Konstantin und der Münchener Geck

Wie wir aus vorangegangener Meldung wissen, weilte Konstantin zuletzt in München. Nun, was allda, nachdem der Geck ihn in seine Agentur geladen, geschah.

Nachdem Konstantin sich mit seinem Anruf die gebotene Zeit gelassen, saß er also im Büro des Herrn Bruno Grieshaber, und wusste selbstverständlich, dass der, als moderner, betont weltoffener Münchener, über seinen doch eher weniger trendigen Namen, als Chef einer PR-Agentur, nicht eben angetan.

Das Gespräch hub, indem Grieshaber sich dem Gewichte der Sache angemessen lässig zurücklehnte, an.

“Nun, Herr Eulenspiegel, wollen wir nicht lange um den heißen Brei herumreden. Ich habe mir natürlich ein paar Gedanken gemacht, wie jemand wie Sie, der keinerlei professionelle Branchenerfahrung mitbringt, aber doch einiges an Weltläufigkeit, seine Fähigkeiten im Sinne der Unternehmensziele von Grieshaber Consulting & Communication Services einbringen könnte.”

Kunstpause.

“Die Firma Trimens, wohl auch Ihnen ein Begriff, wünscht eine etwas außergewöhnliche Dienstleistung von unserem Hause.”

Kunstpause. Konstantin merkte, dass er jetzt etwas sagen müsse.

“Die wäre, wenn ich fragen darf?”

“Nach der jährlichen Aktionärsversammlung, die nächste Woche, pflegt das höhere Management von Trimens mit einigen Bänkern, Wirtschaftsprüfern undsoweiter in exklusivem Rahmen feuchtfröhlich zu feiern. Man wünscht sich dieses Jahr, zur Auflockerung sozusagen, einen Alleinunterhalter, der sich auch auf derbe Späße versteht, dabei in der Lage ist, diese doch mit so viel Etiquette und Fingerspitzengefühl vorzutragen, dass auch die anwesenden Damen befreit mitlachen können. Kein leichter Auftrag also.”

Konstantin merkte gleich, dass etwas faul war, kam, Grieshaber ein wenig zu überraschen, direkt zur Sache: “Darf ich dem entnehmen, dass die Aktionäre dieses Jahr nicht nur Grund zur Zufriedenheit haben werden?”

Grieshaber wackelte etwas merkwürdsam mit dem Kopfe und entgegnete, sehr leise, fast andächtig: “Sie haben es erfasst. Die dort werden tags ganz schön Prügel bezogen haben. Die Aufgabe ist also durchaus etwas heikel.”

“Nun, Herr Grieshaber, ich sehe da kein Problem. Kalamitäten zu jokundifizieren, das ist eines meiner Spezialgebiete.” (Konstantin sahe sofort, dass sein Gegenüber ihn lediglich dem Sinne nach verstanden hatte, sich aber nichts anmerken zu lassen bemühte. Würde er jetzt auf den Punkt frech, so wäre ihm der Auftrag sicher. Also fasste er unmittelbar nach.)

“Problematisch wäre es allenfalls für Sie, wenn Sie mich nicht angemessen bezahlen könnten. Gute Arbeit, guter Lohn.”

Grieshaber war etwas stupefakt. Ein derart zielgerichtetes Vorgehen hätte er von jenem halben Gammler, den er da beim Italiäner aufgegabelt, gar nicht erwartet. Es bestärkte ihn aber darin, die richtige Wahl getroffen zu haben.

“Was haben Sie sich denn vorgestellt, Herr Eulenspiegel?”, versuchte er so lässig als möglich zu versetzen.

“Fünfzehntausend wären, denke ich, dem Gewichte des Auftrags angemessen”, meinte Konstantin, nach kurzer Pause, die Stirne ein wenig in Falten gelegt.

“FÜNFZEHNTAUSEND! -?”, platzte es aus Grieshaber heraus; er griff zum Wasserglase, nahm einen Schluck.

“Ja was dachten Sie denn?”, setzte Konstantin nach, sobald klar war, dass der andere sich wieder gefasst hatte.

“Fünftausend, und keinen Eurocent mehr!”, bellte Grieshaber.

Konstantin merkte, dass da noch Luft drinwar, Grieshaber definitiv keinen anderen hatte, dem er die Sache zufriedenstellend zu lösen zutraute.

“Also gut”, meinte er langsam, “ich habe heute meinen guten Tag. Weil Sie es sind: meinetwegen zehn, dann aber Vorkasse, Cash. Das ist mein letztes Wort.” (Konstantin mag unnötige Anglizismen nicht, dachte aber, dass Cash hier besser säße als bar.)

