Meine Heimat ist mein Reich! (Den Standhaften)

Ob es je besser war, das weiß ich nicht.

Manches aber lässt vermuten, dass die Gefahr, sich durch die Geschwindigkeit der mannigfachen geistigen Aufnahme zu überlasten, tatsächlich gewachsen ist.

Ich rede jetzt nicht von jenem, der sich an seinem Rechner ins Delirium daddelt; ich rede von den Besten.

Von jenen, die, obschon sie Dinge sehr tief mit sich tragen und durchdenken, geistig doch am Tage an tausend Orten sind. Das zehrt Kräfte.

Ich halte es inzwischen für eine völlige Illusion, womöglich eine verhängnisvolle, so etwas wie ein Urlaub könne diesem Problem abhelfen. Oder ein Entspannungsseminar. Oder sonst eine Bußübung.

Einzig scheint mir eine Art des autogenen Sichfreimachens im Alltage, im grundsätzlichen Denken, eine heilsame Wirkung entwickeln zu können.

Das Notwendige irgendwie tun, weiterhin immer am Wichtigsten tätig bleiben. Und auch Letzteres mal vertagen können.

Die ohnehin immer alles im Griff haben, verstehen einen sowieso nicht; deren Ratschläge sind meist nur Gift.

Manche derer wollen übel, die meisten wissen es einfach nicht besser.

Überall Illusionen. Auch jene, ich erlebte es erst vor ein paar Tagen, dass es auf einer Mittelmeerinsel einfach wärmer, entspannter, schöner sei, als in so einem halbnordischen Stuttgart.

Dorten, weniger Bedürfnisse, heizen muss man auch nicht, bedürfe man ja nur des Strandes und des Liegestuhls, hier aber bekäme man wohl irgendwie notwendig den Schaffwahn, da der Himmel so lange so grau und der Regen kühle.

Nein: Ich will nicht dauerhaft nach Sizilien oder Mallorca.

Nicht, weil ich etwas gegen die Lebensart oder die Leute dort hätte, auch nicht, weil ich mich nicht binnen kurzem wenigstens leidlich zu verständigen wüsste: Es fehlte mir nicht über lang schlicht meiner Schaffensmitte.

Diese ist, jenseits meiner Kinder, vielleicht auch einer irgendwann mir zuwachsenden neuen Frau, dasjenige, worum mein Leben und Denken kreist.

Hiemit mehr als ein Mittelmeerstrand, ein Campari-Orange, vierundzwanzig Grad Wassertemperatur, ein unverhangener Himmel, selbst die Pasta mit gebratenen Auberginen aus dem eigenen Garten, nach dem frischen Tintenfischsalat, zuerst guten Weißen, dann kernigen Roten dabei.

Mein Reich ist genau von dieser hiesigen Welt! Meine Heimat ist mein Reich! Meine Sprache, mit jenen, die sie verstehn und mir darob täglich auch noch weitern!

Was wäre denn Italienisch oder Spanisch für mich, auf Dauer?

Ja, ein paar nette Reden wüsste ich binnen Monden zu schwingen; binnen Jahren ginge wohl gar mehr; aber wo, wo bliebe jenes Mehr, das meine Mitte macht und zeigt?

Urlaub ja, aber nicht auf Dauer.

Man kann nicht zum Glücke hinfahren. Jedenfalls nicht als Geist.

Sollte man je Glücke erlangen, so kann man es nur zu sich einladen, darauf setzen, dass es zu einem kömmt.

Ich schreibe das jetzt auch zuvörderst dem Nachwuchse, der es wohl meist nicht gerne vernehmen wird. Lernt, reist, lernt vor allem Sprachen: aber zuvörderst Eure eigene!

Das bringt nicht nur Schutz, sondern verheißt einen unvergleichlichen Schatz. Weder jenen noch diesen werden Euch schöne Strände und Dudu und Suleika geben können. Ihr glaubt mir nicht? Genug, dass Ihr es gehört.

Vergesst mein Geschwätz, bis dass Ihr Euch eines Tages vielleicht daran erinnert.

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Eine Antwort zu “Meine Heimat ist mein Reich! (Den Standhaften)”

  1. madurskli sagt:

    Schöne Sprache die du führst, mein eigen Unwohl und Wohlsein gleichermaßen beleuchtend.
    Ganz besonders richtet sich mein Leben nach diesen Sätzen:
    “Das Notwendige irgendwie tun, weiterhin immer am Wichtigsten tätig bleiben. Und auch Letzteres mal vertagen können.”
    Seit Jahren schon. Da die Jugend eh verflogen und die Einsicht sich breit machte dass Kontrolle zu behalten, endlos Energie verschlingt.
    Meine Maschinerie wird gerade kurz vor dem Kollaps am laufen gehalten………damit es weiter gehen kann.

    Entgegen den widrigen Umständen unserer Heimat.
    Die dem Sommer abverlangt unglaubliches zu leisten dafür das im Winter das Heu im Stock ist, trockenes Holz im Schober und der Keller voll Nahrung.

    Bloss ist im Winter nicht nur die die Umwelt lebensfeindlich sondern auch die ganze Gesellschaft rundum wird es zusehends.
    Bald bleibt mir nur noch die Restheimat, mein eigenes Zimmer.

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