Nie gehurt glaubt keine…

In der Nacht von Freitag auf Samstag war ich mit einer guten Bekannten schwerst unterwegs, und es ergab sich wieder einmal, dass die Rede auf Prostitution und damit auch die Männer und deren Verhältnis dazu fiel.

Im Zuge dessen kam es erneut dazu, dass ich aufrichtig beteuerte, noch nie bei einer Hur’ gewesen zu sein. Was mir aber erfahrungsgemäß keine Frau glaube, sie also wahrscheinlich auch nicht. Sie gab schließlich vor, sie glaube mir das ganz ausnahmsweise. Oder sie glaubte es mir sogar. Wer weiß. Wunder sollen ja vorkommen.

Ich habe in diesem abermaligen ehrlichen Anlaufe – hier wird mir wohl auch niemand glauben – gelernt, dass derlei Behauptung nicht nur sinnlos ist, sondern geradezu verdächtig macht. Nur der schlimmste Hurenbock und Schwindler kann in meinem Alter derlei lächerliche Märchen erzählen.

Damit, künftighin zu erzählen, ich gehe seit dreißig Jahren mindestens drei Mal am Tage zur Hur’, werde ich diese Sache wohl auch nicht zu wenden vermögen. Egal wie herum, keine Frau scheint noch einem Manne zu glauben, dass der nie Sex für Geld nachsuchte. Ob das mehr über die Frauen aussagt, als über die Männer, sei jetzt mal dahingestellt.

Einer, dem wenigstens ich glaube, dass er noch nie bei der Hur’ war, erzählte mir eine lustige Geschichte davon, wie er einmal, besser angeheitert, knapp daran vorbeischrappte, indem eine nunmal recht wohl gefiel.

Zu D-Mark-Zeiten, als das Geld noch etwas wert war, selbst die Huren als Zeitarbeiterinnen noch anständig bezahlt, stieß er auf jene sicherlich beachtliche Bordsteinschwalbe. Sie wollte für ihre Dienste 100 Mark. Er hatte aber nur 95 dabei. Also erkannte er die Sinnlosigkeit seines Freiens. Seitdem sei er, meint er, dessen kuriert.

Man könnte meinen, die meisten Frauen dächten, des Mannes vorderseitige Verlängerung sei ein tragischerweise (oder gar absichtlich?) vom Herrgotte anatomisch an die falsche Stelle gesetztes Ding: also, dass es unnatürlich weit vom Großhirn entfernt, welches es sich gandenlos unterworfen, dem Ursche näher als jenem.

Selbstverständlich sei hier nicht bestritten, dass der männliche Sexualtrieb nicht selten zu grobem Unfug verleitet. Das gilt aber für den weiblichen auch. Frauen lügen desbezüglich in der Regel bloß besser. (Ich erinnere mich grade daran, wie ich mich als Studel mächtig in eine verguckt hatte. Ich traf sie dann zufällig auf dem Würzburger Weindorf. Sie hatte ihren momentanen Galan dabei. Das war ein arroganter, dummer, aufgeblasener Betriebswirtschaftsdepp wie aus dem Bilderbuche der verhängnisvollen Eitelkeit; er ließ mich, wie er’s nur konnte, ob meines schriftstellerischen Interesses runter nach Strich und Faden; als dummes, nutzloses Subjekt; ich sagte ihm nur aus Höflichkeit gegenüber meiner Dulcinea nicht deutlicher, was ich meinerseits von ihm hielt. Mag wohl sein, so sehe ich das viele Jahre später, dass dieser Auftritt es war, der mein Werben um sie unterbewusst entscheidend schwächte. Erfolgreich darin, wäre ich heute wohl ein Sachbearbeiter und Fremdsprachenkorrespondent in einer langweiligen mittelständischen Firma und dürfte einmal in der Woche vielleicht zwei Bier trinken.)

