Wir dem Glücke

Wir sind nicht unbedingt oft glücklich.

Dafür aber rächen wir uns am Glücke, nein, besser, dessen Hinterlist.

Es käme nämlich, so verlogen es auch sein mag, und das ist es zweifellos, doch am liebsten zu uns.

Es verlangt aber meist einen viel zu hohen Preis. Es ist von der Art der Wucherer.

Lustig dann, wenn man seine Ware abgelehnt, es versucht, sich nicht sichtbar zu ärgern.

Das schafft es ja letztlich nie.

Es ist derart geliebtwerdenssüchtig, dass es sich nimmermehr zu bezähmen weiß.

Das Glück hat nur das Glück, dass das die meisten nicht wissen.

Sonst müsste es sich schon viel länger angemessen benehmen.

Was das Letzte ist, was es will.

Das Glück ist so dumm, wie die Dummheit unergründlich klug ist.

Es wird nur gescheit, wenn es sich wider Willen eben doch schenkt.

Das kommt vor, wenn sich Menschen so wider sein Diktat verschwören, dass es nichts Besseres mehr weiß.

Der ihm nachläuft, das ist lange bekannt, wird sein Opfer.

Wer es aber beharrlich aus seiner finsteren Höhle herausquält, dem entkommt es nicht.

Irgendwann ist es selbst froh, dass es aus dem Loche endlich herausdarf, Licht zu schmecken.

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15 Antworten zu “Wir dem Glücke”

  1. Thomas sagt:

    Selten etwas so Gutes gelesen.
    Auch wenns einfacher ginge, wie: “Jeder ist seines Glückes Schmied.”
    Was aber nicht den Kern dessen träfe, was du hier zum Ausdruck gebracht.

    Das Glück als Arschkrampe. Wie lange muss man darüber nachdenken, um so etwas Einfaches und zugleich immens Tiefsinniges zu entwickeln? In wenigen Zeilen noch dazu? Glück flieht und darf nicht verfolgt werden. Wie wahr. Glück kann aber auch nur manchmal erarbeitet werden. Beileibe nicht oft.

    Glück dem, der es findet.

    Glück kann erstohlen werden. Obgleich es dann dem Dieb entrinnt. Manchmal schneller, manchmal langsam und quälend. Der, der sich im gestohlenen Glück weidet, sich daran gewöhnt und des Deliktes verdrängt, wird qualvoll leiden, im langsamen Schwinden ohne zu erkennen warum und wodurch.

    Glück ist etwas, mit dem man sich wirklich nicht anlegen sollte. Falsches Glück kann töten.

  2. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Thomas

    Hätte ich nie gedacht, dass Dir so ein Text gefallen könnte.

  3. Lisa sagt:

    Gibt es so etwas wie “falsches Glück”?

  4. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Lisa

    Ich denke, so etwas wie ein “falsches Glück” gibt es.

    Ein Freund eines Freundes brachte sich sukzessive ans Ende, nachdem ihn seine Lebensgefährtin in Richtung eines anderen verlassen hatte.

    So, wie ich die Geschichte kenne, schließe ich daraus, dass es zuvor schon ein “falsches Glück” gewesen sein muss. Oder auch ein “eitles Glück”.

    Ein anderer Freund machte es ähnlich, mich gar dafür verantwortlich, ich habe “sein Leben zerstört”.

    Was war geschehen?

    Ich war selber in einer grade nicht eben freudsamen Lage, wir saßen lange beim Biere zusammen, wobei er mir eindringlichst beizubringen versuchte, was für ein abgehalfteter Erzverlierer ich sei. Sein Behuf dabei war, unverhohlen, mich zur Mitarbeit an einem literarischen Projekt zu bringen, womit ich sozusagen eine Art letzte Chance bekäme.

