Beuys’ Kunstbegriff: Eine Abrechnung

Leserin Lisa schrieb vorhin im Kommentarstrange zu “Von der Glaubsucht” unter anderem folgendes, was mich zur nachstehenden Riposte veranlasste:

“Man kann über Beuys’ Kunst streiten, aber ich stimme seiner Aussage, dass jeder ein Künstler sei, zu.”

“@ Lisa

Ich vergaß noch Beuys und den Kunstbegriff.

Ich meine, dass der Mann einen grausen Bockmist verzapft hat.

Nicht nur, dass er unzählige Stümper und Schwachmaten in ihrem eingebildeten, aufgeblasenen Tun noch befeuerte, uns den letzten Rest des Tages zu stehlen, nein, er entwertete so die Kunst, das, was sie bedeutet, gesellschaftlich nachhaltig als solche.

Bei mir allerdings nicht um ein tausendstel Gran.

Es gibt kaum etwas Boshafteres, Zersetzerischeres, als jeden Krackler, Krattler und Kritzler zum Künstler zu erheben.

Damit wird jede kleine Gier, jede grindige Geltungssucht, die Mohrrübe im Arschloch in der Wiener U-Bahn zum Bewundernswerten erhoben.

Dekadenter geht es fast nicht. Jedenfalls fällt mir dazu nicht leicht eine Steigerung ein.

Mag der Kunstbegriff in vergangenen Jahrhunderten auch oft zu eng gezogen worden sein: DAS ist ein verhängnisvoller Unfug.

Bachs Violinkonzerte mit der Rübe im Arschloch quasi in eins setzen. Irgendeinen Dadaismus eines New Yorker Stadtneurotikers mit dem Quijote in eins setzen. Ranzige Fettecken zu Fresken großer Meister. Abartig. Ekelhaft. Kultureller Totalabsturz.

Ich gehe davon aus, dass Du es mal wieder lieb meinst, aber da erntest Du Widerspruch und Widerstand bis so weit jens des Endes, wie noch keiner geblickt.

Eine derartige Gleichmacherei, Verabsurdigung alles erhöhenden Tuns, kann bei mir nicht auf die mindeste Form einer Duldung hoffen.

Irgendwo, genau da, ist selbst beim Beinaheallverzeihermagnus der Zacken ganz ab.

So bringt man die Menschheit auf den Halbaffen.

(Nachtrag: Ich werde diesen Kommentar wohl noch in Richtung eines eigenen Artikels herauslösen. Die Sache ist allemal wichtig genug.)

Liebe Grüße trotzdem.

(Immerhin hast Du mich ja mal wieder bestens geärgert. Respekt.)”

Ich will mich noch nicht einmal näher fragen, was ein Schiller, ein Kleist, ein Nietzsche zur Afterthese des Herrn Beuys gesagt hätte.

Wahrscheinlich gar nichts, oder nur: “Sind die Irrenanstalten etwa alle leer?”

Jedes haltlose Gestammel neben den Michael Kohlhaas setzen; den Eselschwanzstrich neben Goya; das delirante Geklapper eines endständig Dementen neben Vivaldi; den Rotzpopel eines Beuys neben auch nur einen gut herausgehauenen Wasserspeier: Das heißt nicht Umwertung aller Werte, sondern Entwertung aller Werte.

Hier gilt nichts mehr. Kein errungener Rang, keine Mühe, keine höhere Sphäre, keine echte Seinsverdichtung, keine Erkenntnis, kein Vorbild, keine besondere Fertigkeit, keine Schönheit, keine Liebe, kein besonderes Tun.

Man pinkelt Michelangelo ins Gesichte, verlacht dazu Händel, setzt Dostoijewski mit dem letzten Eckensteher gleich, macht Gogol zum mexikanischen Straßenräuber, den umsichschießenden Heroinrapper der South Bronx zum großen Tenor.

Dass dieser Beuys mit seinem Kunstbegriffe selbst ansonsten sehr kunstsinnigen und gebildeten Menschen (bei weitem nicht nur Lisa, ich habe viele getroffen) deromaßen den Verstand, jedes Maß, was unbedingt zur Kunst gehört, getrübt, verdunkelt hat, gehört in meine Spezialkategorie: Wüsste ich’s nicht, ich glaubte es nicht.

Wie soll, bei solcher Prämisse, denn noch wirklich Kunst entstehen?