Grieshaber schnaubte, sah plötzlich fast zehn Jahre älter aus.

“Also gut, Sie… Also gut.”

Konstantin hatte also den Auftrag, nahm endlich doch einen Scheck, holte sich bei der Hypo, die noch genug Geld hatte, seine zehntausend Euronen und gab den Pennern der Stadt, wo er sie traf, erstmal einen aus.

Vier Tage später war Termin. Konstantin hatte absichtlich zwei Tage lang nichts gegessen und nur mäßig getrunken, um mit einem angemessenen Hunger und Durste schon einen professionellen Eindruck zu machen, indem er an Buffet, Champagner und Kognak herantrat.

Gegen zehn, also nach zwei Stunden, spannte sein Ranzen mächtig, und er hatte angemessenen mittschiffs einen im Kahn, war er an der Reihe.

“Verehrte Tridemensierinnen und Tridemensier!

Auf Bukette und Kokette, Adrette und Nette, folgen Faule und Fette, picklige abwicklige Trinen auf Draisinen. C’est la vie!”

Das Publikum wusste zunächst nicht, ob es lachen solle. Für den Fall hatte Konstantin aber vorgesorgt. Einem Kellner und einer Kellnerin vorsorglich ein Trinkgeld gegeben, wie sie es kaum je gesehen. Die lachten also – sie begann zuerst zu kichern – plötzlich platsch heraus, und, siehe da, die Masse folgte, schenkelklopfend, klatschend. Selbst die anwesenden Damen meinten schließlich, mitgackern zu müssen.

“Danke des Applauses zum einführenden Schwanke, ohn Aufgehanke

Sitzen hier doch, schwitzen in diesem Loch, wenig behende, lehnig, der zu kappenden Vorstände

Der leichten Damen, die jene Seichten nahmen, man sieht es, nicht fliehet’ man des’, auch welche kamen”

Zwei oder drei lachten, ansonsten verfinsterte sich manche Miene.

“Um anhiero, Schampus statt Biero, Blutes statt, feist und satt, Schweißes und Fleißes all jener halbert zu saufen, die nie auch nur eine Garnel’ von jenem langen Tische, auch nicht einen der Fische, können sich kaufen.”

Das Gesicht des Vorstandsvorsitzenden rötete sich. “Wer ist der Kerl?”, fragte er aus Versehen, denn es war still geworden, fast für alle im Saale hörbar seinen Nachbarn.

“Oh, der Herr sich tät gerieren, sich zu echauffieren?

Er etwa verwage sich zur Namensfrage?

Dem Manne kann geholfen werden.

Nein, Schiller ich heiß’ nicht, warum, weiß auch nicht.

Nein, man nennt mich Konstantin, den Eulenspiegel, manchmal auch Aufwiegel, den Hagel über Gagel, den Stechbeitel, der schabt und grabt, wo es eitel, den Sturmwind, wo Wurm sind, den Hopfer und Stopfer, wo gierige Schlünder statt redlicher Münder.

Man nennet mich, kennet mich auch…”

Der Vorstandsvorsitzende brüllte: “SECURITY!!! RAUS MIT DEM KERL!!!”

Konstantin schwieg und lächelte, leerte, indem zwei diskrete Herren auf ihn zukamen, noch seelenruhig sein Glas, dankte dem Publiko mit einem Winken für seine geschätzte Aufmerksamkeit, streckte den beiden die Hand hin, die aber nicht genommen ward, was er mit einem Kopfschütteln quittierte, indem er sich, ein Liedchen pfeifend, aus dem Saale geleiten ließ.

Konstantin meint, dass er zu München wohl nicht nur von jenem Grieshaber so bald wieder einen PR-Auftrag bekommen werde – wenigstens nicht unter Klarnamen – , dass sich die Sache aber unterm Strich gelohnt habe.

Und er vertraute mir auch noch an – er habe bei allen Auslagen noch gut siebentausend von jenen Euronen – , dass er jetzo gen Hamburg ziehen wolle; nicht nur, da man in München immerzu versessen darauf, sich wichtiger noch zu fühlen als die Hamburger, sondern auch, weil ihm inzwischen zu Ohren gekommen, dass man in Hamburg allenthalben schon über die Münchener Seppel lache, also, wie weiland die Augsburger über die Nürnberger, nachdem sein Bruder Till in der Freifrankenstadt gewesen war, deren Stadtbüttel, ihn an den Galgen jagend, in die Pegnitz gefallen.

 

 

 

 

 

 

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