Gleich an den Kälberstrick?

Gerade las ich (ja, ich weiß, der Anfang häuft sich, aber dafür ist er ehrlich) auf der Heimseite eines interessanten jungen Zeitungsprojektes davon, wie der journalistische Mitarbeiter schreiben solle.

Besonders lustig waren die Erläuterungen zur leserbindenden Einleitung.

Mittendrein, in eine möglichst bildhafte Szene, gesprungen, soll das Thema aufgerissen werden, TV-artig, beispielfallhaft, der Leser in den Text mitgenommen.

Ja nu. Das ist ein altes Ding, das man schon bei Erlebnisaufsätzen der vierten und fünften Klasse besser anwandte als nicht; Lehrer und Medienkonsumenten wollen unterhalten sein und lesen vor allem den Anfang und das Ende.

Fraglich indes, in vielen Zusammenhängen, zumal, wenn der Höhepunkt im Mittelteile liegen soll, diesem einiges an Dramatik noch zuwachsen, ob im ersten Satze schon einer unversehens in den Eisverkäufer reinrempeln muss, damit sofort etwas geboten ist. Jaja, und am besten gleich wörtliche Rede dabei.

Die Bandbreite guter Einleitungen ist so groß wie jene der möglichen, aber nicht so häufig wie die insgesamt verwirklichten.

Will heißen: Man kann einen entsprechenden Text mit einem “ES”, dann nächste Zeile “HAT MICH”, dann nächste Zeile beginnende Lyrik oder Fließtext einleiten, so dass dies Sinn ergibt. Oder auch mit einem “Eigentlich hatte Oma ja doch meist recht, indem sie…” oder “In Chihuatl der Mezcatl traf auf den Kratl…” oder “Oben nicht so krumm wie eine typische Banane, wendet die Tastatur ihre Stirnramme gen Bildschirm, die Buchstabenfunken stieben…” usw.

Selbst ein trockenes “Nach ausführlicher Prüfung der Argumente der Befürworter und Gegner des neuen Leistungsschutzrechtes sowie dessen wahrscheinlicher oder auch nur möglicher Folgen bin ich zu den folgenden drei wesentlichen Schlüssen gekommen, welche…” ist an der richtigen Stelle womöglich nicht nur statthaft, sondern geboten.

Vor gut zwanzig Jahren, als ich mal eine kurze Zeit in einer Börsenpostillenklitsche antrat (Kohle hatten die genug), lobte man meine Schreibkünste, indes nicht ohne darauf hinzuweisen, dass man an der Journalistenschule doch lerne, stets kurze Sätze zu machen. Seitdem weiß ich, weshalb ich so eine Schule nie besucht habe.

Man merkt es vielen Profitexten auch an, dass der Autor nach Schema auf Nummer sicher gegangen ist, bedauerlicherweise besonders häufig bei Kolumnisten, wo es allerdings auch leichter auffällt.

Anstatt dass sich der Text aus sich selbst heraus aufbaut und, bei allen Rhythmuswechseln, Einsprengseln, plötzlichen Brüchen und Überleitungen, was auch immer, eine in der Tiefe gesehen konsistente Stilistik entfaltet, die sich dem zu transportierenden Inhalte anschmiegt alswie eine Haut, werden an manchen Stellen einfach zu erwartende textuelle Module gleich Bausteinen hineingesetzt, den Sinn- wie Redefluss störend.

Dass dies von vielen oberbewusst nicht wahrgenommen wird, heißt nicht, dass es nicht auch dort wenigstens unterschwellig wirkt; freilich sind sehr viele Leser ein derartiges Vorgehen (oder auch blankes Nichtkönnen) in solcher Weise gewohnt, es wirkt so normal, dass der Irritationseffekt schwach bis gar nicht mehr vorhanden ist.

Umgekehrt sind viele Leser in der Tat irritiert, wenn die übliche Textarchitektur nicht eingehalten wird; sie mögen sich darob der Sache noch als umso interessierter erweisen oder sich auch nur kopfschüttelnd abwenden.

Und hier liegt eben das üble Dilemma.

Schreibt man einen ganz normalen Text, so kann man vom Chef nicht viel Schelte kriegen. Schreibt man etwas, das nicht von der Stange, so kann man selbst dann noch eine auf den Deckel bekommen, wenn es viel Aufmerksamkeit erregt hat, auch viel Lob eingeheimst, das Kopfschütteln aber eben von der falschen Seite.

Ich weiß noch nicht, wie ich den nächsten Text anfangen werde, zu einem meiner derzeitigen Lieblingsthemen, dem Leistungsschutzrecht, vielleicht so:

“Februar 2013. Bayerischer Hof. Verlegergeheimtreff. Schneeregen. Streunende Journalistenkatzen. Die schwarzen Limousinen öffnen sich. Gesetzte Herren zur Sitzung. Der dräuende Googletod steht in ihren fahlen Gesichtern. Seiteneingang für den vom Justizministerium. Döpfner eröffnet. Kurze, zynische Begrüßung. Sitzungsbeginn. Kein Gewinn! Wohin? Zwei Stunden, drei Stunden, viele Wunden. Kunden? Wohin? Kein Gewinn. Wohin?”

Ja, oder so ähnlich. Hauptsache aufmerksamkeitsstark: was liegt am Rest.

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