Lisas Kunstbegriff: Eine Abwägung

Zwar im Kommentarstrang zu “Zur Entspannung: Ein kleiner Crowley-Lug“, aber doch eher in Antwort auf “Beuys’ Kunstbegriff: Eine Abrechnung” schrieb Leserin Lisa folgendes:

“Angeblich kann man nicht definieren, was Kunst sei. Ich, für mich, habe es definiert und – natürlich gilt das nur für mich – ist Kunst in jeder Form eine Aussage, welche über das schon Bekannte hinausweist, neue Aspekte des Menschen erkennt, beschreibt oder darstellt und in irgendeiner Form ausdrückt. So gesehen waren für mich die technischen Erfindungen die bedeutendste Kunst im 20. Jahrhundert. Aber Technik und Wissenschaft als Kunst sind natürlich auch umstritten.”

Den zweiten Teil ab “So gesehen…” will ich hier zunächst nicht gesondert erörtern, führe ihn aber der Vollständigkeit und seines Gewichtes halber trotzdem mit an.

Ziehen wir uns also den Kern der Definition heraus: “Kunst ist in jeder Form eine Aussage, welche über das schon Bekannte hinausweist, neue Aspekte des Menschen erkennt, beschreibt und in irgendeiner Form ausdrückt.”

Mein zunächst einziger Verbesserungsvorschlag geht dahin, die Doppelung herauszunehmen, also entweder: “Kunst ist in jeder Form eine Aussage, welche über das schon Bekannte hinausweist, neue Aspekte des Menschen erkennt, beschreibt und ausdrückt.”

Oder: “Kunst ist eine Aussage, welche über das schon Bekannte hinausweist, neue Aspekte des Menschen erkennt, beschreibt und in irgendeiner Form ausdrückt.”

Ich will mich da erstmal nicht entscheiden, zumal Lisa überlassen, welche Variante sie vorzieht, sei es auch die ursprüngliche, redundante.

Vielmehr frage ich mich, ob noch irgendetwas Wichtige fehlen könnte.

Einzig fällt mir bislang ein, dass das Wörtchen “Werk” noch dazupasste.

Also etwa: “Kunst ist in jeder Form ein Werk, dessen Aussage über das schon Bekannte hinausweist, neue Aspekte des Menschen erkennt, beschreibt und ausdrückt.”

Weiß jemand zu sagen, was noch fehlen könnte, verkehrt sei, überflüssig wäre?

Man könnte es – alternativ – vielleicht etwas aphoristischer, knapper sagen.

Ich probiere es mal:

“Kunst ist Besonderes in einem Werke verdichtet.”

Oder auch:

“Kunst bringt Ungewöhnliches gezielt zum Ausdruck.”

Oder auch…:

Wer hat weitere, andere, bessere Vorschläge?

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9 Antworten zu “Lisas Kunstbegriff: Eine Abwägung”

  1. Lisa sagt:

    “Kunst ist eine Aussage, welche über das schon Bekannte hinausweist, neue Aspekte des Menschen erkennt, beschreibt und in irgendeiner Form ausdrückt.”

    Das finde ich gut ausgedrückt. Danke für die Korrektur.

    Was mich bei der zeitgenössischen Kunst immer wieder verwundert, ist, dass sie einfach konsumiert wird. Es gibt nichts mehr, was schokierend wäre oder aufwühlend oder auch nur zum Nachdenken anregend. Aber vielleicht ist das ein naiver Gedanke von mir, dass Kunst eigentlich der Zeit voraus sein müsste…

    Hier kannst Du übrigens Monets Garten besuchen, wo er seine berühmten Seerosen gemalt hat:
    http://www.giverny.org/gardens/fcm/visitgb.htm

  2. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Lisa

    Vor ein paar Wochen erhielt ich bezüglich jenes im anderen Strang erwähnten, von mir sehr geschätzten Malers zwei bemerkenswerte Aussagen.

    Ein erfahrener Galerist (und selbst Maler), mit dem ich schon manchen Abend zusammensaß, hatte zwar Beuys als ziemlich miserablen Maler taxiert, beim Zeichnen als einen Kritzler, aber seine “Befreiung des Kunstbegriffs” in höchsten Tönen gelobt.

    Jenen anderen kennt er schon lange, persönlich wie sein Werk und schätzt es sehr.

    So frug ich ihn denn, weshalb vor allem. (Ich brächte es jetzt gern auf Schwäbisch, übersetze aber doch lieber gleich ins Deutsche.)

    Nun, der J. sei einer, der noch so male, wie man früher gemalt habe. Was er denn damit meine? Das Handwerkliche, neben dem Konzeptionellen, das sei hier halt, im Gegensatz zu den meisten Heutigen, noch wirklich beherrscht und sauber ausgeführt.

