Konstantin bei Bärli in Züri

Konstantin kam, da ihm in deutschen Landen eine zeitlang zu unwohl geworden, ein Landvogt dem andern zu sehr glich, nach Zürich, einer Stadt, von der er wohl schon so manches gehört hatte, doch nie dorten gewesen; närrisch sei sie, aber nicht nur, hatte er vernommen; und derlei Städte reizten ihn selbstverständlich am meisten, daselbst zu schauen und zu lernen und vielleicht auch mal einen braven Bürger zu ärgern.

Kaum dass er durchs Stadttor gelassen, sahe er denn allda auch derer haufenweise; zwar trieb sich auch dorten am und hinterm Markte allerlei Gesindel herum: in dieser Stadt aber war selbst das Gesindel allermeist guten Kleides. Oft musste selbst der weitgewanderte Konstantin genauer hinschauen, um das Gesindel von den braven Bürgern sicher scheiden zu können.

(Schnelle aber ward ihm klar, dass jene, welche die einheimische Mundart pflegten, recht viel seltener zum Gesindel gehörten, auch dann, wenn sie gerade im Schurze Fische ausnahmen und abschuppten.)

Von den vielen Geldwechselhäusern in Zürich hatte Konstantin selbst in Böhmen und Mähren schon gehört; um wieviel mehr in Frankfurt; gleichwohl war er demgegenüber, wie immer, etwas misstrauisch geblieben, ob es denn wirklich gar so viele und so stattliche seien. Und nun war da jedes zweite ansehnliche Haus ein Geldwechslerhaus. Da wunderte sich Konstantin nun gar nicht mehr, dass in dieser Stadt selbst das Gesindel Wert darauf legte, sich gut zu kleiden.

Konstantin, der wohl in Nürnberg oder Augsburg noch als ein wackerer Handwerksbursche durchgegangen wäre, merkte schnell, dass seine etwas abgewetzte Joppe, seine nicht mehr ganz neuen Stiefel, auch sein Bündel, hier nicht über lange einem Stadtbüttel auffallen möchten, als von unzürichscher Art.

Da er nun aber kaum etwas mehr hasste, als sich von Stadtbütteln treiben oder gar vertreiben zu lassen, bedurfte es ihm eines die Lage lösenden Einfalls. Denn wenigstens ein paar Tage lang gedachte er diese merkwürdige Stadt noch zu ergründen.

So ward ihm schnell einsichtig, dass es zur Abhülfe nur drei gangbare Wege gab.

Entweder er fände Bundesgenossen beim Gesindel, oder bei einem braven Bürger, oder ließe das Notwendige aus einem der Geldhäuser heraus.

Zunächst reizte ihn der Versuch mit dem Gesindel; dann jener, einen ihm gesonnenen braven Bürger auszumachen; schließlich aber sagte er zu sich, dass das etwas kleinmütig sei, er wohl kaum noch, zudem, wenn ihm unterm Gesindel womöglich eins auf die Nase gegeben, besser bei einem Geldhause einen Daseinswechsel erlangen, währenddem er, dort lediglich vertrieben, immer noch unverschrappelt sein Glücke beim Gesindel suchen könne, oder bei einem braven Bürger. So sann er denn darauf, wie er es in dieser doch noch einmal besonderen Geldwechslerstadt, wo wahrscheinlich noch der kleinste Geldwechsler jeden Nürnberger oder Augsburger Obergeldwechsler gerade mal zum Lehrbuben zugelassen hätte, zunächst anstellen solle.

Keine Frage, das war nach einem halben Tage klar, dass sich hier alle Geldwechsler untereinander kannten, manche sich spinnefeind, was auch sonst, aber schon ein falscher Schritt in ein Geldhaus dahinführen könne, dass deren allgemeiner Bannfluch auch die Sache mit dem Gesindel wie dem braven Bürger wie allzumal den Stadtbütteln gänzlich unmöglich mache.

Ohne eine List würde alles nichts.

So entschied sich Konstantin, in eines der mittelgroßen, von jenen etwas noch schmucker wirkenden Geldhäuser auf Stiefel-, Joppen- und Zehrgeld zu gehen.

So trat er denn bei Julius Bärli ein, alsda ihm auch der Name irgendwie wohlgefiel.

