Von der Angst vor Kleist

Dass fast alle Angst vor Friedrich Nietzsche haben, ist bekannt. Es ist auch klar, warum.

Vor Heinrich von Kleist aber, so habe ich im Laufe der Jahre herausgefunden, haben so ziemlich dieselben Leute Angst, die sich vor Nietzsche in die Hose machen.

Nun hat sich Kleist nie so revolutionär philosophisch geäußert, alswie Nietzsche zweifellos. Was also hat der, nur weil er sehr gute Theaterstücke und überragende Novellen schrieb, denn so Schlimmes getan?

Ich denke, ich weiß, was. Er hat mindestens zwei Kardinalsünden begangen.

Erstens ist das Erzähltempo, das er in seinen Novellen vorlegt, so ungeheuer, dass heutige Halbmeier einfach davor blass werden.

Zweitens, und das hängt damit unmittelbar zusammen, zeigt Kleist darin, was Deutsch schon rein syntaktisch leisten kann. Noch mehr Blässe in den Gesichtern jener, die irgendwo in oder hinter Frankfurt auf eine universitäre Hilfsschule gingen.

Ich hatte eine hochbegabte Schülerin aus Osteuropa, die in nur zwei Jahren schon sehr gut Deutsch gelernt hatte, mit ihren 18 Jahren nur leicht nach unten versetzt hier die elfte Gymnasialklasse besuchte. Zum Deutschunterricht.

Einmal las ich ihr, unvorbereitet, eine Seite aus dem Kätchchen von Heilbronn vor, zudem den Beginn der Verlobung in St. Domingo, einfach so, vom Blatt.

Danach war sie erstmal sprachlos. Fast verzweifelt. Sie meinte, das lerne sie nie im Leben.

Ja, ich greife im Unterricht manchmal zu harten Methoden, je nach Alter, Belastbarkeit und Begabung.

Ich sagte ihr, sie möge nicht erschrecken (sie hatte schon als Halbwüchsige Dostoijewski, Gogol usw. auf Russisch verschlungen), das sei halt einer unserer besten, die meisten Deutschen verstünden den auch nicht mehr vom Blatte, sie möge dabeibleiben, ich habe ihr nur zeigen wollen, was geht, wenn man richtig Deutsch kann.

Salopp könnte man es so ausdrücken: Kleist ist ein Böser, weil der moderne SozialdemokratIn nicht spricht wie der. Daran, dass bei ihm vielleicht noch “Neger” in einem Texte stehen mag, liegt es jedenfalls nicht.

Shakespeare hat das Glück, Engländer gewesen zu sein, weswegen seine Syntax selbst beim besten Willen, und hätte er auch Novellen geschrieben, nicht an jene Kleists heranreichen konnte.

Ob er zu diesem Behufe, dahingehend gar nicht anecken zu können, klugerweise als Engländer inkarnierte, weiß ich nicht.

Man sollte nicht ausschließen, wessen man sich nicht sicher.

 

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