Erziehung

Eben gewann ich nochmals Hochachtung vor meinem Großen.

Er begriff sogar, nach davorerfragten Vorschlägen, die er zu bringen habe, statt am Rechner zu verschimmeln, wie eine bestimmte, nicht einfache Kommunikationsstrategie aussehen könne: woraufhin er mindestens nicht unbeachtliche Ergebnisse, und zwar ohne längeres Nachdenken, abgeliefert, aber darauf im Zusammenhange nicht selbst gekommen seiend, dass und weshalb in Sonderfällen selbst sein schwatzsüchtiger, alles achtmal erklärender Papa zum gezielt beredten Schweigen rät.

Auch seine sofort vorgebrachten Einwände, bei wem und wieso das sicher nicht funktioniere, jedenfalls höchstwahrscheinlich, haben mich auf meinen Filium stolz gemacht.

Er scheint es doch so zu halten, wie jeder brave Sohn (“brav” hier im alten Sinne von tapfer): Der Alte geht ihm gar fürchterlich auf den Schamott, aber er versucht ihn doch zu kriegen, ihm heimlich abzulauschen, was er nur kann.

Mein eigener Alter war ein ausgezeichneter Philolog. Schon darum wollte ich keiner werden, sondern zunächst Naturwissenschaftler.

Was er mir aber mitgegeben hat, dafür werde ich ihm ewig, inalsoweit es das gibt, dankbar sein. (Wir hatten lange ein, vornehm ausgedrückt, nicht einfaches Verhältnis.)

Und dann wurde ich schließlich doch weder Schlosser noch Biologe noch gar schlussgültig Steinmetz: eben doch selber auch Philolog.

Nicht, dass ich dasselbe jetzt für meinen Sohn wollte.

Er wird wohl in die Metaller- und Ingenieursstapfen der Famile treten. Vielleicht ganz andere.

Ich bin schon sehr froh darüber, dass er den ganzen Käse, über den ich mir Gedanken mache, nicht für völlig irrelevant hält.

Er akzeptierte sogar mit einem fröhlichen Lachen, als ich erklärte, dass selbst ein fähiger Ingenieur mit Personalchefinnen zurechtkommen müsse und ihm daher das Schwätzengelernthaben nicht immer zwangsläufig unnütze sein werde.

Gestern hat er sogar, mehr oder weniger freiwillig, denn er sahe ein, dass zum Kochenlernen auch das dazu gehöre, schon einigermaßen zügig Kartoffeln geschält.

Und das mit dem Sinn des Kochenlernens hatte er schon vorher eingesehen, einfach – man kann auch das kompliziert machen – deshalb, weil er zwanglos begriff, dass der Alte darin recht habe, wohl nicht sein Leben lang für ihn kochen zu können, allzuviele Weiber nicht mehr viel davon verstünden oder nicht mehr bereit seien, wenn denn überhaupt gefunden, sich mit Hingabe an den Herd zu stellen, der kluge Mann, wolle er nicht bloß Fritten fressen, eine diesbezügliche rechtzeitige Ausbildung zuwenigst im höchsteigenen Bauchinteresse lieber wahrnähme.

Er hat natürlich auch gespannt, dass vielleicht sogar mal eine Holde davon angetan sein könne, auf einen Mann zu stoßen, der dieser Zeit gewachsen, eine mit einem Geschmack jenseits von Tofu, vegetarischer Bolo und im Supermarkt abgepacktem Salat.

Der Teufel hol’ die dekadenten Weiber!

Meinen Söhnen wünsche ich jedenfalls keins von denen; ich werde auch keiner je Tofu servieren, vegetarische Lügenbolognesesauce aus dem politisch korreketen Ökosupermarkt wärmen und auch keiner einen im Plastik vergammelten Salat hinstellen.

Das sage ich fast als geschworen.

Diese Botschaft gebe ich meinen Kindern mit.

Früher nannte man sowas noch Erziehung.

(Dem Kleinen werde ich nachher, obschon sich die Arbeit auch sonntags mal wieder übers Dach türmt, noch etwas vorlesen. Er ist sehr anders als der Große, aber auch ein nicht immer ganz Lieber. So wie ich.)

