Von einer der übelsten “pädagogischen” Lügen

Man pflegt jungen Menschen stets zu erzählen, dass es “zu etwas bringe”, wer sehr Gutes, Herausragendes, gar Einzigartiges leiste.

Das ist eine Lüge, eine der geläufigsten, verbreitetsten Lügen, die dem Nachwuchse aufgetischt werden. Ich nenne mal nur die Namen Heinrich von Kleist und Vincent van Gogh.

Die Grundmotivation für diese “pädagogische Lüge” ist klar: Der junge Mensch soll sich anstrengen, an Erfolg durch beharrliche Arbeit glauben. Hiemit auch an die Gerechtigkeit und Wohlgeordnetheit der Gesellschaft.

Nur: Sei diese Lüge auch noch so wohlwollend und edel gemeint, so stellt sich doch die Frage, ob sie deshalb gerechtfertigt sei.

Gerade viele der Begabtesten werden nämlich nicht über lange feststellen, dass sie dort, wo sie lediglich Überdurchschnittliches leisten, recht zügig vorankommen, andererseits gerade mit dem nicht, worin sie besonders begabt und ambitioniert.

Das lässt sie dann leicht am Werte ihres Werkes zweifeln, an der Gesellschaft, den Umständen, gar verzweifeln.

Es wirkt natürlich durchaus auf viele Menschen geradezu subversiv, sagt man zu Heranwachsenden: “Du musst damit rechnen, dass man dir eben auf jenem Felde, wo du Außergewöhnliches leistest, die größten Steine in den Weg legt, dich gnadenlos an die Seite drängt, bekämpft, verleumdet, zum Spinner, zum Versager erklärt, dich ignoriert, dich deswegen mundtot macht, für verrückt erklären lässt, in eine Nervenheilanstalt oder ein reguläres Gefängnis einweist, vielleicht gar umbringt.”

Eine zwar wahrhaftige und vielfach belegbare Aussage, doch zunächst wenig ermutigend; zudem fragt zumal der begabte junge Mensch sich wie den also Sprechenden, auch andere, sofort, jedenfalls, sobald er den Hinweis auf seine Gültigkeit geprüft, weshalb das denn so sei: ob diese menschliche Gesellschaft denn mindestens teilwiese geistfeindlich aufgebaut. Ein klares Ja ergibt sich als Antwort bald. Es sei denn, er verdrängt die Realität, blendet die Wirklichkeit aus seiner Wahrnehmung aus.

Selbst letzterenfalls aber möchte es im Laufe der Zeit dahin kommen, dass die Wirklichkeit nicht mehr von der Hand zu weisen, da allzu persönlich erfahren real.

“Wozu soll ich dann Tag und Nacht üben, lernen, meine schöpferischen Kräfte zu bilden, um selbst für den unwahrscheinlichen Fall, dass ich es zu wahrer Meisterschaft bringe, damit rechnen zu müssen, als ein Spinner, ein Schmarotzer gar, dazustehen, der den größten Teil seines Lebens unnütz vergeudet habe?” – : Also lautet die logische Folgefrage des Adoleszenten.

Vor dieser Frage haben sehr viele Erziehenden unterbewusst oder auch oberbewusst Angst; einmal wohl, weil sie dem jungen Menschen den Mut nicht nehmen wollen, andererseits, weil sie sich und ihm, oder nur ihm, zu suggerieren trachten, die Welt sei schon im Großen und Ganzen, zumal für den Leistungswilligen, in Ordnung, keinen Revoluzzer heranzüchten möchten; oder sie wissen schlicht keine Antwort auf die nicht einfach von der Hand zu weisende Frage. All diese Aspekte können selbstverständlich in unterschiedlichen Mischformen zum Tragen kommen.

Hierbei sind jetzt nur jene Erzieher berücksichtigt, die nicht kalt lächelnd lügen.

Wie nun, setzen wir den Fall, wir wollten in einer so fundamentalen Frage unsere Erziehung nicht auf Lüge, sondern auf Wahrheit gründen, lautete eine gute, ehrliche Antwort?

Ich versuche es mal: “Der Mensch ist gemeinhin ein Gewohnheitstier, so dass das Alte dem Neuen schon wie von selbst mit großer Macht im Wege stehen kann. Auch gewachsene Interessen und Machtstrukturen ganz gezielt. Zudem verfügt ein Großteil der Menschheit nicht wirklich über ein eigenes ausgebildetes Urteilsvermögen; die Masse findet gut oder schlecht, was ihr gesagt wird, dass sie gut oder schlecht finden solle. Ohne also, dass dies bedeutete, du möchtest nicht auf Kritik hören, nicht auch Gründe für Erfolg hiermit, Misserfolg damit, anhand derer wägend abgleichen. Letztlich aber führt an zwei Dingen, es sei denn, kann ja sein, alles läuft gut – und selbst dann sind diese beiden Punkte ratsamerweise zu beachten- , kein Weg vorbei. Erstens musst du lernen, die Sache, der du dich verschreibst, um ihrer selbst willen zu tun. Sie muss einen intrinsischen Wert für dein Leben haben, der dir von niemandem, nicht Spötter, nicht Stümper, nicht Großmogul noch Hundsfott, genommen werden kann. Zweitens musst du lernen, den Wert deines Schaffens, deiner Werke, selbst beurteilen zu können, egal, was wer gerade dazu sagt. Ganz egal, wer.”

