Von den Nachtmahren

Ich habe mich schon öfter gefragt, ob es sinnvoll sei, sich Alpträumen absichtlich auszusetzen.

Ich tendiere in der Frage inzwischen zu keinem generellen, aber verhaltenen, vorsichtigen Ja.

Zunächst von wegen “absichtlich”: Man kann Alpträume, wenn aufgewacht, gezielt unterbrechen, sei es nur, dass man eine Weile wach bleibt, an etwas anderes denkt. Man kann aber auch grade wieder hineingehen. (Beides klappt nicht unbedingt wie am Schnürchen, aber es geht prinzipiell.)

Besser daran, Alpträume zu meiden, ist natürlich, dass man all die schrecklich verrückten Dinge nicht sehen muss, die einem, bekanntlich, ganz schön zusetzen können. Im Schlafe und noch danach.

Andererseits: Wieso hat man Alpträume?

Gesetzt den Fall, keine Außerirdischen oder Doktores Mabuses impfen die einem irgendwie ein, so rühren sie von einen umtreibenden, nicht verarbeiteten Notstrata der eigenen Psyche her.

Stellt sich nun die Frage, ob – selbstverständlich je nach den Kräften, die man gerade dafür aufzubringen vermag – man jene “Traumata”, seelischen Verletzungen und Behinderungen, besser einfach durch wackeres, hiemit erfolgreiches Tun im Wachen auflöst, oder ob man die Herausforderung auch im Schlafe annimmt, mit den Nachwehen, aber auch mancher möglichen Erkenntnis im Wachen.

Wird der – zweifellos negative – Aspekt der energetischen Verausgabung möglicherweise dadurch mehr als nur aufgewogen, dass man sich sich selbst noch im Schlafe stellt? All jenen Menschen und Umtrieben, die da ja nur so auftauchen können, wenn sie einen nach wie vor beschäftigen?

Ich kann da natürlich nur von mir sprechen, bin mir auch da nicht sicher.

Vorläufig habe ich aber entschieden, Alpe an mich herankommen zu lassen. Nicht, sie zu suchen. Ihnen aber auch nicht zu entfliehen.

Erstens: Sie sagen mir etwas. Zweitens: Ich denke nicht, dass Flucht hier eine Not dauerhaft hebt. Drittens: Selbst in einem Alptraume zu bestehen, an der richtigen Stelle “NEIN!” zu sagen, möchte eine mindestens so weitreichende Tat zur Genesung darstellen, Erkenntnis schaffen, alswie Mut und Tat im Wachen.

Gerade in der von Willkür und Grausem und Unverständlichem, Überwältigendem, Verquerem, Bösem, unüberwindlich Scheinendem, von überall her Widrigem bestimmten Lage des Alpes möchte man zur eigentlichen Selbstbehauptung gelangen.

Letztlich ist der Alp eine Form der Autokommunikation. Der Alp zeigt nur, was man, sozusagen, mit sich selbst noch nicht richtig beratschlagt und beredet hat.

Es gilt daher, meines Erachtens, den Alp als eine Art des notwendigen Heilschmerzes und -vorganges anzunehmen.

Großes Lebensglück, Erfüllung in Schaffen und Liebe, mag ihn auch so vertreiben; aber doch nur zeitweise; denn sobald das Große Lebensglück nicht mehr hält, was bekanntlich leicht passiert, wird er sich sehr wahrscheinlich zurückmelden, womöglich mit doppelter und dreifacher Wucht.

Ich habe dabei die Erfahrung gemacht, dass das, was bei mir zunächst als am wahrscheinlichsten anzunehmen, alpträchtig zu sein, meine Schwerstverletzung in früher Kindheit, mit hier nicht zu beschreibenden Qualen und Grausamkeiten physischer und psychischer Art, keine Alpe bringt.

Warum?

Ich habe dafür eine bei näherem Hinsehen gar nicht so erstaunliche, einfache Erklärung.

Ich habe all diesen Abgrund BEWUSST erlebt! Ich WUSSTE, sehr bald, wo ich stand! Eher, hilflos, lag! Da war nichts zu verdrängen. Ich war da, wo ich war, im Scheißeloch, und es galt, das merkte ich schnell, sehr zäh und sehr klug und sehr genau der Lage bewusst zu sein, um irgendwie zu überleben. Es gab gar keine andere Chance, als sich der Sache völlig illusionslos zu stellen.

In anderen Lagen habe ich verdrängt, die Schräglage zugehängt, gehofft, anstatt das Notwendige zu tun, es wurde wirklich gefährlich, und ich merkte es nicht, dachte ich zu kurz, kam gerade noch davon, oder auch mit vermeidbaren Blessuren, überschätzte oder unterschätzte ich mich, fand ich nicht die notwendigen Mittel, war ich zu denkfaul, sonst zu faul, feige gar, hörte auf mein Bauchhirn nicht, sah ich nicht, was eigentlich vor sich ging, zu tun sei.

Dazu kommen bei mir die Alpe.

Das verwundert mich nicht.

Ich will nicht auch noch vor denen weglaufen.

 

 

 

 

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