    Das unterfing er so penetrant und brutal – Details hier nicht – , dass ich mich schließlich verbissen wehrte, den verbalen Machtkampf einging, denn er setzte derart gnadenlos alles daran, mich runterzulassen, dass ich ihm zeigen zu müssen vermeinte, wie lange so ein total runtergekommener Göller geistig immer noch durchhält, wenn man ansetzt, ihn spöttisch grinsend an der Wand zu zerquetschen.

    So zersägte ich ihm schließlich über Stunden jeden Satz, jede Wendung, zerlegte schonungslos, was er nur anbrachte. Bis er um eine Pause winselte, er könne jetzt nicht mehr, und ich lachte.

    Er hatte mir jegliches länger anhaltende echte Konzentrationsvermögen abgesprochen, und nach etwa drei oder vier Stunden war er selber ratzeplatt.

    Ich beabsichtigte indes nie, ihm “sein Leben zu zerstören”. Mir ging es nur, in der Tat, schon ziemlich miserabel, und ich wollte mir so partout nicht auch noch zum boshaftesten Hohne aufs Hirn seichen lassen.

    Sein “Glück”, nämlich jenes, dass er mir unendlich überlegen sei, mich formen könne, zu seinen Zwecken, wie Knet, war wohl ein “falsches”.

    Ich habe auch kein schlechtes Gewissen deswegen, denn ich konnte niemals ahnen, dass er mich ob dieser Nacht später derartig zur Projektionsfläche seines Scheiterns machen werde. Er hatte es schlicht übertrieben und ich mich lediglich gewehrt.

    Ja, es gibt dies wohl, ein “falsches Glück”: Er hatte sich traumhaft sicher gefühlt, mich nach Gusto in der Pfeife rauchen zu können.

    Wobei ich mit dem Begriff noch nicht recht zufrieden bin; vielleicht wäre “vermeintliches” oder “eingebildetes” oder “eitles” Glück treffender.

  5. Thomas sagt:

    Nein, falsches Glück trifft es meiner Ansicht nach am besten. Durch Betrug angefallener Reichtum ist beispielsweise falsches Glück, dass, wenn der Betruf auffällt, denjenigen zerstört, der sich nun an den Reichtum gewöhnt hat. Von der moralischen Komponente ganz zu schweigen. Mit ein Bisschen Ehre im Leib kann der Betrüger seinen Reichtum nicht richtig genießen, denn bei jedem Luxus, den er sich nun leisten kann, wird der Gedanke an den Betrug durchscheinen.

  6. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Thomas

    Auf der von Dir angesprochenen, zumal materiellen Ebene, wo das “falsche Glück” aus dem Betruge an anderen herrührt, mag ich Dir zustimmen.

    Bei den beiden Beispielen aber, die ich oben anführte, betrogen sich jene mit dem “falschen Glück” ja vor allem selbst.

    Ersterer hielt es für den Verrat aller Verräte (klingt blöd, aber egal), dass IHN seine Lebensgefährtin verließ. Dass er selber wohl der Grund dafür gewesen sein hätte können, kam ihm anscheinend noch nicht einmal in den Sinn. (Bzw. dass der andere Typ einfach mehr draufhatte.)

    Zweiterer hatte sich sowohl in mir wie auch in sich selbst verschätzt, sich eine Überlegenheit eingeredet, eingebildet, die sich letztlich als trugschlüssig erwies.

    Und er belog sich dann ja noch einmal, indem er mir die Schuld für das dann Folgende gab. Ich hatte erstens keinerlei Absicht, ihn dauerhaft zu beschädigen, gab, nach allem, was ich weiß, nur einen Anlass, eine Ausrede für die eigentlich dahinter-, darunterliegenden Dinge. Zudem ist es keine schwere Schande, wider mich mal ein Wortgefecht zu verlieren. Da hätte sich auch schonmal ein Professor für Sprachwissenschaft gleich hinter der Uni den Strick nehmen können.

    Das wusste er sehr wohl; er nahm es aber nicht mehr in seine Rechnung hinein. Er wollte einen externen Schuldigen, suchte sich mich dafür aus.

