Es braut sich was zusammen in Deutsch-Südschwitz

In Deutsch-Südschwitz, jener merkwürdsamen, hessengroßen deutschen Enklave am Südrande der Sahara (inzwischen hat selbst der Sonderwirtschaftszonenoberkommissar den Begriff “Enklave” verwendet), gehen rasante gesellschaftliche Umwälzungen vor sich.

(Letzter Bericht: “Kriegen wir keine kleine Kolonie? Deutsch-Südschwitz”?)

Seit der OK in Berlin erwirkt hat, die exorbitante Biersteuer aufzuheben, da diese zu einem Schmuggelwesen babylonischer Dimension geführt habe, sind die Margen im Biergeschäft zwar etwas geringer (es zahlte eh so gut wie keiner die Steuer), aber dafür steigt der Umsatz desto kräftiger. Keiner jammert.

Immerhin ist die Bevölkerung innert kurzer Zeit von 80 000 auf geschätzte 120 000 Einwohner angewachsen, und es kommen zu weit über 90% sehr durstige Deutsche. (Man sagt hier: “Wer in Deutsch-Südschwitz das Trinken nicht lernt, dem lehrt die Wüste sein Ende.”)

Das Hartzamt weiß nicht mehr, was es machen soll.

Mal kippen ein paar frisch hereingebrandete Punks aus Berlin direkt vor dem Amt um, des frühen Abends, endsturz vom ersten Gelde, um am anderen Morgen daselbst gröhlend zu erwachen und angemessene Loblieder auf die geliebte Bundesrepublik anzustimmen.

Der Renter-Olli ist in dem Teil von Freiberg, der Hauptstadt, den man scherzhaft “die Altstadt” nennt, der unangefochtene König. Nicht einmal die Abschaffung der Biersteuer (sie hatte schon einiges an Freibier gekostet), die ihn ja wirtschaftlich doch hätte gefährden können, hinterließ einen sichtbaren Schrammen in seinem kleinen Imperium. Im Gegenteil. Freiberg hat jetzt 40 000 Einwohner (viele sagen, in Wirklichkeit 50 000) und sozusagen schon eine Altstadt, für deren Funktionieren er zuvörderst sorgt.

Durch den ständigen Durst ist es zu allerlei Folklore gekommen. Teilweise scheint es, ich deutete es am Schlusse des ersten Berichts an, kommt schon eine Art identitärer Geist auf; es entstehen eigene Redewendungen und Sprichwörter; ein paar Hintlinge haben sich gar den Spaß gemacht, ein Lied aufs Land zu singen und eine Art Nationaltanz dazu aufzuführen. Man gab ihnen reichlich Bier. (Bier ist, neben dem Euro, Zweitwährung. Man kann es auch umgekehrt betrachten. Bier wird nämlich immer genommen.)

Eine Combo, von der noch nie einmal einer etwas gehört und auch im Weltnetze keinerlei Kunde zu finden, fand sich plötzlich in einem von Rentner-Ollis Clubs ein und trällerte, hardrockstyle, also los: “Los, los, los! Los von Nord-Doof!”

Den Refrain kann man sich denken.

(“Nord-Doof” ist hier nicht ungeläufig für die Berliner Regierung, die Bundesrepublik insgesamt, manche, ganz Boshafte, sagen auch “das Altreich”.)

Ja, man hat einiges vor, hier unten.

Der Hintlinge (oder: Hinterlinge; Leute, die merkwürdigst im Busch hausen) haben es einige tatsächlich geschafft, so Wasser zu schöpfen und zu verwerten, dass sie ihr frisches Gemüse mit gutem Gewinn in der Hauptstadt verkaufen, leider, sagt man (nicht alle sagen dazu leider), mischten sie dabei nicht selten Hanferzeugnisse dazwischen.

Rentner-Olli jedenfalls passt auf, dass seine Alten nicht zu viel kiffen. Er hat ihnen unmissverständlich klargemacht, dass man sich dabei ebenso wie beim Biertrinken auf ein tragbares, mit den Sitten und Gepflogenheiten von Deutsch-Südschwitz vereinbares Benehmen verstehen müsse.

Kürzlich hat die Bundeswehr mal Flagge zeigen wollen. Sie sind also mit vielleicht 150 Mann, einigen Fahrzeugen, Richtung Westen etwa hundert Kilometer ausgerückt, um dann in kleineren Gruppen sternförmig auszuschwärmen, der Gegend etwas zu erkunden, den einen oder anderen Hintling so ganz zufällig mal freundlichst zu besuchen, zu schauen, ob es ihm denn noch gut gehe, er noch nicht verdurstet sei.

Die ganze Chose ging recht deutschsüdschwitzisch lustig aus.

Kurzum: Die Bundis hatten alle nicht trinken dürfen, und eine nicht geringe Anzahl trank doch. Man erklärte hinterher die Pratuomille für erfolgreich und das Hinterland als gut gesichert und im Sinne der territorialen Sicherheit unbedenklich.

Jaja. Die armen Bundis. Die dürfen nicht nur, wie Ollis Rentner, den ganzen Tag im Schatten im Liegestuhl herumdösen, bis es kühler wird, dazu ein gelegentliches Blondes, nein, in dem ganzen Kampfscheißendreck in der Mittagshitze in der Sonne abstehen, manchmal sogar -rennen. Kein Wunder, dass die einen ähnlichen Durst haben, wie mancher Hintling!