So ähnlich habe ich in meiner 15-jährigen Lehrtätigkeit schon vielen jungen Menschen reinen Wein eingeschenkt; was die Frage darnach, ob ich dies zu tun grundsätzlich für richtig halte, implizit beantwortet.

Es gibt meines Erachtens in der Pädagogik zwar Dinge, die man erst ab einer jeweiligen Entwicklungsstufe ansprechen und ausführen kann, ja darf, aber keinerlei Rechtfertigung für eine Lüge derartiger Tragweite. Keine. (Es sei denn, man merkt, dass der Schützling, zumindest vorläufig, ob seines Temperamentes oder anderer Umstände, diktatorischer zumal, bis zu einer bestimmten Reife notwendigerweise noch etwas im Dunkeln zu halten, eben zwangsweise dergestalt zu schützen sei.)

Wer als Erzieher, Ausbilder, Lehrer aus anderen Gründen, sei es Angepasstheit, Feigheit, Unwissenheit, dem Nachwuchse hierzu die Wahrheit “erspart”, gar eben lügt, der hat in einem derartigen Berufe meines Erachtens nichts zu suchen.

Es ist nämlich einer der Hauptbehufe jeder erzieherischen Tätigkeit, Lebenstüchtigkeit entlang der gegebenen Wirklichkeit zu vermitteln; die Fähigkeit, auch lange Zeit wacker vor dem Winde zu kreuzen.

Dazu taugt die Leistungslüge nunmal überhaupt nicht. Im Gegenteile.

 

 

 

 

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8 Antworten zu “Von einer der übelsten “pädagogischen” Lügen”

  1. Dude sagt:

    Weise Worte!

  2. Thomas sagt:

    Ja, dem kann ich nur beipflichten.

    Angezüchteter Leistungswille zerstört die Dichter und Denker. Leistungswille kommt von allein, wenn die Motivation und das Wissen über die Richtigkeit selbiger aus der eigenen Kreativität, dem eigenen Willen heraus entsteht.

    Dazu braucht es den Mut zur Freiheit, welche auch gleichzeitig Mut zum gewaltigsten Risiko, das man eingehen kann, erfordert.

    Aber gerade in dem Zustand der heutigen Welt wird diese Freiheit erschwert oder gar verunmöglicht. Gewollt. Man braucht heute nicht nur Mut sondern schon fast eine Portion Glück obendrauf.

  3. Anonymus sagt:

    Da ist irgend etwas passiert. In der Belle Epoque und auch noch nach dem ersten Weltkrieg heimsten die Deutschen Nobelpreise ein, im Grossen und Ganzen brachte man vielleicht nicht die allerbesten, aber doch gute Leute „nach vorne“. Tempi passati, nicht nur in Deutschland.

    Das fängt an, dass irgendwelche Nobodys Steve Jobs aus seiner Firma rausgeschmissen haben, da waren sich alle einig der ist outstanding gut und muss deshalb raus! Vor 30 Jahren habe ich mal eine Anzeige gelesen von der Objektivfirma Tamron, dass man die Geschäftsleitung gewechselt hätte und den geschassten alten Chefmathematiker (Japanischer Name) wieder eingestellt hätte und nun wieder an alte Erfolge anknüpfen wolle. Irgendwer erzählte mal von einer Fernsehsendung in der Schweiz, dass Herr Vasella von Novartis (Zusammenschluss von Ciba Geigy und Sandoz) sich hunderte Millionen von Boni genehmigt und der Pharmazeut, der das Mittel mit dem man 75% des Unternehmensgewinns erwirtschaftet in eine Besenkammer verbannt wurde und jeden Tag mit seinem Rausschmiss rechnen muss.

    Ich selber habe einen Deutschen Produktionsdirektor erlebt, der schlicht Analphabet war und in 3 grossen, namhaften Deutschen Aktiengesellschaften seine Karriere gemacht hat. Das war kein Versehen, das war ja gerade der Clou, dass der nun wirklich überhaupt gar nichts konnte. Der hielt alle anderen den ganzen Tag vom Arbeiten ab, weil er eine Konferenz nach der anderen einberief, weil er nicht wusste, wie er sich sonst die Zeit vertreiben sollte. Das war das krasseste Beispiel, welches ich in meiner unmittelbaren Umgebung erlebt habe. Leistungsfähigkeit und Leistungswille sind nicht nur nicht gefragt, sondern führen im Gegenteil zum Rausschmiss. Oder wie Martin Wehrle es formulierte „Absolute Unfähigkeit ist oft das einzige Einstellungskriterium.“

    Wir alle merken es, seit 1992/93 ist unser aller Lebensstandard Weltweit am sinken und wahrscheinlich ist die momentane Wirtschaftskrise auch nur ein Auswuchs davon, wenn es jedes Jahr weniger gibt, sind die Verteilungskämpfe härter als zu zeiten, wo es jedes Jahr mehr gab.

