Von Anglizismen und sprachlichen Registern

Eben machte ich, was ich wohlweislich selten tue.

Ich empfahl meinem großen Filio, mal meinen letzten Artikel zur Finger- und Irisscannerei zu lesen: der könne ihn interessieren.

In Nullkommanix – wohl auch des Bohneneintopfs halber – war er durch.

“Und?”

“Naja, geht schon.”

“Wieso geht schon?”

“Du hast da selber ‘Win-Win-Situation’ und ‘easy going’ und so Zeugs verwendet, wo du das doch sonst so heftig ablehnst.”

“Ja, und zwar absichtlich. Es kommt immer darauf an, wann was wirklich in den Zusammenhang passt.”

“Jaja, ist schon gut.”

Indem er damit in Richtung seines Elektrokastens abrauschte, um sein Sozialentwicklungsspiel weiterzugamen, rief ich ihm noch nach: “Quod licet Jovi, non licet Bovi! Des Jupiters ist nicht des Ochsen!” – Er die Tür zu.

Es ist (mit “Es ist” anzufangen, wird einem an der Schule fast von jedem Pauker wie automatisch als schlechter, einfallsloser Stil angestrichen; dabei ist das manchmal einer der aufmerksamkeitsstärksten, da nüchternsten und härtesten Satz- bzw. Abschnittsanfänge, mitunter gar in absichtlicher Wiederholung gesetzt) nämlich, auch wenn einem leicht genügend deutsche Begriffe zur Verfügung stehen, schlicht ein nützliches Tool (nein: hier, da ernst: Werkzeug), zumal in bestimmten Kontexten, etwa jenem der heutigen Elektrokasterei, der Nerds und Geeks und Computerfreaks und Gedisliketen, der downgeloadeten Games und Streams, nicht nur, wo Satire anliegt, sondern fallweise auch schlicht der realistischen Darstellung halber (erst recht in fiktiven Dialogen jener stolzen Kauderwelschianer) nicht nicht nur nützlich, sondern notwendig, sich jener Lehnwörter oder Krampfneologismen zur Erzielung der gewünschten Wirkung selbst zu bedienen; auch, nicht selten, auf dass auch jene, die entsprechende deutsche Begriffe gar nicht (mehr) kennen, erkennen, zuzuordnen vermögen, nicht aus dem Text fliegen, qua Klick am Pad, zudem den Autoren für einen etwas hinumgeschnappten alten Seppel halten, der den letzten Schuss noch nicht gehört. Also auch aus pädagogischen Gründen.

Der immerwährende (noch immerwährende) Witz dabei ist natürlich, dass allermeist ebenjene, deren Englisch ansonsten reichlich behindert (ich verwende jetzt mal, sorry, Jugendsprache, distanziere mich gleichzeitig politisch korrekt von diesem Begriff), am meisten jener Crank-Sprachverhunzungslexeme am häufigsten verwenden, sich darin besonders hip und in und voll durchgechillt fühlen, auf der Höhe der Zeit.

Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern, auch nur einen kennengelernt zu haben, von einem zur Beurteilung hinreichend gelesen zu haben, der sowohl Deutsch als auch Englisch auf einem mehr als mittelmäßigen Niveau beherrscht, sich dabei, wo er nicht mit Idioten reden muss, oder er nicht auffallen will, oder bestimmte Fachtermini nunmal angesagt sind, dergestalt durchgängig in den sprachlich-intellektuellen Sumpf begeben hätte.

Man hört aber sehr wohl mal, erst recht unter gebildeten Dialektsprechern, z. B. :

“Ja, Karle, wa hod er noh mid saim voll tschillda Tuhl erreichd, seller ohbachene Daggel?”

“Ha noh hodder sich Dislaigs miaßa lassa gebba, dassem wahrscheinds der Rüsel offd Taschdadur nagsonga isch onner bloß mai naiblärred hod.”

“Jo, dui Öberschdtschillde hän’s hald manch uffs Mol au ed leichd em Läba.”

“Derbei hän die andere, des isch jo noh der Widds derbei, gared gmergd, da der ed bloß an Sadsbau ahnerodsd, dass oims Bier em Glas sauer werda kennd, sondern au sai Ordografie onder eller Sau on a Enderpongtio so gued alswie gared vorhanda.”