Man war sehr beschäftiget. Ein wenig zu warten geheißen, bot man Konstantin gar einen Trunk an, welchen er, weder von den Augsburgern noch den Nürnbergern solches gewohnt, dankend zur Vorkräftigung in sich goss, flink, da er damit der Sache erst recht nicht traute.

“Kommet’s mit!”, führte ihn ein oberbraver Bürger zum ihm zugeteilten Geldmanne.

Der sprach gar, gleich merkend, dass Konstantin fast jede Mundart beherrschen mochte, nur nicht die schweizerische, in einem trotzdem sehr merkwürdigen Singsange ein Deutsch, dessen nicht zu schelten war.

“Wie können wir dem Herren Eulenspiegel helfen?”, fragte er. “Haben Sie etwas zu verpfänden?”

Mit diesem Angange hatte Konstantin nicht gerechnet. Nachdem alles so gemächlich gewesen, man auch hier manche Worte so in die Länge zog, wie als ob das Deutsche eine Sprache, die der Ochs dem Esel beigebracht, kam dieser Geldmann sofort auf des Pudels Kern, wiefer, wacher, geschwinder als alle Augsburger, Nürnberger, selbst Frankfurter und Hamburger noch. Er sagte nicht einmal “beleihen”, sondern gleich “verpfänden”.

“Nun, Herr Zwingli” (also hatte der andere sich vorgestellt), versetzte Konstantin, “nein, ich habe nichts zu verpfänden, ich will vielmehr etwas kaufen und bedarf dazu Ihres Rats.”

Die Miene des Mannes, bisher gespielt freundlich, hellte sich sichtlich auf. “Und wie kann ich Ihnen dann dabei helfen? Was wollen Sie denn kaufen?”

“Ich will Ihr Geldhaus kaufen.”

Herrn Zwinglis Gesichte verfinsterte sich schlagartig. Ein wenig zitterten seine Nasenflügel, doch ließ er sich sonsten nichts anmerken.

“Mit Verlaub, Herr Eulenspiegel, es ist sonst nicht die Gepflogenheit unseres Hauses, aber ich muss Sie doch fragen, wie einer, der in Züri kaum als Gassenfeger durchginge, ich sage es jetzt so deutlich, unser Haus kaufen will.”

“Mit Verlaub, Herr Zwingli, denken Sie etwa, dass ich, gleich einem Züricher, der nicht recht weiß, wie man gute Geschäfte macht, im Frack hier hereinkäme, um Ihr Haus um mehr als einen Rappen weniger zu erwerben, denn dass es dies wert ist? Jeder Geldmann sähe das sofort, rennte hinterher und böte mehr. Wo ich gut einkaufen will, da trete ich stets alswie ein Bettler auf. Also, was kostet das Haus, mit allem, einschließlich Ihrer Wenigkeit, dabei?”

Zwingli ward blass, zuckte einen Augenblick, ließ aber sodann Herrn Bärli höchstselbst rufen. Er tuschelte jenem kurz zu, einem feisten, doch nicht zu fetten Manne von vielleicht fünnefzig Jahren, der dann, Zwingli wegwinkend, Konstantin mit feierlicher Geste die Hand reichend in sein Hinterzimmer wies.

“Dreihunderttausend Goldfranken. Kein Räppli weniger!”, sagte Bärli schnaubend, ohne Umschweife, nachdem sich beide gesetzt.

“Nun, soweit ich’s erfuhr, ist Ihr Haus nicht einmal ein Drittel dessen wert. Ich denke aber, es ist nichtmal ein Fünftel.”

Bärli kroch der Schweiß auf die Stirn. “Also gut, die Hälfte!”, bellte er.

Konstantin lächelte und wog sein Haupt bedächtig. “Sie machen mir Spaß. Nun gut, ein Anfang zu einem guten Geschäft für beide Seiten ist gemacht. Zuerst aber habe ich eine Bedingung zu stellen.”

“Die wäre?”, stammelte Bärli, inalsoweit man so eine kurze Frage selbst in Züri langziehen kann.

“Mir zu beweisen, dass Ihr Haus überhaupt noch über Goldfranken verfügt, schaffe er mir jetzt Fünftausend. Die anderen, die aus diesem Haus das größte Zürichs zu machen gedenken, wollen erst sehen, wie es hier um Bares steht. In drei Tagen bin ich aus Bern zurück, dann reden wir weiter.”

Zwei Minuten später zählte Bärli die Summe auf den Tisch. Verbeugung und Konstantin ab.