Es gibt also inzwischen Erleichterungen. Der Standortkommandierende, Oberst Hartholtz, hat intern anweisen lassen, dass ein gelegentliches Bier auch unter Tage, auch der klimatischen Bedinungen wegen, nicht unbedingt zu rügen sei, des weiteren der Kamerad, der keinen Dienst habe, tun und lassen könne, was er wolle, solange er die Gesetze der Bundesrepublik Deutschland achte, nicht gegen die Soldatenehre verstoße und pünktlich wieder zum Dienst erscheine.

Seit dieser internen Anweisung sind die Bundis wesentlich entspannter. Sie werden sozusagen zu den Unsrigen. Zu Deutsch-Südschwitzern.

Das Hartzamt ist derweil ziemlich hilflos, zahlt lieber jedem, der sich halbwegs ordentlich führt, einen deutschen Ausweis hat, im Monat einen Tausi, anstatt sich auf Diskussionen einzulassen. Derer gab es nämlich schon böser. Aber davon ein andermal.

Es gibt nämlich aktuell Wichtigeres zu berichten.

Irgendwelche Wahnsinnigen zwischen Paris und Berlin waren auf die Strohrumidee gekommen, 250 (!) Fremdenlegionäre auf Wochenendbesuch zu ihren 600 deutschen Waffenbrüdern zu bringen, mit erlaubtem Fraternisierungsbesäufnis (250 zu 250) nicht nur in der Altstadt von Freiberg und auch drumherum.

Ich war zufällig dabei, wie der Olli von dem Vorhaben erfuhr. Das war bisher das einzige Mal, dass ich ihn blasswerden und zunächst recht unkontrolliert in seinen Leipziger Dialekt abgleiten sah. Er war fassungslos.

Als erfahrener Wirt wusste er, dass das eine angelegte Katastrophe war.

“Magnus”, sagte er zu mir, nachdem er sich einigermaßen gefasst hatte, “weißt du, was das heißt?”

Ich wollte ihn erstmal reden lassen, meinte also nur: “Ich habe düsterste Ahnungen. Sag.”

“Das heißt, dass diese franzgesteuerten Untiere, gegen die unsere Landser, außer im Saufen, Waschlappen, hier, womöglich lange nicht gefeiert, hereinbrechen werden gleich zu füllenden Fässern, die Unsrigen, im Fässer leeren allerdings geübter, nicht faul, saufen bis zum Letzten dagegen! Weißt du was das am Ende heißt? In unserem Deutsch-Südschwitz!”

“Irgendwann werden sie sich kloppen, weil die Deutschen zwar nichts mehr vom Schießen, aber vom Saufen immer noch so viel verstehen, wie was der Franzos’ sich so zusammenklaubt.”

“Es ist ja noch schlimmer”, meinte Olli: “Bei den 250 kannst du auf nicht wenige deutsche Legionäre rechnen, die den Unsrigen noch in ihrer Muttersprache klarmachen, was für Waschlappen sie sind.”

“Oh je. Schade um den Umsatz. Aber den wollte ich auch nicht.”

“Eben”, knurrte Olli. Er war wirklich sauer.

“Wir müssen uns etwas einfallen lassen. Das darf nicht passieren”. Fünfzehn Sekunden Schweigen. “Ich sehe nur einen diskreten Weg. Und es wäre am besten, wenn du das machst.”

“Äh, wie?”, meinte ich, “was”?

Olli, voll in Fahrt: “Dieser Holztrottel hat es ja offensichtlich nicht abwenden können, dann kann es der OK auch nicht mehr! Wohin können wir uns, wenn wir hier keinen Heimatfernzwergenaufstand versuchen wollen, noch probieren?”

Ich hatte es befürchtet: “Ja, klar, in Nord-Doof, wo sonst.”

“Kluges Kerlchen. Und was sagen wir denen?”

“Du meintest, ich solle denen was sagen, was darauf schließen lässt, dass du mit dem Sagen, außer gegenüber mir, vorzüglich im Hintergrund bliebest.”

“Red doch nicht so geschwollen. Du bist ein besorgter deutschsüdschwitzer Bürger und zufällig auch noch Journalist, erklärst ganz höflich, dass aus Sicht der allermeisten Bürger und zumal Geschäftsleute ein Stadtumtrunk von Bundeswehrsoldaten mit Fremdenlegionären aus sozialhygienischen Umständen nicht erwünscht sei, die höchste aller in Deutsch-Südschwitz denkbaren Boykottmaßnahmen, nämlich die Biersperre für alle, die nicht direkt Freunde, bereits erwogen werde, so dass sinnigerweise nur ein Kasernenbesäufnis drinläge, worauf die Legionäre aber wohl auch keinen Bock hätten, weswegen das Ganze, sei es unter dem Vorwande xy, abzublasen sei.”

“Schön, dass du schon den ganzen Text kennst. Da muss ich ihn ja nur noch aufsagen.”

“Eben”, meinte Olli und ging eine gute Flasche Wein holen.

 

 

 

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