“Borderliner” und fragwürdige “Therapien”

Gestern sah ich wieder so ein anrührendes Wesen.

Eine Frau von vielleicht 45 Jahren, die, wenn versonnen, vor sich hinsinnend, im Gesichte deutliche Spuren schwerer Jahre trug.

Kaum aber freute sie sich, so leuchteten nicht nur ihre Augen, sondern war ihr ganzes Antlitz wie verwandelt.

Da ich – nicht immer, aber grundsätzlich – ein ziemlicher Sentimentalo bin, frug ich mich sogleich, wie dies Licht wohl dauerhafter gemacht werden könne.

Sogenannte “Borderliner” (ich denke inzwischen, dass der Begriff an sich schon irreführend ist, damit auch die Übersetzung “Grenzgänger”; das aber führe ich aus, wenn die Gedanken dazu gereifter): Wie diesen zu helfen sei?

Schulmedizin wie alternative Methoden (letztere meist auf asiatisch gegründeten Theorien fußend, in der Regel eine Auflösung von “Traumata” ansteuernd) versagen mir allzuoft.

Das Urteil nicht weniger Therapeuten geht so weit (gut, die meisten Ärzte oder Arztähnlichen wollen halt unentbehrlich sein, was wunder), dass derlei Leuten von ihnen Nahestehenden, zumal Lebensgefährten, praktisch prinzipiell nicht geholfen werden könne.

Als Grund dafür wird, durchaus nachvollziehbar und keineswegs grundfalsch, die persönliche Verstrickung angeführt, die das verunmögliche. Gerade da könne sich ein Mensch nicht öffnen, halte er sein Versteckspiel vor sich selbst eben auch vor dem anderen umso verbissener aufrecht. Die – was natürlich ein Witz ist – sozusagen “neutrale”, dafür ausgebildete Person, der Therapeut, habe viel leichter die Möglichkeit, dem Leidenden (man nennt ihn unter den “Alternativen” gerne “Klient”, um das böse Wort “Patient”, also “Leidender”, zu umschiffen, was ein blanker Schwindel) wirklich nahezutreten, ihn nach außen und zu sich selbst hin zu öffnen.

Dann aber bekommt man mit, wie oft sich Patienten in Therapeuten verknallen und umgekehrt. Womit sich die Katz ja wohl in den Schwanz beißt. Und zwar übelst, da hier dem wechselseitigen Lug erst recht Riesenscheunentore geöffnet.

Wohl auch kein reiner Zufall, dass sich bei männlichen Therapeuten, wenigstens, wofern sie zur aussterbenden Rasse der Heterosexuellen gehören, regelmäßig Frauen mit vorgeblichen oder tatsächlichen sexuell relationierten Störungen bzw. “Traumata” einfinden, gleich Fliegen beim Lichte.

Da sage ich jetzt mal ganz hart: Dann f…t doch einfach miteinander! Was soll das ganze Geschwätz! Das anstatt Sperma fließende, vergiftende Geld noch dazu!

Nein, Freunde der Nacht, hier wird viel verquaster Mist verzapft, viel zusätzliches Unheil angerichtet.

Ich meine auch gar nicht mehr (wenn es je so war), immer weniger zumindest, dass man sogenannte Traumata unbedingt zwanghaft angehen sollte, um sie “aufzulösen”. Das auch noch als Autorität, die dafür die Penunze nimmt, nicht selten selber nur eine Projektionsfläche (immerhin eine zahlende, damit doppelt das Selbstwertgefühle aufbauende!) suchend und anlockend.

Abgrund trifft Abgründler. Na denn. Wie gesagt: Wenn sie es einfach nur miteinander trieben, lachten, redeten, äßen, einen guten Wein tränken, gemeinsam an einem Bergsee säßen, eben nicht Glücke verhandelten.

Indem ich diese – meiner Meinung nach – Wahrheit ausspreche, werde ich mir mal wieder erstmal nicht viele Freunde machen: was auch sonst. Na und.

Es ist schon als banaler Privatlehrer (mehr habe ich nicht gelernt) nicht einfach, die gebotene Linie zu halten, wenn da eine junge, intelligente, schöne Frau zwar nur (zum weitaus schlechter Bezahlten, vielleicht ein Drittel dessen, was “Therapeuten” wollen, Nehmenden) zum Deutschunterrichte kommt, neben der Unterweisung in Semantik, Syntax usw. aber auch die Person selbst aufzubauen ist. Strenge und freundliche, ermutigende Worte im Wechsel. Genau so, dass das richtige jeweilige Gleichgewicht gewahrt. Auch keine leichte Übung.