Neulich träumte ich binnen weniger Tage zweimal von ihr, und sie war sehr nett zu mir. (Im Rahmen, versteht sich.) Immerhin. Es war also nicht alles umsonst.

Ich denke, wir können beide froh darüber sein – ganz abständig war sie keineswegs – , dass es mit uns nichts wurde. Eine wunderschöne, vernünftige, kluge Frau (bis auf den Esel) und ein unheilbarer, noch nicht einmal genesungswilliger Vollchaot: Das hätte kaum gutgehen können. (Soweit ich weiß, hat sie inzwischen Kinder. Und wohl nicht von jenem Esel. Hoffentlich von gar keinem Esel. Ich mag sie nämlich immer noch. Wenigstens hielt sie mich lediglich für unfähig, aber nicht für ganz doof. Sie war durchaus manchmal nett zu mir. Das tut der Seele gut. Und zahlen musste ich dafür nie. Sinnloses Ehrenwort.)

Ja, da war ich Blödel ziemlich lange mächtig verknallt. In der Tat kein Ausweis von Intelligenz oder gar menschlicher Reife. Von Weisheit gar nicht zu reden.

Ich verzeihe mir das aber trotzdem. Anmutig, vom Grunde her liebevoll, sogar mir einigermaßen wohlgesonnen, intelligent, bildungsnah, kunstsinnig. Man kann sich blöder vergucken.

Waren wir nicht “bei der Hur’”, wo wir vorgeblich nie waren? Aber jadoch.

Was jetzt folgt, ist nur für begabte junge Männer, die in ihrem Leben keine kleinen Buchhalter werden wollen. Alle anderen werden gebeten wegzulesen. Es geht sie nichts an.

Entweder hat Eure Dulcinea für Eure schwer kompatible Seite etwas übrig, liebt diese sogar, oder vergesst es besser gleich. Oder wenigstens so bald als Euch möglich. Oder, wenn Ihr das unbedingt erleben wollt, werdet halt Bettvorleger. Immerhin spürt Ihr so öfter mal süße Füßlein. Reicht Euch das, so sei es dergestalt gut.

Habt Ihr aber mehr vor in Eurem Leben, so geht lieber noch zur Hur’ und lügt halt darob, oder holt Euch einen runter (ist billiger), setzet darauf, dass Euch irgendwann doch eine raussucht (es ist s e h r unwahrscheinlich, dass es andersrum läuft, auch wenn Ihr Euch das einreden möget, was aber relativ egal), die nichts dagegen hat, wenn Ihr ein Buch lest oder ein Bier trinkt oder Euch gar mit guten Kumpeln trefft. Das ist der Sechser im Lotto.

Allerdings habt Ihr auf die Ziehung mehr Einfluss, als im Lotto. Macht Ihr gleich klar, wer Ihr seid, so erhöht sich die Wahrscheinlichkeit auf den Hauptgewinn sehr beträchtlich. Um Zehnerpotenzen.

Nein, ein Mann von Format muss nicht zur Hur’. Auch nicht zu einem dummen Horn. Frauen sind nicht dümmer als Männer. Allenfalls anders dumm. Also ist es zumindest statistisch gesehen logisch, dass auf jeden gescheiten Mann eine gescheite Frau kömmt. Lasst Euch nichts anderes einreden. Wer anderes erzählt, ist sehr beschränkt, oder aber er lügt.

Wo Ihr also frisch wie beharrlich an Euer Werk geht, da wird auch das rechte Weib kommen. Oder eben auch nicht. Ihr habt so aber noch Euer Werk. Damit mehr als zumindest der größte Teil vom Rest.

Friedrich Nietzsche machte meines Wissens einer Frau einen Heiratsantrag (damals war das noch so üblich). Sie lehnte ab. Er verzweifelte darob nicht, verlor nie ein übles Wort über sie. Wohl nicht nur, weil es nachvollziehbar war, dass sie nicht annahm.

