Konstantin und der Abgender

Konstantin, dem nach seinem ersten dionysischen Abende zu Würzburg klargeworden war, dass der dortigen Universität ein also schicklicher wie nachhaltiger Besuch abzustatten sei, durchstreifte zunächst ein wenig die Räumlichkeiten, indem er sich als wie ein Altstudent oder Doktorand führend, am Röntgen- und Sanderring, stadtaus am botanischen Institut wie am Hubland umtat, den richtigen Ansatz- und Angriffspunkt auszuerspähen.

“Oha!” – Was fand er da?

Einen kleinen, fast unschuldigen Aushang des Inhalts, dass am heutigen Abend um 19.30 Uhr im Zuge des Studium Generale am Sanderring ein berühmt schwuler Gastdozent, Mister Pete Reuben Randolf Dooley, zum Thema “The Genes Of Gender Studies” im großen Hörsaal einen englischsprachigen Vortrag mit anschließender offener Diskussion abhalten werde.

Das gefiel Konstantin natürlich, indem er den Entenbraten doch schon ziemlich abspaziert hatte, gar wohl, denn also würde er sich nur nochmal über einen Gerupften mit zwei oder drei Brezeln, einen geruhsam dazu genossenen Silvaner im rechten Biergarten, hermachen müssen, den Kamm zwischendrein mal angewendet, einem womöglich also lustigen wie zielführenden Abend entgegenzusehen.

Dummerweise, so schien es zunächst, sozusagen, redete sich Konstantin mit einem theoretischen Physiker und dessen Freundin, einer philosophisch sehr bewanderten Altphilologin, deromaßen fest, dass er doch zwei Silvaner trank und auch noch eine gute halbe Stunde zu spät beim Vortrage eintraf, alswo er sich ganz schräg hinten oben diskretest noch dazusetzte.

Er kam genau richtig. Das Männlein da unten hatte sich in eine Art der merkwürdigsten Ekstase geredet, es war, wirr wie alles war, klar, dass es sich binnen kurzem zu einem Entscheidungssatze hinansteigern werde, einem Schlachtrufe, einem Mantra, zur Quintessenz seiner Blödheit hin. Und natürlich kam der Satz schließlich auch. (Es setzte noch ein etwas extrapeinliches retardierendes Moment an, kam dann aber doch, wie zu erwarten, zum Hauptergusse.)

“Gender mens, gender means you are somebody!”

Teile des Publikums tobten und rasten. Schreie, stehende Ovationen.

Mister Dooley, der Übergroßmeister, brabbelte noch einiges über bekannte Statistiken, dankte dem Publiko für die geschätzte Aufmerksamkeit, genoss seinen Schlussapplaus, sehr erfrischt einen Schluck Wasser nehmend, dabei neckisch mit dem Haupte wackelnd.

Mister Dooley ging es offenkundig richtig gut. Mit einer großzügigen Armbewegung verbunden, gab er, da mal mit gutem Timing, zu verstehen: “Questions may be asked!”

Eine mittelansehnliche Studentin, wahrscheinlich der Rechtswissenschaften, meldete sich zuerst und sagte: “Now how can I put this into jurisprudence?”

Immerhin Mister Dooley schien, recht offensichtlich im Gegensatze zu den meisten sonstigen Hörern, die Frage zumindest grundsemantisch verstanden zu haben, massierte sich ein wenig mit der Rechten die linke Schläfe, strich sich nochmal gemütlich über die Brust, antwortete sodann: “Gender IS jurisprudence!” (Er hatte, Engsachs, Berufsschwätzer, doch nicht gemerkt, wie wenige am Sanderring, im Studium Generale, jenes Wort kannten.)

Konstantin ergriff die Gelegenheit und lachte und applaudierte als erster. “Yea! Quite so!” – schmetterte er von oben herab, worauf weiteres, also angestecktes Lachen nicht lange ausblieb.

Mister Dooley strahlte über beide Backen. Er wusste jetzt endgültig, dass dies ein guter Abend war.

Es kam noch etwas Geplänkel, einiges übliche Gejammer, das in solchen Veranstaltungen wie bestellt auch kommt, bis dass sich alles, recht befriedigt wirkend, also weit beruhigt hatte, dass Konstantin vermutete, er könne, da ja so eingangs positiv aufgefallen, jetzo, wie als ob ins scheinglückliche Nichts hinein, eine wirklich fürchterliche Frage, ganz unschuldig und freundlich fragend, stellen.

Das tat Konstantin denn auch. Wie sie lautete, hat er mir aber leider noch nicht erzählt. Er meinte, ich solle auch nicht nur, vergleichsweise faul, kurz mal berichten, was er so alles verrichtet, sondern meinen Hirnkasten gelegentlich auch mal zu eigenen Leistungen in Gang setzen. Er kenne mich als nicht grunddumm, assoziativ nicht völlig unfähig, ich müsse ja nicht haargenau auf den Satz raten, aber immerhin in die Nähe, zumal auf den Sinn hin.

So spannt er mich selten auf die Folter. Ein Sinn muss sein. Ich sollte wirklich recht genau darauf kommen, was Konstantin Mister Dooley gefragt hat.

 

 

 

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