    Ich wies ihn dann schon auf den inneren Widerspruch beider Aussagen hin, fing aber keinen Händel deswegen an.

    Dann, an einem anderen Tage, kam ich mit einer Frau, die ich lokalitätsmäßig eher nur vom Sehen kannte, wiederum auf J.s Kunst zu sprechen.

    Sie reagierte ziemlich verächtlich, auch mir gegenüber (was weiß ich warum Letzteres, aber das ist hier ohne weiteren Belang), und meinte ohne Umschweife, der J. sei kein guter Maler. Auch, dass Beuys für sie die Riesensache sei.

    Ich fragte sie dann (auf Beuys ging ich gar nicht mehr ein, sie war ja so schon giftig genug), woran sie dies Urteil denn festmache.

    Wie als ob zu einem Totalbanausen sprechend erklärte sie lapidar, der sei ja über die Grenzen Baden-Württembergs hinaus kaum bekannt. Damit sei klar, dass der nicht viel tauge.

    Meinen Einwand, dass das ja nicht unbedingt Entscheidendes bedeuten müsse, ließ sie nicht gelten. Damit sei die Sache klar. Punktum.

    Ich stritt nicht mehr länger herum, setzte mich nach einer Anstandspause diskret woandershin.

    Ich muss wohl nicht erklären, was ich von so einem Nullargument halte.

    Sie war noch nicht einmal ein aufgeblasenes Huhn von 25 mit Nichtsgelernthaben verbrachten Jahren, sondern dürfte die 50 schon überschritten haben.

    Ein wohl typischer Fall für das, was läuft.

    Immerhin habe ich mir inzwischen (ich hatte mir vorgenommen gehabt, keinen Druck mehr ins Haus zu lassen, nur noch Originale) von J. einen Druck, mit dem er seine letzte Ausstellung bewarb, erbeten und geschenkt bekommen und mir schlicht, aber schön rahmen lassen. Mein Zwölfjähriger sah das Werk und wollte es sofort in seinem Zimmer haben. (Ein ziemlich expressionistisches Porträt einer Frau von vielleicht 35 Jahren mit einem Ausdruck zwischen durch schweres Schicksal gezeichnetem Blicke, aber gepaart mit einem in die Ferne und einer ungeheueren Willenskraft und potentiell explosiven Wildheit. Ich hätte mir das Bild natürlich gerne gekauft, aber so schlecht ist J. nun auch wieder nicht im Geschäft, dass das gerade ins Familienbudget gepasst hätte.)

    Immerhin brachte ich J. zum Danke eine kurze prosalyrische Betrachtung zum Bilde, das ich “Die Tapfere” hieß, ins Atelier. In einem Kuvert. Ich weiß nicht, ob sie ihn ansprach, denn ich habe ihn zwischenzeitlich noch nicht wiedergesehen.

    Wenn ich aber die Mittel dazu habe, kaufe ich ihm mit Sicherheit mal ein Bild ab; und obendrein noch aus lachender Bosheit wider jene.

    Leute mit Geld, und davon gibt es ja noch einige, kaufen sich um drei Mille einen völlig missratenen Plastiktisch mit etwas V2A-Stahlrohr dranne, aber dafür mal eine anständige Bildhauerarbeit oder ein gutes Ölbild zu erwerben, das fällt ihnen, diesen Geschmacklosen, nicht ein.

    Direkt schräg gegenüber von jener Kneipe, wo sich die Gespräche zutrugen, befindet sich eine Galerie.

    Der Mann stellt nicht nur Vollschrott aus, aber ich sah dort schon Zeugs um 5000 (abstrakte Bilder, farbige Rechteckkollagen und sowas), die kann man grade noch ins Wartezimmer einer Arztprax oders Vorzimmer einer Abmahnkanzlei hängen.

    Aber der Laden scheint zu laufen.

    “Meine Tapfere” jedenfalls ward mir geschenkt, eben nur ein Druck, 35 Euronen fürs Rahmen, aber sie sagt mir etwas, da ist Ausdruck.

    J. wird mir den Druck wohl auch noch signieren, aber auch schon so ist er mir mehr wert, als irgendsoein halbwegs erträgliches Rechtecksgeschäckse.

    Wir halten einfach durch; irgendwann wird es auch mit der Kunst wieder was. (Was das Zeitliche und Überzeitliche usw. betrifft, mache ich dies Fass jetzt nicht noch auf. Es ist einerseits schon spät, andererseits sollten auch derlei Erwägungen wieder in einen eigenen Artikel einfließen.)