    Die Ursachen für dieses Desaster sind noch nicht einmal in die Diskussion eingebracht! Als ich ein kleines Kind war, war das Wichtigste bei einem Unternehmen, dass es Gewinne machte. Die Aktien grosser Gesellschaften befanden sich in Streubesitz und Rentner schnippelten Coupons und konnten die Ausschüttungen verleben, hin und wieder wurde das Kapital erhöht und es gab auf 5 alte Aktien eine neue, das Anlagekapital vermehrte sich sozusagen von selber. Tempi passati!

    Die Rendite, die Aktien heute abwerfen, interessiert niemanden mehr, weil unbedeutend klein auf den Aktienkurs. Heute werden Unternehmen nicht mehr nach dem erwirtschafteten gewinn beurteilt, sondern nach „Kennziffern“ wie Rendite auf das nominal eingesetzte Kapital, Umsatz pro Mitarbeiter etc. Wie man diese Kennziffern frisiert, wissen alle, Man verkauft das Anlagevermögen und mietet das zurück und kauft von dem Geld die eigenen Aktien aus dem Markt, womit die Rendite auf das nominal eingesetzte Kapital enorm steigt. Man entlässt Mitarbeiter und stellt Leihpersonal ein, damit der Umsatz pro Mitarbeiter steigt. In diesem System sind Leistung und Innovation auf der Strecke geblieben, brauchen Finanzfuzzis nicht und wollen die auch nicht haben, die stören nur.

    Erinnert mich an die Wipperer und Kipperer des Mittelalters, die einen schnitten von den geprägten Münzen den überquellenden Rand ab und machten aus dem so gewonnenen Edelmetall mehr Münzen (geht heute nicht mehr, der Rand bekommt deshalb auch eine Prägung) und die anderen setzten den Edelmetall Gehalt herab und machten mehr Münzen daraus. Irgendwann war der Kupfergehalt der Silbermünzen so hoch, dass die schon kupferrot wurden. Dann ätzte man das Kupfer vorm Prägen aus der Oberfläche und hatte wieder silberne Münzen, nach einiger zeit im Umlauf kam die Kupferfarbe wieder durch.
    Die modernen Wipperer und Kipperer kaufen Unternehmen und veräussern die stillen Reserven, Werkswohnungen für die Beschäftigten, Erweiterungsgrundstücke etc. (analog zum Rand abschneiden) und verkaufen das Unternehmen weiter. Nachfolger verkaufen das Anlagevermögen des Unternehmens und mieten alles zurück (Edelmetallgehalt herabsetzen)

    Wie konnte es dazu kommen ? Heute ist zwischen den eigentlichen Geldgebern und den Unternehmen eine Wand gebaut, Fonds nennt man diese Wand. Die Sparer haben sich Ihre Aktien abschwatzen lassen und sich dafür Fondsanteile andrehen lassen und nun haben die Banken über die Fonds das Sagen, die 2/3 eines Unternehmensgewinns als Boni ausschütten und sich gegenseitig in die Taschen stecken und die Kapitalgeber gehen leer aus. Das Mittel dagegen ist banal, der Staat ist aufgerufen dieses Fondsunwesen und andere „Finanzprodukte“ mit Steuern, mehr Steuern, Sondersteuern, Zusatzsteuern, Fondssteuern, Finanzproduktesteuern, Finanzprodukteertragssteuern einfach kaputt zu machen. Nur das wird nicht passieren, so lange unsere Politiker von den Brosamen, die von der (Finanz-)Herren Tische fallen partizipieren.

  4. Thomas sagt:

    Schuld daran ist unser beliebig vermehrbares Schuldgeld, mit dem die Staaten, die eigentlich sogar das Monopol darauf hätten (!), sich von den Bankstern den Nasenring anlegen haben lassen. Schuld ist auch der Verwaltungswust, der von unfähigen Bürokraten erzeugt wird und uns alle allmählich erdrückt. Und schuld ist die Alles-Umsonst-Mentalität, die sich aus unserem tollen Sozialstaat entwickelt, der immer mehr die Nanny-Funktion übernimmt und die Menschen immer mehr aufhören, selbständig zweidimensional zu denken.

  5. Anonymus sagt:

    Der texanische Vater sagt zu seinem Sohn:

    “Was willst Du an einer Universität? Entweder Du weisst, wie man Geld macht und dann brauchst Du da nicht hin oder Du weisst nicht, wie man Geld macht und dann wirst Du es an einer Universität ganz bestimmt auch nicht lernen!”

  6. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Anonymus

    Jaja: Geld “machen”…

  7. Dude sagt:

    All about the fuckin’ bumboclaat bloodmoney….

  8. Rechte sagt:

    Lernen ist wichtig, arbeiten ist ebenso wichtig. Wir brauchen ein System, in dem die Tüchtigen das Sagen haben. Nur wer etwas ist und etwas kann, ist in der Lage die Gesellschaft und den Staat umzukrempeln!

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