Dabei kann man sich aber wenigstens immer wieder und nochmal und richtschnurweis an “den Stoff”, zu Lernendes, damit implizit Aufbauendes, halten.

Und der “Therapeut”? Wie viel Regulativ hat daran gemessen, der?

Sie schwindeln dazu so gut wie alle. Ohne Einfühlung und eine gewisse Sympathie kann man nicht helfen. Wohl dem, der seine weiterführende Weisheit, subtile Hinweise, Gutgemeintes sinnvoll in seinen Unterricht, in “den Stoff” einflechten, einbauen kann, dies vermag!

Wie es wohl ist, wenn ein Schwuler zu einem schwulen “Therapeuten” geht?

Darüber will ich gar nicht nachdenken.

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5 Antworten zu ““Borderliner” und fragwürdige “Therapien””

  1. Thomas sagt:

    Was genau sind Borderliner? Und – wichtiger – gabs die schon früher? Vielleicht vor 200 Jahren schon? Wenn nicht, wo liegt die Ursache?
    Ich hab mich wenig bis gar nicht mit der Thematik beschäftigt, bin aber nahe dem Schluss, dass unsere heutige Welt, allem voran das Fernsehen und die instabile Art und Weise, wie unser Leben heute gelebt werden muss, daran schuld ist.
    So dumm, wie es klingen mag: Vor wenigen Jahrzehnten noch hat einer seine Ausbildung gemacht und hat in dem Betrieb, der ihn ausgebildet hat, unter Arbeit alt werden können. Bei vernünftigem Lohn. Ich will keine Diskussion über unsere komische Welt anfachen. Ich will auf die vergangene Planungssicherheit hinaus, auf die “Einfachheit des Lebens”, auf die drei Fernsehprogramme, die es damals gab (nein, ich bin auch davon kein Freund) und auf den, nach heutigem Maßstab “langweiligen” Inhalt dieser Fernsehprogramme. Beim Radio genauso: Wenn ich heute das Radio einschalte, bekomme ich nach zwei Minuten Mo(r)derator-Achsolustig-Geschwätz auch die ersten Grenzgängersymptome. Von den ewig-gleichen Texten der Musik ganz zu schweigen. Radio heißt für mich heute nur noch Nachrichtensender ohne Musik und Irrwitz der Moderatoren. Musik heißt für mich meist nur Musik ohne Gesang. Die ist wenigstens neutral, zum Denken anregend, weil mehrfach interpretierbar – und ehrlich. Und verblödet meinen Geist nicht mit dem Heile-Welt-Gesülze; eine Dauerlüge sondersgleichen. Wer da langfristig nicht mehr mit der Realität klar kommt und Grenzgänger wird – ich kanns verstehen.

  2. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Thomas

    Der Witz an dem Begriff ist ja mal wieder nicht nur, dass er auf Englisch nicht klar definert, sodann auf Deutsch erst recht nicht.

    Das wäre nicht so schlimm, denn Grenzwertige sind nicht so einfach zu fassen; aber man versucht, darausgegründet ja gleich wieder ein Programm, Programme zu starten.

    Zum Glück bin ich inzwischen ein Beyondliner.

  3. Dude sagt:

    @Thomas

    Schön gesagt!

    Ich überschreite ob des ganzen Irrsinns der Welt wohl bald endgültig die Grenze ganz und verdufte in die Höhle um lange und tiefgehend nachzudenken…

  4. Thomas sagt:

    Dude, es ist deine persönliche Entscheidung, da will dir keiner reinreden. Aber bitte erst nach dem 26.1. ;)

    Beyondliner sein ist auch nicht schlechter als alles andere. ;)

    Der Begriff Borderliner ist genauso schwammig wie die damit bezeichnete “Krankheit”. Ich finde, das passt. Gehauso wie ADHS oder auditive Wahrnehmungsstörung. Schwammig, schäbig, unerforscht, vielleicht nur ausgedacht zum Gewinne Einfahren. Ursachenforschung? Wozu?

    Dann besser doch ein Beyondliner. Die bedanken sich sogar für den Spass, den sie das Jahr über hatten: http://www.youtube.com/watch?v=ZsWCFgV4SgY
    Vielleicht sollte der Dude auch mal mit dem Plattendrehen anfangen und einen auf DJ machen. Hebt die Stimmung! ;)

  5. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Thomas

    “Schwammig, schäbig, unerforscht, vielleicht nur ausgedacht zum Gewinne Einfahren. Ursachenforschung? Wozu?”

    Also knapp wie richtig ausgedrückt.

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