    Neben seiner, das erwähnte ich noch nicht, Exgefährtin, von der er meinte, wahnhaft, sie verfolge ihn gezielt geistig, noch Jahre nach der Trennung.

    Das war ebenso absurd.

    Leider wieder zwei Hochbegabte, die früh aus dem Leben schieden.

    Jeder Hilfeversuch perlte an ihnen ab.

    Das ist sehr traurig, und ich wüsste wenigstens in Zukunft gerne, wie man in analogen Fällen erfolgreicher agieren könne. Ich denke immer wieder daraufherum, habe aber noch nicht das Gefühl, dass ich damit wirklich Fortschritte mache. Und ich will es ja auch wahrlich nicht erproben müssen, ob sie doch eingetreten seien.

    Trotzdem, zurück zum Begriff: Ich kann hier jetzt leider nicht alles erzählen, was ich dazu erlebt habe.

    Verdammt. Es passte hier zur Erläuterung genau, aber das darf ich nicht.

    Es gibt eben, soviel doch, auch das vorübergehende Glück, von dem man meinte, es bei allen Schwierigkeiten aufrechterhalten, gar noch verstetigen und steigern zu können. Das war dann weder ein “falsches”, noch ein “eitles” noch ein “eingebildetes” Glück, aber eben ein vergängliches.

    Ich meine, dass alle vorgeschlagenen Adjektive an der richtigen Stelle ihren Platz haben.

  7. Thomas sagt:

    “Glück ist der Zustand des erfolgreichen Lebens, Schmerz ist ein Agent des Todes. Glück ist der Bewußtseinszustand, der sich ergibt, wenn jemand das, was ihm wert ist, erreicht hat. Eine Moral, die euch zu sagen wagt, daß ihr euer Glück im Verzicht auf euer Glück finden sollt – es zu schätzen, daß ihr, das, was euch wert ist, nicht erlangt habt – ist eine beleidigende Negation von Moral. Eine Lehre, die euch als Ideal die Rolle eines Opfertieres gibt, das danach sucht auf dem Altar der anderen geschlachtet zu werden, gibt euch den Tod als euren Standard. Bei dem Wohlwollen der Realität und der Natur des Lebens, ist der Mensch – jeder Mensch – eine Ende in sich selbst, er existiert um seiner selbst willen, und die Erlangung seines eigenen Glücks ist sein höchstes moralisches Vorhaben.

    Aber weder Leben noch Glück kann erlangt werden, indem man irrationalen Launen folgt. Gerade wie der Mensch frei ist, zu versuchen auf eine zufällige Weise zu überleben, aber untergehen wird, wenn er nicht lebt wie es seine Natur erfordert, so ist er frei sein Glück in jedem geistlosen Betrug zu suchen. Die Qual der Frustration wird aber alles sein, was er finden wird, wenn er nicht das einem Menschen angemessene Glück sucht. Die Absicht der Moral ist es, euch zu lehren, nicht zu leiden und zu sterben, sondern euch an euch selbst und am Leben zu erfreuen.”

    Passend dazu aus Ayn Rand´s “Der Streik”.

  8. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Thomas

    Ich werde beizeiten wohl doch mal in Rands Werke reinlesen müssen.

    Bisher kenne ich sie als mir als rücksichtslose kapitalistische Teufelin beschrieben. Merkwürdig.

    Langfristig ist die libertäre Idee wohl die richtige.

    Ich will niemanden, wo es nicht z.B. erzieherisch notwendig, bevormunden oder einschränken.

    Nur vorläufig, das hatten wir in unseren Diskussionen schon, halte ich manche Grenze für geboten und richtig.

