Wie man wieder wird, was man ist

Ich habe wohl schon einmal darüber geschrieben, finde den Text aber nicht mehr, sei’s drum.

Man kann nicht zurück, und das ist auch gut so, denn man lebte andernfalls bald in einer Endlosschleife.

Man kann aber trotzdem wieder werden, was man ist. Kann man? Nein, man kann es nicht.

Und man kann es in dem Sinne doch, dass die einstige Strahlkraft doppelt zurückkehrt.

Trotzdem mag diese nur halb so stark wirken, wenigstens zunächst, wie ehedem.

Denn sie möchte nicht mehr also geheimnisvoll von möglichen Zukünften umwölkt sein, man mag noch mehr aus der Zeit gefallen sein, als schon ehedem, da das noch in einem Maße blieb, das verdaulich war und hiemit interessant.

War man damals schon halb jens der meisten, so ist man es jetzt ganz.

Die meisten sind nämlich stehengeblieben, oft gar rückschrittig.

Dies gilt speziell für unsere Zeit.

Ich halbiere jetzt mal meine bisherige Lebensspanne, schaue also gut 24 Jahre zurück, auf das damalige Drumrum.

Wir schreiben das Jahr 1988. Die CDU ist noch halbwegs konservativ, die SPD noch halbwegs links, der Ostblock beginnt deutlich zu bröckeln. In der Uni-Cafeteria wird selbstverständlich noch geraucht, wer es so treibt wie ich, bringt einfach sein Vesper mit kaltem Braten mit. Dazu vielleicht auch ein Bier. Die Besten sind frech wie Oskar. Das Wort Gender hat noch seine eigentliche Bedeutung. Selbst Frau Professor steckt sich zum Nachgespräch vor dem Seminarraum gleich ein Zigarillo an. Dass Deutschland – dafür noch nicht wiedervereinigt – sich an friedensmissionären Angriffskriegen beteiligen könnte, bald schon, hat keiner im Blickfeld. Wer Arbeit sucht, der findet sie auch, und sie wird besser bezahlt als heute. Feminismus ist ein Hobby einiger Zukurzgekommener, die keiner so recht ernstnimmt. Das Schimpfwort “Macho” existiert zwar schon, aber es ist eher Folklore. Eher neckisch. Obschon das Grauen bereits aufzieht; nur dass das noch kaum einer merkt.

Es gibt zwar Zinsen und Finanzmärkte, aber keinem kommt in den Sinn, dass dortenhin gotteshalber Steuern und Geld bis aufs letzte Hemd gefordert werden würden. Der ASTA ist zwar längst links besatzt, aber keiner denkt daran, dass ebenjene Leute zu den verlässlichsten Kriegsvasallen des Großkapitals werden würden. Man ist also naiv wie glücklich. Man verspricht sich gar, sollte das mit dem Ostblock klappen, eine weitgehend friedliche Welt.

Man schreibt noch auf einer elektrischen Schreibmaschine. Wer einen Satz vergeigt, muss die ganze Seite neu tippen. Das ist sehr ärgerlich, führt aber zu konzentriertem Arbeiten. Man vergeigt lieber keinen ganzen Satz.

Es gibt noch keine “Nerds”. Nur ein paar Leute mit noch recht lächerlichen Computern.

Sprung. 2001, also mitten zwischen damals und jetzt, das Weltnetz ist etabliert, wird der Dritte Weltkrieg auf Raten ausgerufen und ins Werk gesetzt. Der Spaß endet. Immer mehr Sprechverbote, Gehirnwäsche, die alles Vorherige übertrifft.

Zweiter Sprung. 2013. Man bombt und züchtet Terroristen, die es zu bekämpfen gelte. Das Wort Gender kennt inzwischen jeder. Wer einer Frau ein zweifelhaftes Kompliment macht, gilt als Sexist. Der Islam ist großartig, nur die Islamisten nicht, aber nur dort nicht, wo man sie, von den eigenen Freunden oder selbst herangezüchtet, gerade zerbomben will. Wenn man gerade nicht deren säkulare Gegner zerbombt oder zerbomben lässt. Das nennt sich moderne Demokratie. Mit Euro natürlich. Gut, souverän war man schon 1988 nicht.

Man muss jetzt noch viel mehr gut und richtig finden, als einem dunnemals schon abgefordert. Nichts ist besser geworden. Jeder achtet darauf, merkt nicht einmal mehr, dass er das tut, keinen falschen Schritt zu tun, kein falsches Wort zu sagen.

Kann man nun wieder werden, was man ist?

Man kann es. Man wird aber kein kritischer, ob seiner Fähigkeiten doch geachteter, merkwürdig freier und unabhängiger Geist mehr sein, sondern, milde ausgedrückt, ein zumindest fragwürdiger Randständiger.

Daraus folgt, dass man, wenn man wieder wird, was man ist, ein, neben aller hinzugewonnenen Lebenserfahrung, anderer ist, zumindest scheinbar ist, indem man anders dasteht.

Jetzt gilt es erst recht, wieder zu werden, was man ist.

Und zwar doppelt und dreifach. Man hat ein Gedächtnis, weiß, wie es war. Es gilt, genau das auszuspielen, was damals galt, und darüber hinaus noch viel mehr.

Man ist erst recht gefordert.

Dies annehmend, wird man doch wieder, was man ist.

