Vom Strategeme der verbalen Unterlassung

Man soll ja nicht lügen, heißt es. Nicht einmal schwindeln. Ich will jetzt aber nicht der Frage hinterhersophistieren, ob es moralisch verwerflich sei, sich selbst dann, wenn noch keine direkte Not dazu zwingt, unterschätzen zu lassen.

Ich meine jetzt nicht das gemeine Tiefstapeln, sondern jenen Fall, da man, obschon man es anders halten könnte, Dinge erstmal treiben lässt, nicht aus Nachlässigkeit, sondern weil einem – zum Beispiel – ein merkwürdiger Geruch in die Nase steigt, der das geboten erscheinen lässt. Oder eine echte Notlage.

Ich rede jetzt auch nicht von dem, was man üblicherweise “den anderen in Sicherheit wiegen” nennt. Denn da wiegt man, tut nicht einfach nur nichts, oder weniger, als man tun könnte.

Das kann beispielsweise so aussehen, dass man, mit teilweise berechtigten Vorwürfen konfrontiert, zugibt, was zuzugeben ist, die ebenso berechtigte Einschränkung bzw. Kehrseite der Medaille aber bewusst nicht ins Spiel bringt.

Ist der angreifende Gegenüber nun ziemlich intelligent und lebenserfahren, hat einen bislang nicht als wehrlosen Vollblöd kennengelernt, so tritt als erster Effekt des Strategems, weiß er um mögliche Gegenargumente, eine gewisse Verwunderung, ja nicht selten schon ein Unbehagen ein.

‘Wieso wehrt der sich nicht? Will der sich einschleimen? Hat der so eine Angst vor mir? Was will der? Steht der grade auf der Leitung? Will der jemand anderen schützen? Steht etwas dahinter, das ich gar nicht weiß, nicht wissen soll?’ – Diese Fragen können sich, zumindest teilweise, durchaus unterbewusst aufbauen.

Das kann dann schon bald dahin führen, einerseits, dass der andere vorsichtiger wird, ein gewisse Hemmung eintritt, andererseits, dass er sich zu weitergehender Provokation, womöglich bis hin zur Dreistigkeit, veranlasst sieht. Sich gar vor anderen unzweifelhaft ins Unrecht setzt. Was immer noch nicht heißen muss, dass schon jetzt die Gelegenheit zum Gegenangriff zu nutzen sei. Unter Umständen überlässt man nun anderen das Feld, wehrt sich noch einmal nicht. Oder nur in alsoweit wie zwingend notwendig.

Nun fängt es im anderen an zu bohren, dass er ja, bei Licht betrachtet, gerade noch einmal glimpflich davonkam. Der die Gelegenheit, ihm richtig eine reinzusemmeln, auf dem Silbertablett geboten bekam, tat wieder – nichts.

Typischerweise wird er jetzt sehr vorsichtig. Oder aber er setzt das an, was man in Firmen ein “Personalentwicklungsgespräch” zu nennen pflegt. Er macht den Fürsorglichen, fragt einen, ob man denn private oder sonstige Probleme habe. Er sei kein Unmensch, ganz Ohr.

An dieser Stelle ist es in der Regel klug, nicht den Strahlemann zu spielen, sondern von diesen oder jenen alltäglichen Problemen zu berichten, von kleineren Nöten und Sorgen, wie sie fast jeden plagen, um schließlich zu dem stoischen Resümee zu kommen, dass das ja nichts Ungewöhnliches sei, es da und dort auch positive Entwicklungen gebe, blabla.

Nach dieser Runde weiß der andere noch weniger, woran er ist. Ab jetzt wird er – oft – anfangen, einen freundlicher zu behandeln, nicht einmal unbedingt verlogenermaßen, mit mehr Respekt. Man kann sein Territorium behalten, ohne dass ein Schuss gefallen wäre.

Oder aber er wird grob, zornig, macht entscheidende Fehler. Jetzt hat man ihn und schlägt blitzschnell zu.

Weshalb ich dies erzähle?

Ich war schon mehrfach in meinem Leben, schon als völlig ausgeliefertes, schwerverbranntes Kind, in Situationen, in denen ich gegen Aggressoren zunächst keine Chance hatte. Eigentlich, normalerweise, gar keine.

Manches Mal gelang es mir so, das Blatt zu wenden.

 

 

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