  9. Lisa sagt:

    “Falsches Glück” ist möglicherweise ein Zustand, in dem man sich von Anderen oder von Dingen abhängig macht. Vielleicht könnte man es auch “temporäres Glück” nennen. Alles, was nicht aus sich selbst entspringt, fällt unter diese Kategorie. Natürlich spricht nichts dagegen, Beziehungen einzugehen oder sich an Dingen zu erfreuen. Wenn diese Beziehungen oder Dinge aber die raison d’etre sind, wenn man sie braucht, um glücklich zu sein, dann ist das Unglück vorprogrammiert…

  10. Thomas sagt:

    Rand´s Hauptwerk ist voll von Moral und Philosophie, wenngleich es nicht ein literarischer Stern am Himmel ist. Die Geschichte ist eine Qual für jeden freiheitlich gesinnten Menschen – und zugleich eine Erlösung.
    Auf dem Einband steht unter Anderem “Der Streik ist das größte Geschenk, dass man einem Menschen, vor allem einen jungen, machen kann.”
    Dem stimme ich zu, in vielerlei Hinsicht.

    Ja, Lisa, falsches Glück kann unverdientes oder widerrechtlich oder widermoralisch erworbenes Glück sein. Nicht jedes unverdiente Glück ist falsch, vor allem nicht, wenn es freiwillig geschenkt wurde. Wenn aber einen das Glück verlässt, sollte man es auch loslassen um Neues zu finden. Glück ist nicht verhandelbar.

  11. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Lisa

    “Wenn diese Beziehungen oder Dinge aber die raison d’etre sind, wenn man sie braucht, um glücklich zu sein, dann ist das Unglück vorprogrammiert…”

    Naja, ich speche darüber nicht gerne öffentlich, aber recht klar ist es ja eh: Als ich plötzlich allein mit zwei kleinen Kindern dastand, war das nunmal…suche sich jeder ein passendes Adjektiv aus.

    Die Mama und Ehfrau war zwar nicht im strengen Sinne “raison d’etre” gewesen, denn wir lebten ja weiter, aber…

    Natürlich ist es etwas anderes, wenn eine Beziehung im Eimer ist; zumal wenn kein Nachwuchs darunter zu leiden hat.

    Es kann auch sehr schmerzhaft sein, wenn eine Beziehung gar nicht im Eimer ist, aber aus anderen Gründen nicht aufrechtzuerhalten.

    Zudem kann eine Kumulierung harter Schicksalsschläge ganz einfach zermürbend, entmutigend, die Regenerationsfähigkeit (und sei es nur eingebildetermaßen, der Effekt ist aber derselbe) schwächend wirken. Schlimmstenfalls wächst sich das bis zur allgemeinen Entschlussschwäche, gar zum Aberglauben hin aus.

    Man wird auch nicht eben attraktiver, im Sinne einer möglichen neuen Zweisamkeit, wenn man herumlatscht wie Piksieben. Da ergibt sich leicht ein Teufelskreis.

    Sich dann Stück um Stück sozusagen ein neues Glück zu bauen, mit kleinen Dingen angefangen (ich meine jetzt solche nichtmaterieller Natur; geschäftlicher, gesellschaftlicher Erfolg mag selbstverständlich nicht schaden, ist jedenfalls allemal besser als das leicht noch hinzutretende Gegenteil), kann überaus zäh sein.

  12. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Thomas

    “Glück ist nicht verhandelbar.”

    Ein großartiger Satz, den ich hier nicht kommentieren will.

    Ich habe ihn extra in die Suchmaschine eingegeben, aber die kannte ihn noch nicht.

    Wenn Du nichts dagegen hast, veröffentliche ich den nochmal gesondert unter Deinem Namen.

  13. Thomas sagt:

    Gerne.

  14. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Thomas

    Danke Dir. Eben eingestellt.

  15. Dude sagt:

    Das Glück kommt – als kausale Wirkung auf die FREIWILLIG Selbst-Geschaffenen und manifestierten Ursachen – wie automatisch. Der Quantencomputer ist unbestlich, wenn auch verzögerbar mittels hinterfotzigen Methoden.

    Ps. Abgesehen davon… meisterlicher Artikel, danke.
    Hoffe Du hast mitbekommen, dass ich auf den extern verwiesen habe… ;-)

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