Konstantin ließ sich für fünfzig Goldfranken neue Stiefel machen, eine Joppe aus Loden, es drei Tage gutgehen, behielt noch zehne für den Weg nach Konstanz. Sodann kehrte er mit dem Rest des Geldes zurück.

Bärli empfing ihn gleich einem Fürsten.

“Nun, Herr Bärli, wir haben inzwischen leider ein anderes Haus im Auge; ich habe Ihnen für die fehlgeschlagene Anbahnung nur 50 Goldfranken berechnet. Ich bin kein Unmensch und weiß, dass Sie in keiner sehr glücklichen Lage. Vielleicht können wir Sie späterhin doch noch übernehmen. Ich werde in Konstanz und Freiburg ein gutes Wort für Sie und Ihr Haus einlegen.”

Bärli war zwar sichtlich enttäuscht, versuchte aber Haltung zu bewahren, bedankte sich also artig wie überschwenglich bei Konstantin für seine Großzügigkeit und geleitete ihn selbst bis ans Stadttor.

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4 Antworten zu “Konstantin bei Bärli in Züri”

  1. Dude sagt:

    Himmelarschundzwirn, mit dere Parable lierferisch mer aber ä Synchronizität vom allerfeinschtä!

    Ha grad hüt abe luschtigerwiis miteme Bekannte vom Ruedi Elmer (wonen auscho uf dä Caymans hät dörfte go bsueche uf choschte vodä Gäldwächslerbude ;-) ) gschnurred.

    Als urächte Originalzürcher musi aber leider säge, das Züri verfluecht vercho isch. Äs isch s’Hinderletscht, well hützutags chleidet sich s’Xindel nöd nur “guet” (und hützutax isch fasch nurno Xindel in Züri, die meistsche Iheimische und Ursprüngliche sind scho längst vertriebe vonene), sondern glaubt i sinere Xindelhaftigkeit auno glatt, dass’ gar kei Xindel, sondern wertvolli Mitglieder vodä Xellschaft – eigentlich Milchchüeh *lol* – seged.

    Aber wer weiss… wänn mini These, woni dänne xeit han, würkli dä Tatsache vodä Entwicklige entspricht, chönnted au da im Bluetgäldmoloch Wälte bewegt werde…

    Grüessli us Züri :-)

    Ps. Bidä Bäre chunsch underere Chischte übrigens scho gar nöd zur Tüür i, aber vilich isch das ja zu Konstantin’s Ziite no andersch xi… ;-) I sälber känne Züri jedefalls au no andersch… Wälte däzwüsche!
    Pps. Und übrigens glaubi nöd das d’UBS bzw. dä schwiizerisch Bankverein ;-) dä Lade uselaht, well er isch ja schliessli ä wertvolli Milchchueh. Da müsst dä Konstantin vorher wohl scho Bayern (oder vomirus au B-W :-D) annektiere und als Pfand hinderlah… :-D
    Ppps. Und übrigens laufed d’Verarschige bidä Bärsli meischtens idi ander Richtig… ;-)

  2. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Dude

    Ich habe grade problemlos gelesen, was Du geschrieben und es lachend goutiert.

    Die Übersetzung für den wohl überwiegend ahnungslosen deutschen Rest leiste ich jetzt aber nicht.

  3. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Dude

    S’heerd ons jo eh kaum ebber mea zue, derwäge i au so schwäddsa koh, dade Norddaidsche neasmeh verschdanded.

    Bi ees en Schduergerd isch es ed arg anderschd; i han mi abber erschd rechd widder middanai ghogged.

    Do ben i noamol hald uffgwachsa. On meine Kender duet’s ed schlechd.

    I woiß ed, wia dasses do onda bei eis en Zirich wirglich isch; abber dans au nemme so schee isch, des hanne vorledschd Johr scho am Bohhof gmergd, wone die ganze Gschdalda doh on dromrom gseha han.

    S’kennd oim Herz brecha. Mendeschdens mir zwoi boide mached abber drodsdem ohverdrossa weider.

  4. Dude sagt:

    Kei Schiss, die wos sölled verstah, verstönds scho. Das häsch ja sälber tiptop gmerkt. ;-)

    Und ja, dä HB (und d’Bahnhofstrass) isch wohl s’idrücklichschte Muschterbiispiel vom verchone Moloch und sine ganze xindelige Gstalte idä schöne Chleidli.

    Wobi sich ebe au das jetzt ändere chönnt…

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