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3 Antworten zu “Erziehung”

  1. Thomas sagt:

    Erziehung ist die schwerste Aufgabe von allen. Wie kann ich einen Spross ziehen mit Dingen, die ich selbst nie gelernt? Mit Dingen, die Konsequenz erfordern, die ich allzugerne bei mir selbst vergesse?
    Wie kann ich dem Spross mehr mitgeben als mir gegeben wurde? Wann schlägt der gute Wille ins Gegenteil um und zerstört unfreiwillig Potential? Was, wenn der Alte die Dinge anders sieht als der Lehrer? Was, wenn es nur christliche Kindergärten gibt und der Alte einfach einen indoktrinationslosen Hort will? Was, wenn Freilernen daheim die Wahl der Eltern wäre weil sie das böse Spiel durchschaut haben?
    Was, wenn das gute Band abreißt in der Pubertät, welche Sorgen, Ängste, Nöte, die man dem Nachwuchse gerne ersparen würde und nicht kann? Erfahrungen sind die härteste Art, Wissen zu erreichen, vielleicht auch die heilsamste. Später ist man um soviel klüger, der Spross versteht das nicht und rennt in jedes Fettnäpfchen wie einst der Alte. Man kann nichts tun dagegen, meistens jedenfalls.

    Am Ende wird dann doch alles gut. Meistens. Darum sorge ich mich.

  2. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Thomas

    Gestern war so viel los, dass ich erst jetzt hierherkomme.

    Man weiß nie, ob man es richtig macht.

    Da ich schon seit ein paar Jahren alleinerziehend bin, kann ich Probleme nur direkt mit den Kindern besprechen, mit Erwachsenen nur solchen, die nicht selbst in der Situation stecken.

    Ich hoffe nur, dass meine Kinder ein paar wichtige Sachen mitnehmen und mich später nicht – womöglich zurecht – für ein, zu Deutsch gesagt, Arschloch halten.

    Kommen sie mich dann noch ab und an wirklich freiwillig und gerne besuchen, womöglich gar mit einer echten besseren Hälfte und Nachwuchs, so wird wohl kaum einer glücklicher sein können, als ich.

    Meine Kinder mussten nicht nur den frühen Verlust ihrer Mutter verkraften, sondern auch noch einen höchst eigensinnigen Vater, der nicht von der Philosophie lassen will und sonst noch Unnützem mehr.

    Ich habe mir aber gesagt, dass wenn der Papa alles der normalen Vernunft unterordnet, darüber nicht mehr sich selber sein kann, wahrscheinlich erst recht kein guter Papa wird sein können.

    Ich will auch nicht, dass meine Kinder zu Memmen und Anpassern werden; das können sie später werden, wenn sie das wollen, aber, solange sie ihre Füße unter meinen Tisch strecken…

    …bringe ich ihnen lediglich bei (naja, vielleicht noch ein bisschen mehr), was man heutzutage nur sehr bedacht, oder, wenn man es noch nicht genau gelernt, wie, wo, lieber gar nicht sagen sollte.

    Wir waren vor gut dreißig Jahren in vielerlei Hinsicht viel freier.

    Ich sehe das genau, weiß das wohl.

    Wir hatten weniger, aber wir waren freier.

  3. Thomas sagt:

    Da muss ich dir leider zustimmen. Früher gab es mehr Freiheiten. Die sich weiterentwickelnde Technik ist ein großer Teil des heutigen Zwangs. Zwang, der oft sogar freiwillig, ohne es wirklich zu wissen, eingegangen wird.
    Ich bin in der IT-Technik daheim und sehe es mit Sorge, was die Kleinen sich schon alles antun und aufbürden (müssen).
    Technik kann befreien (so wie in unserem Fall, wir schreiben einander über weite Entfernungen) aber auch versklaven. Im Moment wird die Technik von unterschiedlichsten Seiten missbraucht zur Sklaverei und zur Kontrolle. Man kann nur hoffen, dass man sich dem Ganzen noch eine Zeit lang willentlich entziehen kann.

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