Wie Konstantin schiergar in Freiburg blieb

Wie stets waren ein paar Tage des Müßiggängertums, selbst an einem so schönen Orte wie dem Bodensee, genung, dass Konstantin der Lust auf neue Fährnisse nicht mehr zu widerstehen vermochte. So machte er sich denn, noch sieben Goldfranken in der neuen Joppe, bester züricher Meisterstiefel auch, doch gen Freiburg auf. Konstanz schien ihm einfach zu nah; denn gerade, wenn es ihm mal ein paar Tage gutgegangen, er des Bieres und Weines und der Würste nicht zu schonen Gelegenheit gehabt, scheuete er der kurzen Wege; er wusste längst des verderblichen Geistes der Trägheit. So machte er sich nun, auf Schusters Rappen, also war’s ihm meist am liebsten, auf ins Breisgau, freuete sich schon des einfachen Gutedels, umso mehr des Rieslings, den er sich dort, nicht aus der Übung zu geraten, einzugeußen gedachte. Doch, kaum durchs Stadttor (die Freiburger Wachtbüttel gewahrten wohl, dass da ein gutgenährter, schicklich gekleideter, also fröhlicher wie stattlicher Bursche ihrer Stadt Schönheit begehrte, ließen ihn darob gerne ein), da ward Konstantin von einer gar merkwürdigen Maid angesprochen. Etwa dreißig Jahr, Konstantin merkte gleich, dass sie keine Dirne war, die es nur auf seinen schmalen Beutel abgesehen, sprach sie, schlichten, doch gut geschürzten Kleides, zu ihm, grad und forsch: “Suchet er a Herberg, der Herr Baron?” Der wunderschöne alemannische Klang, Singsang, in ihrer kurzen Frage aufs Beste freche schon erklungen, rührte an Konstantins Herze, allzumal sie wohl anzuschauen war, von einem Liebreize, wie er auf der dem Franzen zugeneigten Seite des Schwarzwaldes bekanntlich nicht selten ersprießet. “Bettes werd’ ich schon finden”, versetzte Konstantin, “aber taugt bei Eucho auch der Wein?” “Er kann bei uns selbst vom Elsässer des besten Bechers füllen lassen; unsere Kammern sind einfach, der Güte des Weines aber sorge er sich nicht.” Das schien Konstantin verständig und artig gesprochen; und so folgte er ihr in eine alte Winkelgasse. Was er dann aber, ins Wirtshause eingetreten, sahe, mochte ihm, indem er den Hauswein angetan verkostet, doch nicht nur wohl gefallen. Nicht dass Konstantin etwas gegen das Kartenspiel hätte gehabt; die es aber da unter lautem Spotten und Fluchen trieben, gefielen ihm gar nicht sehr. Einer, der sich am meisten pries, er sei Gewandhausmeister zu Köln (wobei er sprach wie einer aus Kassel, oder allenfalls Göttingen), führte denn auch alsbald wider Konstantin folgende Rede: “Na, Bursche, woher wohin? Verwagt er sich auch eines Satzes?” Konstantin schwante wohl, dass ihn die Nette einer notweisen oder auch einer unredlichen Sache halber hergeführt haben müsse; er ging also in Habacht und erwiderte: “Für einen Satz tauge ich allemal.” “Hat er Geld?” “Zur Herberg’ mag es reichen. Des Spieles ist es bei euch Gesellen wohl nicht genug.” “Na, dann setze er eben seine Stiefel. Wir haben August. Da mögen ihm wohl die Zehen nicht abfrieren, wofern er sie verliert.” “Herr, ich bin Euch sicher nicht gewachsen. Ich fürchte, Ihr nehmt mir mehr als nur einen Satz ab. Egal wie herum.” “Nun, sei’s drum, Bursche, du gefällst mir, mehr als einen Satz will ich dir nicht abnehmen, es geht deiner Stiefel.” Die Anmutige stund derweil, Konstantin hatte es im Augenwinkel, recht bang im Eck; sie lauschte der sich entwickelnden Dinge. Da merkte er, dass sie keine arglistige Zuspielin war, sondern der falsche Kölner irgendeine Art übel erworbenes Pfand wider sie haben musste. Es konnte kaum anders sein. “Gut, ein Satz nun ab meiner Stiefel. Dawider gesetzt sei, dass der Herr und alle seine Kumpane dieses Hauses für immer verschonen!” Ein Tumult entstund. Das hatte keiner hören wollen. Doch der falsche Kölner beruhigte schließlich alle – sie waren eben doch seine Kumpane – und schickte sie fort in ein Hurenhaus. “Also: Lass’ uns spielen, Bursche!” Konstantin sprang schneller auf als ein gestochener Heilandsack und zerhob dem Schuften mit seinem festen rechten schweizer Stiefelabsatze den Handrücken über den Karten, dass jenem mehr Augen aus dem Gesichte quollen, als er hätte je können erspielen. “Ich bin der Gute, der nur einen Satz abspielt! Wart er mal meiner Brüder!”, sprach Konstantin eiseskalt und ernst und ruhig, indem der andere sich noch mühte, rotgesichtig, Tränen in den Augenhöhlen, zu Atem zu kommen. “Schleiche er sich, jetzo, und lass’ er sich anhiero nie mehr blicken!” Der angebrochne Mittelhandknochen wusste, was anstand, und tat, winselnd, also. Die junge Wirtin verköstigte und umsorgte Konstantin hernach drei taglang; ihr kleines Söhnchen, der achtjährige Fridolin, stets neuer Späße heischend, sprang immerzu neckisch und fordernd um ihn herum; ihr Liebreiz und ihre Zärtlichkeit waren kaum übertrefflich; Konstantin aber musste weiter; denn noch immer rief Mannigfaches seiner. Er gelobte indes, indem er dazu weinte, wie sie, seine Gerlinde, irgendwann sicher wiederzukehren. (Innerlich dacht’ er sich: ‘Oh mein Gott, an den ich noch nie geglaubt: Wird sie dereinst mein Fürimmer?’) Jaja, so war das. In Freiburg, wo die tapferen und schönen Frauen seit jeher heranwachsen und bestehn, wie als ob Zeus selbst ihrer aller Buhl gleichzeitig sein wollte, wäre Konstantin beinahe schon vor der rechten Zeit hangengeblieben.

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