Vom Werte und Frommen der Traurigkeit

Dass die Traurigkeit das Antonym zur Fröhlichkeit, ist Gemeingut.

Man schreibt nun aber der Fröhlichkeit im Vergleiche mit der Traurigkeit unbillig einseitig einen überlegenen schöpferischen Inspirationsquell zu.

Fraglos vermag Fröhlichkeit befreiend für die körperlichen Säfte wie geistigen Kräfte zu wirken; wer bestritte das; die Traurigkeit ist mir dieser gegenüber heute aber allzuschlecht beleumundet.

Denn Traurigkeit, als eine Art der Kontraktion, kann eben auch Konzentration, die Rückführung auf Wesentliches, eine Brücke zu tieferer, genauerer Erkenntnis zeitigen, also, dass ein gegründeterer, gar neuer Ausgangspunkt für Schaffen und Wesen daraus erwächst.

Oft entspringen so die weitreichendsten Ideen. (Nur Cervantes als Beispiel genannt.)

Man kann durchaus behaupten, dass erst der ein reifer Philosoph, ein Weiser, der dies bewusst erkannt und sich zunutze gemacht.

Die Traurigkeit kann jenes Senkblei in die eigene Seele bedeuten und bilden, auch in diejenige anderer, welches erst richtig den Geist der Schwere auslotet, hiemit, umgekehrt, jenen der Leichtigkeit entdecken lässt, zum Fluge bereitet.

Gelobt sei also die bewusste, wache Traurigkeit! Ja selbst die Niedergeschlagenheit, reckt und streckt sie zu höheren und heilenden Kräften!

Also ist die Traurigkeit eine Prüfe, manchmal gar ein Ordal.

Gleich den Nachtmahren, von denen ich kürzlich schrieb, welchen sie ein Anverwandter, ist es besser, sie manchmal willig anzunehmen: soweit es die augenblicklichen Kräfte eben zulassen.

Jede Traurigkeit ist, gleich physischem Schmerze auch, eine Warnung und ein Zeig.

Wobei es selbstverständlich kleinere Traurigkeiten und Schmerzen gibt, denen man durch Nichtbeachtung die beste und heilsamste Achtung entgegenbringt.

Entscheidend bei tiefer Traurigkeit ist, dass man zwar Rats annimmt, doch nicht einfach nach Strohhalmen greifend, sich darüber im Klaren, dass man sich von dort unten, wo das Senkblei hingelotet, letztlich nur selbst wieder hinanhelfen kann.

Viel, ein großer Teil der erhabensten Kunst, die der Mensch je geschaffen, entsprang auf diesem Wege. Zweifelsfrei.

Alswomit allerlei Religionen, Rituale, Glücksseminare, psychische Konditionierungsübungen hin zum “positiven Denken”, eines fundamentalen Schwindels überführt.

Gleichmut ist nicht immer gut. Denn allzuoft entfernt der Gleichmut den Schaffenden nicht nur von seinem Bauchirne, sondern trübt ihm obendrein noch seinen kortikal verwalteten Verstand.

Man meide daher Gesellschaft, wo Traurigkeit nicht zugelassen. Wo alle immer zwangsfröhlich, finden sich wohl Hedonismus und Ausgelassenheit, aber nie Geist, der wirklich trüge, sondern nur jener, der trügt. Irgendwann wird jedes Lachen dorten hohl.

Man lerne vielmehr, seiner Traurigkeit, in allem Ernste, ein neues Lachen abzutrotzen. Selbst wenn man es stehlen oder gar rauben muss.

Es ist jenes das Bild des Barons von Münchhausen, der sich am eigenen Schopfe aus dem Sumpfe zog.

 

 

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