    In summa: Handwerklichkeit zählt meist nicht mehr viel (auch in meinem Metier), man schleudert Ware durch die Gegend.

    Ich werde mich dem niemals beugen.

    Achgott, hört sich das wieder trist an.

    Tut mir leid.

    Trösten wir uns einstweilen damit, dass jeder Müll irgendwann auf dem Müll landet.

  3. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Lisa

    Jetzt habe ich mich doch noch darangemacht, zum Thema eine Fortsetzung zu schreiben. Heute Nacht haue ich sie aber nicht mehr raus.

    Vielmehr mache ich es jetzt umgekehrt und greife ein Stück weit vor.

    Was fehlt, das ist mal wieder, so abgedroschen das daherkommt, die Liebe.

    Wer etwas Gescheites schaffen will, der muss sich dem auch nahe fühlen, grundsätzlich verbunden, es muss ihm herbe wie zärtliche Gefährtin werden, ein Geliebtes.

    Im Grunde ist die Kunst Ausdruck einer höheren Liebe. Einer solchen, die sich nicht auf eine Person bezieht, auch nicht sich selbst, allenfalls zum Teile, sondern einer zu – ja? was sage ich jetzt? welcher Begriff taugt? – , ich weiß es grade nicht besser, einem Mehr.

    Sonst hätte ich “Menschheit” oder “All” oder “Kosmos” oder so etwas gesagt, ein ausgelaugtes Wort verwandt.

    Es ist aber so. Da bin ich mir sicher. Vielleicht weiß ich es bald noch besser zu sagen. Und manches von dem hier mag noch in das bisher Halbfertige einfließen.

    Und, ja, da komme ich auf Crowley zurück, Deinen Widerspruch zu meinem diesbezüglichen Urteil: Es muss wohl nicht nur, aber doch auch eine Art unbedingter Wille dabei sein.

    Das klingt paradox. Klar. Ich werde das weiter zu ergründen suchen.

    Selber definieren. Du sagtest es bereits.

  4. Thomas sagt:

    Mich kitzelt dieses Thema nicht wirklich. Dennoch kann ichs mir nicht verkneifen, euch vielleicht etwas zurück zu holen aus euren Sphären:

    Kunst ist das, was mir gefällt. Alles andere ist Käse.

  5. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Thomas

    Sei Dir unbenommen, dass dies Thema Dich nicht wirklich kitzelt.

    Es werden auch wieder für Dich handfestere Sachen kommen.

    Ich sehe hier eine kaum zu überschätzende gesellschaftliche Relevanz.

  6. Thomas sagt:

    Ich weiß ja nicht… muss Kunst wirklich etwas sein, dass über Bekanntes hinausgeht? Ich male einen Menschen mit Blick nach Rechts und dann noch einen mit Blick nach Links. Beides ist Kunst, oder etwa nicht? Beides kann ein Van Gogh sein und könnte auch von ihm stammen. Oder auch nicht. Wo geht da etwas über Bekanntes hinaus?
    War der Kulli, der von der Nasa für etwa 10Mio Dollar entwickelt wurde und in Schwerelosigkeit bzw hier unten kopfüber schreiben kann, beim Erscheinen Kunst? Es ging über Bekanntes hinaus, wenn auch nur ein kleines Stück. Die Russen lösten das Problem übrigens mit einem klassischen Bleistift.

    Ich weiß nicht, ich hab die anderen Strönge nicht verfolgt… eure Definition kann ich dennoch nicht teilen.

  7. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Thomas

    Da könnte ich auch sagen, dass der Commodore 64 auch schon 723 mal 472 rechnen konnte, also ein Rechner war, weshalb man Vierkerne usw. hätte gar nicht entwickeln brauchen.

    Ich kann auch eine Frau malen, die nach links oder rechts guckt.

    So ein Bild wird man aus guten Gründen, wenn man noch alle auf dem Christbaum hat, aber wohl eher nicht neben einen Van Gogh hängen.

  8. Thomas sagt:

    Wenn du nun eine Frau aus kleinen Magnetkugeln modellieren würdest (was, so hoffe ich hier, noch niemand vorher versucht hat)… wäre das dann Kunst?

    Ich verabscheide mich aber nun aus dem Thema. Ich hatte noch nie Verständnis für Kunst in dem Sinne, den ihr hier zu definieren versucht. ;)

  9. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Thomas

    Es gibt keine exakt abgrenzbare Beurteilung von Kunst.

    Darum ging es aber gar nicht.

    Im übrigen habe ich es in der bildenden Kunst nur als Steinmetz auf zwei mir erinnerliche ansehnliche Werke gebracht. (Eine Hand und ein Bildstock mit Schrift.)

    Ich müsste an Madame also wenigstens noch üben.

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