 

 

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7 Antworten zu “Wie man wieder wird, was man ist”

  1. Dude sagt:

    http://www.we-are-change.de/2013/01/30/weckruf-2013-wie-man-die-neue-weltordnung-besiegt/

    Ps. Ich begebe mich nun auf Reisen, zurück zu meinem Selbst, um wieder zu werden, was ich bin.
    Es werden keine Kommentare mehr kommen, und auch sonstige Online-Aktivitäten werde ich – von Epost abgesehen – vollständig einstellen. Ja, vielleicht lese ich noch nicht mal mehr etwas im Weltnetz.

    Aber ich komme wieder, als ich Selbst.

    Alles LiebeLicht

  2. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Dude

    Auf der von Dir verlinkten Seite habe ich eben folgendes als Kommentar eingestellt, mal sehen, ob es dort freigeschaltet wird:

    “Alles grundsätzlich nicht verkehrt. Das Pathos aber stört.”

    Es gab auch schon früher schwierige Zeiten. Larmoyante esoterische Selbsterhöhung geht mir, zumal wenn sie sich auch noch in die erhabene Flucht des Edlen tarnt, wenn nicht am Arsch vorbei, auf den Sack.

    Ich habe nichts dagegen, dass sich einer einen runterholt. Mal weg, im Wald. Wenn mir aber einer erzählen will, dass das etwas Besonderes sei, ist der Zacken ab. Schafft was!

    Und wenn Ihr’s grade nicht vermögt, dann versucht aus Eurer Schwäche nicht noch einen Trumpf zu machen, Euch darob aufzublasen!

    Wenigstens einen Schwaben gibt es noch, der Euch dafür nicht applaudiert.

    Ja, ich bin gerade ein wenig härter drauf. Ich weine auch manchmal, vielleicht, wahrscheinlich zu oft, Dude, Du weißt das.

    Ich mache das aber nicht zu einem Programm.

    Den Deibel werde ich tun.

    Ja, ich ziehe mich beinahe täglich zurück: ins Bett.

    Es mag auch mancher mal Grund haben, sich längers zurückzuziehen. Auch, kinderlos, die Möglichkeit dazu haben. Dagegen ist nichts einzuwenden. Dann aber möge er es unterlassen, großartig Wind darum zu machen. Faulwind.

    Besonders verachte ich, ja, ich komme gerade in Fahrt, wenn Leute, die heutige Zustände beklagen, vorgeben, diese ändern zu wollen, sich mit Getöse daraus verabschieden. Non sequitur mit mir.

    Gefühliges Erhabenseinstum. Zu gut für diese Welt. Selbstverliebte Bauernfängerei. Das gab es schon früher. Ich bin schon eine Weile dabei.

    Die Welt ist HIER!

    Und wer etwas taugt, der wird HIER gebraucht!

    Und zwar klaren Wortes. Gesülz ist Gesülz.

    Man rede deutsch und deutlich.

    Der Rest kann mir nicht nur gestohlen bleiben.

    Ich jage ihn noch.

    Denn er dient jenen Herren, wider welche er seine dramatischen Ordale auf sich zu nehmen vorgibt. Ob er das nun weiß, oder auch nicht.

  3. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Dude

    Da wir schon einige Zeit miteinander zu tun haben, uns inzwischen auch persönlich kennen, lege ich noch nach.

    Kürzestzitat aus dem von Dir verlinkten Text (das ‘alle’ kommt dort gar kursiv):

    “Ihr wisst alle, wieso.”

    Ach, der Autor meint, alle Angesprochenen wüssten um das Wieso?

    Das ist billigste Suggestion. Lachhaft. Scheißendreck.

    (Stark zu bezweifeln, dass er selber überhaupt was vom Wieso weiß. Aber das ist da fast schon egal.)

    Mit mir läuft so etwas nicht.

    Gar nicht.

    Ich weiß immerhin, wie man ein Loch in den Schnee brunzt.

  4. LisaLisa sagt:

    “Kann man nun wieder werden, was man ist?

    Man kann es. Man wird aber kein kritischer, ob seiner Fähigkeiten doch geachteter, merkwürdig freier und unabhängiger Geist mehr sein, sondern, milde ausgedrückt, ein zumindest fragwürdiger Randständiger.” MG

    Ja, stimmt. Für alle Fälle mal eine Patientenverfügung machen….

    http://www.patverfue.de/

  5. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Lisa

    Eigentlich wollte ich den von Dir eingestellten Link ja gar nicht anklicken.

    Gut, ist passiert.

    Verlass’ Dich drauf, dass ich sehr genau weiß, weshalb ich so gut wie nicht zu Ärzten gehe.

    Lieber bleibe ich gesund. Wenigstens dahingehend bin ich ziemlich konsequent.

    Und wenn ich denen etwas zu verfügen habe, dann allenfalls, dass ich noch nicht tot bin und sie ihre Griffel bis auf Widerruf bei sich zu behalten haben.

    Gleichwohl gefällt mir auch Dein diesbezüglicher Humor.

    (Ich verdanke Dir ohnehin schon sehr viel. Was aber gehört nicht in die Öffentlichkeit. Am liebsten erklärte ich Dir das bei Interesse fernmündlich.)

  6. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Lisa

    Vergiss mein Geschwätz in der Klammer oben. Hohler Dummbatzseich. Lediglich, dass ich Dir schon sehr viel verdanke und das Was nicht in die Öffentlichkeit gehört, stimmt. Ich redete gerne Deiner angesichtig mit Dir. Der Teufel hole die Halben.

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