Vom durchdachten, gekonnten Untertreffen

Gut schlecht singen, das ist wahrlich auch keine leichte Kunst.

Viele meinen, Bob Dylan sei darin Meister; ja nu; ich nicht; wenigstens mal beharre ich darauf, dass unser Herbie Grönemeyer es weitaus besser kann.

Gestern Abend hörte ich die letzten beiden Stücke einer auch sonst etwas verschrobenen Jazz-Combo, deren Leitgitarrist zu anscheinend nicht aller Beiseienden Leidwesen auch noch sang.

Ich bin kein Fachmann; aber ich schätze mal, dass sein Tonumfang bestenfalls eine knappe halbe Oktave betrug: was ja noch zu verschmerzen gewesen wäre – neben dem Text, der aus vier oder fünf wiederholten Wörtern bestund – , wofern der Kerl irgendeine halbwegs absichtlich klingende Modulation, irgendein besonderes Krächzen, Grunzen, Scheinabverfunzen oder sonsten eine hörbare Abwechslung in sein fast schon kretinistisch zu nennendes orales Geböbbel gebracht hätte.

Da habe ich, der ich nur schlecht gut singen kann, mir wiederum überlegt, denn an Lungenvolumen und Emotio fehlt es mir noch immer nicht, ob ich denn doch tatsächlich auch mal mit dem gut schlecht singen anfangen solle, allein schon des Spaßes halber, aber auch, da das wahrscheinlich leichter geht als gut gut singen.

Ohnehin eine mentale Selbstbeschränkung, das nicht anfassen zu wollen (ja, in ein paar wenigen Fällen, da ich schon eineinhalb Glas Wein hatte, die Stimmung insgesamt dionysisch, habe ich mich, vor Jahren, also, da ich noch halbjung, schon daran versucht).

Viele Leute finden es – verständlicherweise – sehr souverän, wenn einer kultiviert, was er nicht kann. Dylan hat Millionen damit verdient, diese den Leuten nichtmal abgepresst.

Kam in mir natürlich die Frage auf, ob man auch schlecht gut schreiben könne.

Leider sehe ich nicht, dass das wirklich geht. Wobei ich sehr wohl weiß, dass die Erfolge des absurden Theaters wie auch der meisten amerikanischen Kurzgeschichten von der Perspektive des Erfolgs her gesehen dawider sprechen.

Vielleicht, da das Schreiben eher mein Metier denn das Singen, sehe ich das aber einfach zu verklemmt, zu betriebsblind sozusagen.

Insgesamt aber denke ich trotzdem nicht, dass das zutrifft.

Ganz einfach deshalb, weil schlecht Geschriebenes nunmal so dortsteht, wie es dortsteht; keiner hört leicht die genialischen Obertöne, die der Schreiberling sich zu den Buchstaben hinzuphantasiert: währenddem ein guter Schlechtsinger diese zu hohem, direkt erfahrbarem Ausdrucke zu bringen weiß.

Pech, also, mal wieder, für die Dichter.

Interessant indes der Ansatz, einen hervorragend grottenschlechten Text auch noch außergewöhnlich gut schlecht zu singen. Das ist dann jenseits von Beuys.

In der Malerei und der Architektur hat das ja schon oft geklappt: Nicht nur die Konzeption ist schrottig, sondern dann auch noch die handwerkliche bzw. technische Ausführung, und alle jubeln, was denn da schon wieder eine, wenn auch von Beginn an vergammelte Avantgarde sich auftue.

Kein Wunder, zum Ernste dessen, dass ich regelmäßig Künstler treffe, die einigermaßen frustriert sind, da sie mit ihrem doch wenigstens beachtlichen konzeptionellen wie handwerklichen Können nicht allzuweit kommen, dabei all der hochgejubelten Stümper gewahrend.

Mag sein, dass der seit Jahrzehnten überbordende Krampf derart nach unten “getoppt” werden muss – sicherlich keine leichte Aufgabe – , so dass die Leute endlich keinen Bock mehr auf Bockmist haben.

— Anzeigen —


Tags:

3 Antworten zu “Vom durchdachten, gekonnten Untertreffen”

  1. Dude sagt:

    Hauptsache das Marketing funktioniert.
    Und die richtige PR-Firma dazu engagiert.
    Dies alles bei üppigem Werbe-Etat.

  2. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Dude

    Mir scheint, Du hast den Treonasmus erfunden.

  3. Dude sagt:

    Der Schein trügt zuweilen… ;-)

    Ps. Aber klar, in Zeiten des Fusionsgrössenwahns vielleicht doch nicht nur so Schein, wie als dass es scheint. :-)

Eine Antwort hinterlassen