“So isch’s.”

Nun, wer Deutsch und Englisch in Wort und Schrift beherrscht, überdies diverse Abstufungen seiner Mundart, der ist selbst dafür bestens gerüstet, jedes engleutsche sprachliche Register nicht nur schnell zu erfassen und zu bewerten, sondern auch auf jeder Ebene, wo gewünscht, mit klarer Oberhand zu kontern.

Wohl dem, der das begreift!

 

 

 

 

 

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19 Antworten zu “Von Anglizismen und sprachlichen Registern”

  1. Dude sagt:

    Werter Herr Sprachwissenschaftsgrossmeister

    Ich hätte da eine Frage, auf die Du vielleicht eine Antwort parat hast.

    Es geht um Utube-Filmchen.

    Neulich hab ich, bezüglich anfänglichem Geseier, dass durchaus übersprungen werden könnte, dazu das Wort “spulen” (also vor- bzw. zurück-spulen, wie früher bei den Magnetbändern und spulenbasierten Tonwiedergabegeräten) verwendet, woraufhin ich zurecht gerügt ward, dass dies Wörtchen für Utube-Filmchen nicht mehr wirklich angebracht sei.

    Nur welches dann? Ich hab mir schon das Hirn zermartert, jedoch ohne dabei auf einen grünen Zweig zu kommen.

    Denn “überspringen” gefällt mir nicht, zumal es sich ja nicht um einen Bock handelt. ;-)

    “Clippen” ist aber noch blöder als spulen.

    “Vorausziehklicken” ist mir zu lang, und gefällt mir auch sonst nicht…

    Von anderer Seite kam der Vorschlag: “auf den Punkt springen”, was mir aber zuviele Worte hat.

    Naja, vielleicht vermagst Du uns diesbezüglich ja ein goldenes Ei zu scheissen? :-)

  2. Thomas sagt:

    Hassnkjdkdjh der Absatz “Es ist…” bringt bei mir zerebrale Überreizung… ich hab ein schlechtes Kurzzeitgedächtnis. Bis ich am Ende dieses Satzes angekommen war, hatte ich den Anfang vergessen, musste den Satz nochmal lesen und mir dabei bald noch Notizen machen. Sag mal, gehts noch länger? ;)
    Engleutsch ist ein feiner Begriff, nebenbei bemerkt.

  3. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Dude

    Man spult. Gut, wenn das Weib spült. Ich habe grade keins, also spule ich auch selber.

  4. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Thomas

    Der Satz, den Du monierst, ist einer, der, in seiner sparsamen, mittleren Knäpplichkeit, lediglich, wohl versehentlich, angedeutet, wenn nicht gezeigt, wie eine Klärung einer Fragestellung dahinein passen könne, denn dass 586 Seiten zu aller Langeweile zwischen einen Buchdeckel verpresst werden müssten.

    Sonst jammerst Du immer darüber, Du hättest zu wenig Zeit zum Lesen.

    Jetzt schon darüber, dass ich einen Satz hinschreibe, der über vier Wörter hinausreicht und Dir tatsächlich sinnlose Langlektüre erspart.

    Mir scheint, Du baust allzufrühzeitig ab.

  5. Thomas sagt:

    Oh ja, das mit dem Abbauen könnte stimmen. ;) Ich kauf mir besser noch ein paar Notizblöcke.

  6. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Thomas

    Die Idee mit den Notizblöcken ist nicht schlecht.

    Bei technischen Geräten pflegt man ja auch einen Schaltplan aufzustellen.

    Hinkebein mag dabei – im Vergleiche – allerdings sein, dass, wofern ein Satz mal über die luzide Kürze des von Dir angesprochenen obigen hinausgeht, eine multidimensionale Polylogik durchaus gefragt sein möchte; also, dass die Sache nicht mehr allein mittels binärer Verknüpfungen zu erfassen bzw. graphisch sinnig darzustellen.

