Vom Überall

Schlüsselblumen, lila und gelb, aus der Mauerritze noch, ihre Blüten streckend, da die Zierkirschen schon rosa künden, der Schlehdorn sein Weiß in Pracht entfaltet, der Bärlauch sein Grün zur Suppe reckt. Endlich. Frühjahrspracht.

Und wieder erzeigt sich die Zeit als ein Kreis.

Alswie jedes Jahr wollte ich am liebsten bloß meinen Ranzen schnüren, vier Wochen lang hinaus in die Welt, auf Schusters Rappen.

Nein, dieser Wunsch wird auch diesmal nicht erfüllt.

Der Brocken muss warten, wie auch Alb und Erzgebirg; das Rheinknie wie die Ostsee; die Mainauen wie die Seen Brandenburgs; das Felsenlabyrinth wie der Vogelsberg.

Sie alle aber sind in mir, erstehen in mir neu.

Wohl dem, der auch auf Geistes Rappen zu wandern versteht!

Ich liebe auch diese Stadt, in der ich lebe und schaffe.

Auch sie ist mir Hort und Hag.

Von Wald und Weinbergen umkränzt, mein zweites Wohnzimmer, mein Wirtshaus, mittendrin: Ich liebe sie.

Und doch wollte ich von heute auf morgen an meinem Lieblingsorte an der Ostsee unter Himmels Freiheit schlafen, die Sonne schräg links darin verglühend. Die wunderschöne Welt, allein, ganz, allein.

Und wieder war ich gerade schon dort. Die Felsenbrocken im flachen Wasser, mein Bier in der Rechten, Blick weit hinaus über Raum und Zeit. Jeder Mensch kann fliegen.

Sodann: Ameland. Ganz von Westen bis ganz nach Osten und wieder zurück. Brandung der Nordsee. Möwen, Wind, Dünen. Kaas, Brot, Wein. Alles, wes die Seele bedarf.

Nur noch still brausende Ewigkeit um mich.

Ganz All-Ein.

Schottland. Glencoe, die Isle of Skye. Weites, unberührtes Heideland. Hinter jedem Busche harrt ein Elf oder Troll. Jeder Stein beseelt. In jeder Erhebung wohnt ein rauher, und doch gütiger Geist. Einen Talisker noch, Schlaf, tiefer Schlaf. Freiheit.

Mein Bergbach in der Estremadura, allwo ich des Merkwürdigsten unternommen. Reste meiner selbstgezimmerten Hütte in der Ruine. Steineichen, Adler, Rosmarin und auch mal Ziegenhirten grüßen. Die Lammbrust gart im Topfe über dem offenen Feuer. Ein Glas Wein, Füße im Bach, Worte und Gesichte schwirren, alles ist so fern wie nah.

Über den Golfo de Fonseca im Einbaum. Der Steuermann allein erträgt die Mittagssonne freien Hauptes. Alles ist Glitzern, gleißendes Licht. Man redet nur leise.

Kalabrien. Minze, frisch, allüberall, wo man hinan. Sonsten nur ein Mensch.

Das Glück wird neckisch: Es weiß nicht mehr, wie es sich abwenden sollte.

 

 

 

 

 

 

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