaß draus, vielleicht läuft ja nochmal was! Sie zieht denen die Kohle ab, und Du hast eine gut eingerittene Bettwärmerin”, meinte ich etwas launig dazu, einen halben Grinser im Gesichte.

“Das wäre sogar mal zu überlegen. Das lasse ich mir mal durch den Kopf gehen. Ich könnte mir sogar vorstellen, dass die Maimonida (er nennt sie natürlich, eine Marotte, nur so, sie heißt Mona) bei der Sache mitzieht. Manchmal, Magnus, hast du auch mal eine gute Idee.”

Wenn es der BND tatsächlich geschafft hätte, zwei so grundanständige und grundvernünftige Menschen wie Mona und Olli rückzuverkuppeln, brächte das fast schon eine Spende an eine derart karitative Organisation in den Bereich der Erwägenswertheit. Wie viel wird Mona wohl aus ihnen rauslassen können?

Jeder in Südschwitz weiß, dass Olli hier der Bierpapst (einen höheren Titel gibt es in Südschwitz nicht, das inoffizielle Staatsoberhaupt), der Gutelaunemacher der Republik, der absolute Realwirtschaftler, nichtmal Kartenzahlung in seinen Kneipen duldend, und die laufen alle, dass er der ungekrönte König von Südschwitz. Da wird es ihnen in dieser verzwickten Situation schon mal 50 oder 100 Mille wert sein; wenn Mona gut zockt (und das kann sie! so wahr mir Gott helfe!), vielleicht auch noch mehr.

Und da Mona vom Grunde ihres Herzens her eine waschechte südschwitzer Patriotin ist, kann sie den BND ja auch noch so füttern, wie das gerade nützlich.

Sie sehen, wir befinden uns gerade, obschon es hier weit und breit keinen Dschungel gibt, ein wenig im Dschungel.

Na da schau her: Olli hat Mona schon am Mobi. Das sieht gut aus. “Ja, prima, bis später.”

“Olli, könnte es sein, dass Du an der Krise in Südschwitz über ein Maß hinaus profitierst, das der anständige hanseatische Kaufmann noch als der Familienehre nicht abträglich erachtete?”

“Du weißt, Magnus, dass ich fast nie Hamburger esse, also verschone mich mit deinem Lettengeschwätz. Es wäre angebrachter, dass du weiteres Konstruktive beitrügest. Ja, da glotzt du. Derlei gestelzte Sätze habe ich nicht nur bei dir Fant gelernt. Der BND mag ein vergnüglicher Nebenschauplatz werden, unserer Sache auch ungewollt dienen; entscheidend aber sind die Deppen aus Norddoof. Wir müssen das Ruder auf diesem Treffen herumreißen, entscheidend, ganz. Na gut, vielleicht noch nicht ganz, aber letztlich doch wenigstens vorentscheidend. Was meinst du?”

“Ich denke, du hast recht. Wir werden nicht umhinkommen, die zwei Typen nach Strich und Faden zusammenzurichten zu müssen. Aber wir sollten sie zuerst, wenig einwerfend, ausreden lassen, dann, sich stetig steigernd, unserer Gedanken und Rede Macht anbringen.”

“Schwätzer. Brauchen wir noch ein Strategem? Mehrere? Sag was!”

(Olli kann einen schon ganz schön fordern.)

“Ich denke, spontan, ja, schön dass du mich so lange denken lässt, dass wir einerseits Zenzi als Überraschungsgast einsetzen könnten, voll auf die weibliche Drüse zu drücken, wir andererseits irgendwas von Menschenrechten erzählen sollten, so, dass sie es nicht genau begreifen, es aber mindestens so wirkt, als sei es gut vorbereitet. Und wir werden vor Mitleiden mit denen nur so triefen, die, leider, leider, wir sind nicht schuld, das Land wohl recht freiwillig wieder ihrer Anwesenheit entheben werden.”

“Kein schlechter Grundplan.”

 

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