Wie der Philosoph (nicht) stürzt

Das Ende des Philosophen ist eine bestimmte Art der inneren Festigkeit.

Ein Philosoph, der seinen Frieden gefunden hat, verdient den Namen nicht mehr.

Er taugt allenfalls noch als ein Untoter.

Die Weisheit nämlich, wie schon einer sagte, ist ein Weib und liebt immer nur einen Kriegsmann.

Deshalb – ich pfitzelte gerade mit Leserin Lisa mal wieder darumherum – will ich auch zumindest bisher ganz sicher nicht “erleuchtet” sein.

Nicht nur das Passivische daran stört; es ist das Endgültige, das jenem Zustande aus meiner Sicht innewohnt.

Leserin Lisa allerdings sieht das offensichtlich ganz anders; soweit ich ihre Ausführungen verstanden zu haben meine, leuchtet es sich im Erleuchtetsein eben doch immer noch mehr.

Das wäre ja, so paradox es klingt, schon eine interessante Sache. Das schaute ich mir dann doch einmal an.

Ich traue der Sache aber nicht; noch finde ich mein relativ unterbelichtetes Leben spannend; manches, was ich mir wünschte, mag darinnen fehlen; es birgt aber täglich Neues.

Indes: So wie Lisa das zu meinen scheint (wofern ich es doch halbwegs begriffen haben sollte), nämlich, dass man von erleuchtet zu immer noch erleuchteter hinanschreiten könne, ließe ich’s mir womöglich schon gefallen.

Paradox ist ja nicht unbedingt verkehrt. Das weiß ich als leidenschaftlicher Dauerparadoxer schon lange.

Trotzdem bin ich abgeschwiffen.

Die Aufgabe eines Philosophen ist für mich nämlich die, nicht nur selbst zu erkennen, sich, wie Lisa trefflich sagte, mit sich selbst zu verbünden, sondern auch sich mitzuteilen.

Andersherum gesagt: Wer die Weisheit nur für sich nimmt, stellt sich außerhalb der Welt, hiemit gegen sie. (Das ist jetzt zunächst sehr vereinfacht; es sollte aber begreiflich sein.)

Nochmal anschaulicher gesagt: Ich trinke gerne mal mit Leuten ein Bier, und meine Kinder habe ich mir beim Machen auch nicht anzwingen müssen. Und ich liebe sie immer noch, auch wenn es manchmal Granatenrabatze sind.

Ohne Mut (die Angelsachsen haben aus “mood” so in etwa das Deutsche “Laune” gemacht, was sich, wenn ich es noch recht weiß, auf “Luna”, also den Mond gründet), den Mut, der angreift, mag der Philosoph auf seinem erleuchteten Platze stehen, wird aber nicht mehr seiner vornehmsten Aufgabe gerecht werden können, nämlich dem Geben aus dem Gesuchten und Gefundenen.

Was für Lisas Sicht spricht, ist, dass sie gut redet; kein langes Geschwafel, klare Sätze.

Doch auch von solchem darf der Philosoph sich nicht blenden lassen. Ja: Wenige vermögen gut zu reden, aber jene, die es vermögen, haben damit noch lange nicht unbedingt recht.

Und hier kommen wir zu einer der größten Gefahren, einer der sicherlich häufigsten Sturzursachen des Philosophen, nämlich jener, dass er der gewandten Rede aufsitzt.

Allein stehet er da, und vernimmt gute Rede.

Es wird ihm, wie als ob um ihn herum auf einmal alles Licht ausgebrochen. DA! – ist einer oder eine, die redet! Wortlicht!

DAS mag ihm (denn der Philosoph hat es immer mit dem Worte) die Sinne benebeln, ihn wegzirzen, ihn stürzen.

Da kaum ein Mann Verstand hat, meist seltener noch eine Frau, ist gute Rede dem Philosophen wohl die gefährlichste Gefahr, die nicht in Weinflaschen gefüllt.

Was hilft?

Es ist die gute alte Sprachwissenschaft, die Königin: was auch sonst.

Tief Durchatmen, jedes Wort, jede Partikel abklopfen.

So kommt er wieder zu Verstand und Sinnen.

Seine Urgrundübung allein rettet ihn vor dem Abyssos.

Indem er Schönheit von Wahrheit wieder zu trennen achtet.

Besinnung. Kühler Kopf im gleißenden Lichte. Laaangsam tun. Besser erstmal setzen, als stürzen. Mit dem kleinen Zängelein nochmal Schnipsel heben und genau betrachten. Einfach nach der alten Regel: Vor allem nicht, oder wenn dann nur kontrolliert (oder wenigstens halbwegs kontrolliert) durchdrehen.

Sobald der Schwindel überwunden, nicht zu frühe, wieder aufstehen, nach hint und vorn und ob und unt geguckt, und es mag der Boden zwar noch schwanken, doch gestürzt wird nicht.

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