    Als Hilfsmittel aber muss, was man heute eine “Mind Map” nennt, damit es englisch, also logisch klingen möge, eine Hirnfahrkarte also (ein Hilfsmittel, das älter als die Schrift), nicht unbedingt schaden.

    Denn wofern man die Wechselbeziehungen zwischen einzelnen Aussagen und Elementen, die Bezugspfeile zwischen diesen, jeweils sich die Mühe macht, mit begleitenden Stichwörtern und Sentenzen zu versehen, so kann das schon mehr als nur krückweis aufhelfen.

    Damit lässt sich, mit etwas Übung, durchaus schon ein Stück unter die semantische Oberfläche bohren; weiß der Hirnfahrkartler dann gar noch Prosodisches und Etymologisches, Assoziationen und Metaassozationen hinzuzusetzen, so wird ihn sein Navi tatsächlich nicht direktemang in den Graben führen.

    Ansonsten aber rate ich dazu, immer wieder Kleist und Nietzsche zu lesen: Das dürfte die beste Übung fürs diesbezügliche Hirnkarteln sein.

    (Selbst Goethelektüre schadet, wofern man nicht zu verführbar, nicht zwangsläufig. Zwischen allem aufgeblasenen Schleime und Seime die Goldkörner suchen: das mag auch nicht abträglich sein.)

  7. Dude sagt:

    @Magnus

    Wetten, dass es bei mir im Hirn noch mehr spult, als bei Dir? An Deiner Stelle würd ich den harten Fünfliber also nicht einsetzen! ;-p

    Aber immerhin hat sogar der Grossmeister keinen passenden und adäquaten Begriff zum Überspringen der Filmchen parat, was mich nicht minder mit Stolz erfüllt! ;-)

    Ok, es war ja auch halb Fünf (geht die Blog-Uhr eigentlich wieder korrekt?), also sollte ich die Spule nicht zu voll nehmen, sonst werd ich noch hinfortgespült. ;-)

    @Thomas

    Und ich dachte immer, mein Kurzzeitgedächtnis wär nur noch ein Schrotthaufen in der Sondermülldeponie…

    Hier gibt’s noch um einiges längere Sätze vom Meister, die aber – konzentriert aufgenommen – locker verstanden werden können, nur weiss ich grad nicht mehr, wo die sich verstecken.

    Laut lesen hilft übrigens enorm!

  8. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Dude

    Ja, laut lesen hilft.

    (Ich spul’ Dich am Samstag vorn am Steigbock ab. 18.07. Mein unverwechselbares Gesicht wird die Nelke im Knopfloch ersetzen.)

  9. Dude sagt:

    Zur Klammer:
    Versteh ich das jetzt recht? Abholservice am Gleis bei Ankunft? Es muss ja schlimm um mich stehen, wenn schon davon ausgegangen wird, dass ich mich – trotz genauer Adresse in der Tasche – in Stuttgart verlaufen könnte. ;-)

    Aber falls ich das richtig verstehe: Welch Ehr’ – Danke!

    Ps. Der versiffte alte Sack mit den vielen Haaren auf dem Kopf, sowie im Gesicht, und der Selbstgedrehten im Mundwinkel oder der Linken bin dann ich… :-)
    Pps. Ich hoffe wir sind schneller als der BND! :-D

  10. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Dude

    Bei der Nachfolgeorganisation der Organisation Gehlen, dem Bundesnachtwächterdienst von US-Gnaden also, weiß man weder, dass Zürich in der Schweiz liegt, ebensowenig, dass es das Schillerland tatsächlich noch gibt, geschweige denn, dass Stuttgart noch einen funktionierenden Bahnhof hat, und erst recht nicht, wie eine Selbstgedrehte aussieht.

    Von daher erwarte ich keinerlei Probleme.

    Werde ich trotzdem zwischenzeitlich entführt, so hast Du die Adresse, woselbst alerte, hungrige Kinder, Deiner mitsamt, meiner Rückkunft harren werden.

  11. Thomas sagt:

    Wahrscheinlich liegt es einfach nur an der Art dieses Satzes, eine gewisse gedankliche Inkompatibilität in Struktur und Aufbau waltend, dass mir der Sinn nach erstmaligem Lesen, zuweil ich durchaus und ehrlich zugeben müssend in unkonzentrierter Art und Weise in Leichtigkeit überfleucht vielleicht, abhanden kam.
    Solange ich das Wochenende nicht vergesse, räume ich mir noch Chancen ein, dass ich womöglich nicht so schlimm dran bin wie manch einer da draußen.