Nichts ist umsonst auf der Welt. Am allerwenigsten die Besten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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10 Antworten zu “Nie gehurt glaubt keine…”

  1. Dude sagt:

    Ich muss gestehen, das fällt mir auch überaus schwer zu glauben.

    Nicht ein einziges mal???

    Ausprobiert hatte ich’s mal, jedoch schnell erkannt, dass es nichts für mich ist. Allzu konsumistisch-materiell ausgerichtete Praktik… …oder wie Du es sagst:

    “Nein, ein Mann von Format muss nicht zur Hur’.”

    Genau! :-)

    Lieben Gruss vom längst Enthurten ;-)

    Ps. Was sagst Du eigentlich zu meinen Hauptseiten (war ne ziemlich aufwändige und anstrengende Arbeit!)? Und wie sieht’s mit der Anfrage zur Kommentarsammlung und dem Eintrag im Blogroll hier aus, wenn ich so frech fragen darf? ;-)

  2. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Dude

    Ich bin beeindruckt, was Du in der kurzen Zeit auf die Beine gestellt hast. Was Kommentare und Blogroll anlangt…: Ich kann das hier gerade nicht erläutern. Ich habe die Runterkarte für den 31. noch nicht, aber ich denke morgen. Spätestens dann bei Dir.

  3. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Dude

    Noch zur Eingangsfrage (ich bin heute nicht in allen Disziplinen in Höchstform, man mag es schon gemerkt haben): Ja! Nicht ein einziges Mal!

    Nicht dass ich mich deshalb für einen besonders standhaften Helden hielte; vielleicht war ich auch bloß immer zu feige und versuche jene Not jetzo – erfolglos gleichwohl! – zu einer Tugend zu verklären.

    Egal. Die Leute glauben jeden Scheißendreck. Nur mir nicht. Das bin ich gewohnt.

  4. Dude sagt:

    Als Feigheit erachte ich es keineswegs, denn das ist es auch nicht. Es ist die Folge einer persönlichen Entscheidung, die so aktzeptiert werden will.

    Dennoch überraschend für mich! Auch wenn ich es heute schon längst nicht mehr bräuchte, möchte ich die paar wenigen Erfahrungen nicht missen, selbst wenn ich jetzt im Nachhinein meine, dass ich auch darauf hätte verzichten können.

    Ps. Danke! Das will was heissen, wenn ich gar Dich zu beeindrucken vermag! :-) Man sieht sich am Stammtisch. ;-)

  5. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Dude

    Das mit dem Stammtisch ist eine gute Idee. Hier passte sie nicht unbedingt her. Du wirst auch bei Dir wahrscheinlich irgendwann aufpassen müssen, dass die Gäste sich nicht zu oft volle Biergläser über den Kopf schütten. Das ist aber hinzukriegen. Ich freue mich sehr darauf, dies und anderes, auf dass es mit Deinem Blog was werde (was sich ja schon sehr gut anlässt), mit Dir bald Aug’ in Aug’ zu besprechen.

    Du hast sehr viel harte, ausdauernde Vorarbeit geleistet, auf dem MF, bei mir, sonstwo. Daher blickst Du in vielerlei Hinsicht schon durch. Wunderte mich nicht, hättest Du über nicht allzulang mehr Zugriffe als ich. Ich gönnte Dir das allemal.

  6. Dude sagt:

    “Du wirst auch bei Dir wahrscheinlich irgendwann aufpassen müssen, dass die Gäste sich nicht zu oft volle Biergläser über den Kopf schütten.”

    Hast Du folgende Hauptseite (über die Direktlinks zuoberst auf jeder Seite immer erreichbar übrigens) gesehen?

    http://dudeweblog.wordpress.com/uber-diese-seite/

    Darin steht diesbezüglich eine klare Ansage, also seh ich das locker. :-)

    Und ja, ich freue mich ebensosehr!

