Vom Kurzgeschichtenunfuge

Vorhin hatte ich nachhilfehalber mal wieder mit einer jener erbärmlichen, sinnlosen modernen Kurzgeschichten zu tun, mittels derer man nicht nur Oberstufenschüler, sondern auch Studenten der Literaturwissenschaft seit Jahrzehnten sehr erfolgreich quält.

Da hieß es (es war zum Glück eine kurze Kurzgeschichte, kaum eine dreiviertel Seite) unter anderem, fast zu Anbeginn, über einen Mann, den die minderjährige Ich-Erzählerin kennenlernt: “Er trug Jeans, Jacke und Hose.”

Bemerkenswert. Nicht nur, dass der Kerl seine Hose erstmal noch anhatte (es kommt in der Beziehung späterhin nicht zum sexuellen Vollzuge), er trug auch noch eine Jeans dazu. (Man kann es natürlich auch anders verstehen; lustig ist’s trotzdem.)

Das muss Lolitas (er ist, wie sich gleich hernach herausstellt, Drehbuchautor und Regisseur) ja schwer anmachen, wenn ein reifer Mann erstens eine Hose anhat, sie womöglich gar noch selber angekriegt hat, und zusätzlich noch eine Jeans!

Über den Rest dieser kleinen Schmonzette verlohnt es sich nicht, weitere Worte zu verlieren, außer, dass es sich um eine Kurzgeschichte dreht, die per definitionem des Hohen Pseudophilologischen Rats gar keine ist, aber als solche eine Kollegstufenklausur kleidete. (Sie ist – beinahe hätte ich gesagt natürlich – auch inhaltlich widersprüchlich und sprachlich inkonsistent. Naja, was will man schon erwarten.)

Denn am Schluss stirbt der Filmemacher nach langem Siechtum im Krankenhaus, Beerdigung, fertig.

Der Hohe Pseudophlilogische Rat hat nämlich irgendwann dekretiert, dass eine Kurzgeschichte nicht nur eine kurze Geschichte sei, was ja noch nachzuvollziehen, sondern sowohl einen offenen Anfang, als auch ein offenes Ende aufweise.

Das heißt die Geschichte fängt irgendwo mittendrin schlagartig an, hört genauso schlagartig, mit uneindeutigem Ausgange, auf.

Das ist hier nun, was das Ende anlangt, zweifellos nicht der Fall.

Haben wir es also in Wirklichkeit mit einer Pseudokurzgeschichte (“Short Story”, der meiste Mist kommt aus Amerika) zu tun, oder mit einer Halbkurzgeschichte?

Ich weiß es nicht.

Ich frage mich nur, wie lange die diesen Kurzgeschichtenunfug in der Form noch durchhalten werden.

Da sie sich nun aber schon seit Jahrzehnten festdefiniert haben, jene von Hohen Pseudophilologischen Rate, steht zu befürchten, dass es noch eine Weile dauert, bis dass dieser Quatsch im Mülleimer der Geschichte der Sprachwissenschaft gültig entsorgt.

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Eine Antwort zu “Vom Kurzgeschichtenunfuge”

  1. Thomas sagt:

    Sehr schick. ;) Vielleicht ein Rechtschreibprogramm-Fehler? Er trug Jeansjacke und Hose? Wer weiß…

    Meine Abstinenz hier gründet von viel Arbeit, dies zur Information.

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