Wenn das Grunzen, Farzen, Zucken, noch das Unerheblichste, das Quieken einer Sau als Kunst gilt?

In Formalin gelegte Rattenschwänze?

Zwei Balsamierte als Gipfelkreuz?

Transfettsäuren als transzendent?

Ein abgeschnittenes Ohr in fortgeschrittener Verwesung als Preziose zur Versteigerung bei Sotheby’s?

WOZU wird SO ETWAS behauptet?

WAS macht man da mit den Menschen?

Ein Viech kann nichts dafür, dass es ein Viech ist. Es braucht auch Viecher. Das ist richtig und gut so.

Wenn der Mensch aber genau das aufgibt, was ihn wesentlich vom Viech scheidet, wird er, in dem Falle unverzeihlich, wieder zum Viech.

Und genau das, wenn es einen Behuf der Sache gibt, ist denn auch der Behuf der Sache.

So schafft man dumpfe, beherrschbare Masse.

Das ist die Absicht, da soll es hin.

Wozu sonst sollte man so etwas behaupten?

— Anzeigen —


Tags:

Eine Antwort zu “Beuys’ Kunstbegriff: Eine Abrechnung”

  1. Magnus Wolf Göller sagt:

    Ich habe eben das extern eingestellt, da dort verlinkt, gebe ich es auch hier unverändert wieder.

    http://bumibahagia.com/2015/04/22/was-kann-ich-tun-wc-weisheit/comment-page-1/#comment-28574

    “Das Gedicht oben ist gar nicht so schlecht. Es ist sicherlich nicht von Beuys, dem Kritzler und Entgrenzer, der die Kunst vom Können zu trennen predigte und lebte (immerhin!). Schon die zweite Generation Schwärmer bezieht sich auf sein Vermächtnis. Kein Handwerk soll mehr zählen, kein ernsthafter Wille zur angemessenen Form, denn jeder hat ja irgendwie eine Botschaft.
    Ich weiß nicht, welcher große Künstler (aber das ist da ja schon ein reaktionäres, veraltetes Konzept) je ohne große Mühen und viel Lernen und immer wieder viel Anstrengung zur großen Kunst gelangte; ich habe jedenfalls noch von keinem gehört.
    Jeder möge sich versuchen, entwickeln: Das ist richtig. Aber es ist in ein schlimmes Gift verpackt. Wo in der Kunst grundsätzlich kein Ernst mehr gilt und keine Ernsthaftigkeit (allenfalls die gewünschten, ernst vorgetragenen Parolen zum produzierten Müll), da wachsen auch Freude und Freudsamkeit auf keinem Boden mehr. Das mag auch für den Rest des Lebens gelten: da die Kunst das Leben ja abbildet zunächst, und dann noch die Aufgabe hat, es mit allem Einfallsreichtume nicht nur zu beleuchten, sondern auch zu befördern und erhöhen.
    Beuys hat den verlogenen, korrupten, opportunistischsten modernen Geistespöbel nach vorne gebracht, er kam dafür wie bestellt.
    Seine Drecksfettecke, die er in der Stuttgarter Neuen Staatsgalerie ablud, eine Ladung Schutt vom Klempner, mit Margarine eingschmiert, in einem Hause, wo ich meine, schon einmal einen Vermeer gesehen zu haben, die kostete den Laden dann 100 000 Märker oder so, weil eine treue jugoslawische Putzfrau unwissentlich den Ranz weggeputzt hatte, womit das hochheilige Werk schadenersatzpflichtig entwürdigt gewesen als befunden.
    Wer jeden Rang aufheben will, der soll das sagen. Arme Putzfrau, armes Museum.
    Was man den Kindern mittels eines solchen Kunstbegriffes antut, das ist wahrscheinlich das Ärgste.
    Aber heutzutage sind die Kinder ja Studenten.
    Also vor allem die betroffen, Mäuler offen.
    Man will einfach nicht mehr, dass einer etwas besser können könnte als der andere, und das noch, als sozial, den Menschen befreiend, in der Kunst.
    Es ist mir leider nicht ganz schleierhaft, weshalb dies so angesetzt und geglaubt wurde und wird.
    Keiner kann einfach Schreiner oder Schlosser oder Steinmetz (da gäbe es zu viele Arbeitsunfälle aller Art), aber Künstler kann natürlich jeder.
    Wer lässt sich so etwas einsingen?
    Wozu wird solche Melodie verbreitet?”

Eine Antwort hinterlassen