    Übrigens warst Du es, der mir den letzten nötigen Tritt in den Allerwertesten versetzte, als Du meintest:
    “Schaff etwas!” ;-)

    Als dann Jens Gloor noch anregte, ein WordPresskonto zu erstellen, hab ich mich an die Arbeit gemacht.

    Ps. Je mehr Zugriffe es gibt, umso mehr werden – selbst wenn die Prozentzahlen ungefähr gleich bleiben – auch mal hier hereinschnuppern. ;-) Heute (Sonntag) hatte ich übrigens schon mehr als die ganze Woche zuvor! Hat ziemlich gerattert, was mich sehr erfreut, zumal die Promoaktion ist erst am anlaufen ist… :-)

  7. Dude sagt:

    Ps. Achja, noch kurz zum Stammtisch. Den hab ich hauptsächlich dafür eingerichtet, dass jede und jeder auch ganz einfach ohne Themenbezug drauflospalavern kann. :-)

  8. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Dude

    Du fängst es, auch wenn manches vorgetragene Pathos nicht meins, bislang sehr klug und durchdacht an.

    Ich verschimmelte hier anfangs, recht lange, trotz Verlagsunterstützung und einer Maske, mit der ich heute noch zufrieden bin, da sie für das taugt, was ich will, auf wenigen, auf die Finger von ein paar Händen passenden Zugriffen am Tag. Bis überhaupt erste Kommentare kamen, dauerte es lange. Ich wurde deshalb sogar öffentlich verspottet. Aber nur von dummen Linken. Wurscht. Das ist ja fast schon eine Ehre. Nein, nicht wirklich. Es ist einfach egal.
    Ich denke, dass Dich in der Schweiz schon eine ganze Menge Leute kennen. Soweit ich mit meinen begrenzten Mitteln dazuhelfen kann, sorge ich dafür, dass Du auch im “großen Kanton” wahrgenommen wirst. Du hast hier bei mir mächtig viel eingebracht, und das vergesse ich mit Sicherheit nicht. Außerdem sind wir, jedenfalls von mir her, inzwischen Freunde.

    Es ist mir scheißegal, was andere davon halten, dass Wesel Göller zu einem ziemlich eigenwilligen, abgefahrenen Schweizer hält. Ich weiß, was mir wichtig ist. Kleine deutsche Eckensteher sind es mit Sicherheit nicht.

    Du hast die Frische der Jugend. Allerdings geht die mir auch nach wie vor nicht unbedingt ab. Ich habe vor, sollte es auch doch mit 90 oder älter sein, jung zu sterben. Davon kann mich keiner abhalten; allenfalls ich selbst.

    Zu ein paar technischen Sachen, die meines Erachtens ratsam, werde ich mich hier auf diesem Wege nicht äußern; es gibt nicht einmal bei mir für jeden einfach öffentlich alles umsonst; ich weiß ein paar Dinge, die andere offenkundig nicht wissen; und die verschleudere ich nicht an jeden. Deshalb freue ich mich darauf, jetzt, da es sich zu einem kaum besser denkbaren Zeitpunkte ergeben dürfte, bald nach Zürich zu kommen, nicht unwahrscheinlicherweise hilfreich wirken zu können, darüber hinaus drei angeregte, fröhliche, lachende, schaffende Tage zu erleben.
    (Mir, nochmal, egal, wer das für ein übertriebenes Pathos hält. Wir wissen, worum es geht. Was liegt am Rest.)

  9. Dude sagt:

    “Außerdem sind wir, jedenfalls von mir her, inzwischen Freunde.”

    Ja, von mir her genauso! :-) Ich freue mich also schon jetzt auf Deinen baldigen Besuch im Blutgeldmoloch. Du kannst ja Konstantin mitbringen. Der kennt sich hier ja schon aus… ;-)

    Den Rest besprechen wir am besten dann Aug in Aug.

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