Liebe hebt nicht alles

C. war schon ein heißer Feger. Nein, die Konnotation stimmt nicht. Sie war eher eine Art Traumfrau. Um nicht lange drumrumzuschwatzen: Ich war mal eine ganze Zeit lang (also nicht nur sechs Wochen, so wie manche Spezialisten, die ich kannte, für die das schon alswie 33 Ewigkeiten erschien) mächtig in sie verknallt. (Die Grundgeschichte erzählte ich eben meinen Buben. Es macht also nichts mehr, wenn ich mich damit jetzt noch öffentlich lächerlich mache.) Nicht nur, dass sie aussah wie ein Engel, nein, überdies war sie vielseitig interessiert, polyglott, von feinem Humor, also bodenständig wie gewitzt, sogar so wagnishaft, mir Blicke zuzuwerfen, mich interessant zu finden, mit mir gerne zu reden. Ich eroberte sie nicht. Nicht nur, weil ich zu zag war, zu unentschlossen, sondern weil es, das weiß ich heute, von beiden Seiten her noch andere Hemmungen gab. Letztlich trauten wir uns gegenseitig nicht. Ich ihr, da sie einmal noch einen Freund den ihren nannte (als DEN), der ein unglaublich arrogantes und ebenso dummes Betriebswirtschaftsarschloch war. Mit DEM? – fragte ich mich. Später sah ich sie mit einem, den ich nicht sprach, der aber, wenn auch ansehnlicher als der Vorgenannte, mir wie ein nur leicht IQ-erhöhter glatter Schlunz erschien. Beides zusammen gefiel mir gar nicht. Sodann mangelte es ihr an Abenteuerlust. Außergewöhnlich Freches zu unternehmen, gar mit mir, wo es aller Wahrscheinlichkeit nach zu extra Schwierigkeiten führen werde, das war offenkundig auch nicht ihr Ding. Und so misstraute sie mir – zurecht – , dass ich ihr zwar durchaus lustiger, aber am Ende braver Ernährer, auch gemeinsamer Kinder, werden könne. Sie wusste genau, denn sie erlebte mich in einigen Seminaren, was für ein Rebell und Springteufel ich nicht nur war, sondern wohl auch, allenfalls etwas abgemildert, bleiben würde. Das konnte in der Tat nicht gutgehen. Heute bin ich froh, dass es zu gar keinen amourösen Weiterungen kam, denn damals hätte ich wahrscheinlich nicht nur halbert den Verstand verloren, wäre meine Dulcinea mir vollends hold geworden. An die Bauchlandung, die das schließlich gezeitigt hätte, will ich gar nicht denken. Manchmal denke ich, nagut, aber einmal eine Nacht…: Blödsinn. Dafür, so blöd das an der Stelle klingen mag, stak zu viel drin. Die Liebe hätte die Unterschiede nicht zu überwinden vermocht. Die Sache hätte mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zu einem wenig glücklichen Ende für beide geführt. Sie hatte einen ziemlich klaren Lebensplan; ich war ein unbändiger Chaot. Da es zumindest mir nicht um drei oder vier steile Nächte, eine Studentenaffäre ging, sie auch nicht auf mal hie mal dort gepolt war, konnten wir nichts Besseres, Klügeres tun, als gleich nicht enger zusammenzukommen. Höchstwahrscheinlich hätten wir am Ende nur seelische Schäden davongetragen. Es gibt eben Königskinder, die… In der Tat war ich nicht nur, wie in anderen Fällen, ephemer verliebt. Da war mehr. Es wäre wohl auch nicht langweilig geworden. Ich taugte aber nicht zum braven Karrieristen, der in dieser Aufgabe bei seiner lieben Frau fröhlich bleibt. Also, liebe C.: Solltest Du dies zufällig lesen, so kann ich Dich dessen versichern, dass meine Absichten ernsthaft und lauter waren; dass ich mich in Dich verliebte, werde ich je nur in dem Sinne als einen Fehler betrachten, dass man sich, wie ich es inzwischen sehe, gar nicht verlieben sollte, sondern einfach lieben. Ich würde mich freuen, wenn ich Dir etwas fürs Leben gegeben hätte; ich erhielt es von Dir allemal. Der Magnus, den Du zu nehmen wohl doch wenigstens damit liebäugeltest, obschon tausend Schmuckere und Verlässlichere Deiner buhlten, hat sich seitdem grundsätzlich wenig geändert. Inzwischen ist er gar Witwer mit zwei Kindern. Ich schreibe das für Dich, aber auch für alle. Ich wünsche Dir, dass Du Dein Glück gefunden.

— Anzeigen —


Tags:

Eine Antwort hinterlassen