  12. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Dude

    WWW=World Wide Web: also Weltnetz.
    Gegenüber “Internet” eine Silbe gespart, außerdem präziser.
    JFlC verheddert sich da ein wenig, indem er dann doch findet, was es seiner Ansicht nach nicht gibt.

  13. Dude sagt:

    @Magnus

    Und wieso sagst Du das mir? ;-)

  14. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Dude

    Ich wollte den Jermain, der ja recht kundig, ideenreich und vergnüglich schreibt, nicht gleich in die Bredouille bringen, wenn ich mich zum ersten Mal bei ihm melde.

  15. Dude sagt:

    @Magnus

    Ja. Verstehe. Und das zeigt mir einmal mehr, dass unter Deiner oberraubeinigen Arschlochigkeit eben ein so gutes Herz, und ein so klarer und bewusster Geist steckt, dass diese Arschlochigkeit zur vollkommenen Irrelevanz verserbelt…

    Alles LiebeLicht für Dich und die Jungs!

  16. JFlC sagt:

    @Magnus Wolf Göller

    Weltnetz sollen wir ja, wie gesagt, nicht sagen.
    Das ist die Bedrouille.

    (Synonyme für Bedrouille: Ausweglosigkeit, Misslichkeit, Notlage, Sackgasse, Schwierigkeit, Verlegenheit, Zwangslage; Bedrängnis; Klemme, Patsche, Schlamassel, Schwulitäten, Zwickmühle; Schlamastik.
    Oder Dilemma, Kalamität, Krise, Malaise, Misere, Problemsituation)

  17. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ JFlC

    Ich gehe mal davon aus, dass Du der echte Jermain bist, den ich aufgrund weniger gelesener Texte schon hoch schätze. Witz, gedankliche Umfässlichkeit, Sprachkunst, vieles, was ich für wichtig halte, in beachtlicher Fülle; doch dazu ein andermal. (Auch zu Kritikpunkten bzw. Anregungen; das eine oder andere dann vielleicht auch nicht für aller Ohren.)
    Ich stecke nicht in jener Bredouille. Bei mir gibt es eine eigene Kategorie, die “Weltnetz” heißt, und irgendwann habe ich auch einmal ein Traktat dazu geschrieben, dies nicht nur philologisch begründend, sondern auch klarstellend, dass es mir reichlich egal ist, wer mir meine Wörter klauen will. Jedenfalls, solange sie mir nicht verboten werden.
    Es ist ja geradezu ein Ausdruck von Kretinismus, wenn ein sinnvoller Begriff sozusagen unantastbar gemacht wird, weil eine Gruppe ihn gerne verwendet, mit der man nichts zu tun haben bzw. nicht identifiziert werden will. Und wer sich einem solchen Druck beugt, der ist feige und leistet dem noch Vorschub. Bezüglich Freiheit der Rede und dass er sie hochhalte, möge der jedenfalls nicht mehr seinen Hut in den Ring werfen.
    Ich habe den Begriff “Weltnetz” nicht geprägt, sondern irgendwann vorgefunden, worauf er mich sofort wie auch dauerhaft überzeugte; und natürlich blieb mir auch nicht verborgen, dass dieser stigmatisiert wurde.
    Ich nahm in trotzdem auf; ich darf in meinem Vaterlande über so gut wie nichts Wesentliches (Euro, Kriegsbeteiligungen usw.) tatsächlich mitentscheiden, aber so weit schon noch, bis dass mir ein Wort verboten, welches ich führe.
    Und ich verwende selbstverständlich, nicht nur in englischsprachigen Texten, auch das Wort “Internet”; schreibe ich aber Deutsch, so gefällt mir “Weltnetz” ganz klar vorzüglich.
    Mir ist klar, dass Du unsere Sprache liebst und nicht nur, aber auch, zu deren Pflege antrittst, und das begrüße ich sehr.

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