Von den Elektrokastensklaven

Der selbstbestimmte Mensch ist heute der, der nur in notwendigen Fällen ein Mobiltelefon mitnimmt, ein Schmerzphon gar nur wenn geschäftlich zwingend.

Nietzsche meinte einmal, dass wer mehr als vier Stunden am Tag arbeiten müsse (er redete nicht vom Schaffen-Wollen) ein Sklave sei.

Wenn ich in Gedanken durch die Stadt gehe, will ich partout nicht von irgendjemandem ob irgendeiner Petitesse oder Laune oder Terminverschiebung angebrümmelt werden, und schon gar nicht, wenn ich im Wirtshaus sitze oder im Park schachspiele.

Ich will auch keine mich auf dem Laufenden haltende App, kein Signal irgendeiner SMS, keinen gedanklichen Beiständer.

Ich war, zugegeben, als diese Schmerzphone aufkamen, zunächst begeistert von deren Möglichkeiten. In entsprechender beruflicher Lage hätte ich auch eins, keine Frage. Aber nur auf der Messe, oder während der Arbeitszeit, von hier bis dort, an. DAS erklärte ich desfalls JEDEM unmissverständlich.

Ich sah nämlich sehr schnell, wie diese Dinger, noch schlimmer als die Mobiltelefone, Menschen in ihrem ganzen Leben veränderten, meist zum Negativen. Zumal solche, die, im Gegensatze zu Profis aller Art, sie gar nicht bräuchten.

Kaum ist nichts zu tun (denken kann man übrigens überall und immer, wenigstens wenn man wach ist, das gibt es also gar nicht), so wird an diesem unseligen Ding herumgefummelt, noch eine App getestet und noch eine, und wenn das alles schließlich doch gar zu dröge wird, schickt man in seinem ganzen nutzlosen Frust eine SMS an einen genauso Sinnlosen, oder ruft ihn, man hat ja Plattrate, unter irgendeinem Vorwande an.

Der kleine Elektrokasten wird zum besten Freunde.

Leute, die ich ernstnehme, rufe ich prinzipiell nur auf ihrem Mobilfon an, wenn ich es für wirklich notwendig halte; gut, manche haben kein anderes mehr, da mag sich die Schwelle etwas senken.

Ich gehe auch nicht mehr mit meinem E-Notizbuch in eine Kneipe oder ein Kaffeehaus, außer es stürmt und schneit und ich muss auf Reisen, zumal wenn ein drahtloses Netzwerk erforderlich, meiner Chronistenpflicht zwingend nachkommen.

Damit in Stuttgart schon gar nicht.

Fällt mir irgendwo etwas wichtiges ein, so habe ich Zettel und Stift dabei, und wenn doch mal nicht, so werde ich diese im Notfalle auftreiben.

Einfach rumlatschen (ich schaffe nicht nur 5 Minuten am Tage), die Leute, die Geschäfte angucken, in Holland, wenn ich dort mal hinkomme, Strand, Meer, Licht und Dünen, Kaffee, Bierchen trinken, eine rauchen, ein bisschen sinnieren, mit einer Verkäuferin eine Minute länger reden oder mit einem zufälligen Nebensitzer auf der Bank ein wenig parlieren, all das, zu dem ich ohnehin zuwenig komme, indem ich ja gar schon oft zuwenig Zeit für meine Kinder habe, mir zerbimseln zu lassen, weil irgendein Paniker meint, er könne sich übermorgen bei der Projektvorstellung den Finger am Projektor brechen oder für seine Holde nicht mehr rechtzeitig deren Lieblingscroissants zu besorgen vermächtlich zu sein in die tragische Lage geraten, oder, weil ein Sohn anriefe, eben doch, obschon schwerst verboten ob solcher Sottisen, ich möchte bitte nicht vergessen, daran zu denken, eine Milch für den Pudding mitzubringen, am besten noch Saft dazu, oder, ein Kumpel, es könne heute Abend doch eine halbe Stunde später werden, oder, oder, oder…: DARAUF habe ich DEROMASSEN keinen Bock, wie ich es wohl nur zu einem Mikropromille anzudeuten vermochte.

UND DAS HÄRTESTE DARAN IST, DASS MAN DANN JA NOCH JEDEN IN SEINEM OHNANSINNEN WENIGSTES HALBWEGS ERNSTNEHMEN MUSS!!!

Nein, liebe Leute, sucht Euch Elektrokastensklaven so viel Ihr wollt: MICH kriegt Ihr nicht!

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7 Antworten zu “Von den Elektrokastensklaven”

  1. Dude sagt:

    Ach Magnus, Dich muss man einfach lieben! Hiemit beweist Du mal wieder, dass Dein Blog einer der besten (eigentlich DER Beste, aber ich kenne ja noch längst nicht alle – Gottlob ;-) ) des ganzen Netzes ist.

    Danke!

    Die alten Handies (die mit den Tasten; wie bei einem Telephon :-D ) sind in gewisser Weise ja schon praktisch, und dies aus mehreren Gründen, weshalb ich auch so einen Oldtimer mein Eigen nenne.

    Damit kann ich auf ein Festnetz verzichten, und spare damit ca. 20 Stutz pro Monat (allein durch Einsparung der Festnetzgrundgebühr), und zudem kann ich es – in Notfällen, oder wenn es ausnahmsweise wirklich mal Sinn macht – sogar noch mitnehmen, wenn ich will (nicht wenn es will ;-) )!

    “…, ein Kumpel, es könne heute Abend doch eine halbe Stunde später werden,…”

    Das ist für mich ein weiterer guter Grund für Natels. Kurzfristige Plan/Terminänderungen sind mit beweglichen Empfangsgeräten einfach wesentlich besser zu organisieren, als ohne. Ich finde es doch sehr angenehm, wenn ich mal etwas abgemacht habe, dann ganz leicht, idealerweise per SMS, informiert werden kann, dass es eine halbe oder ganze Stunde später wird, und ich in dieser Zeit nicht dumm – an einem meist von Bioroboter wuselnden Haufen – rumstehen muss, ohne zu wissen, ob der Typ oder die Typin den Termin womöglich gar vergessen habe, und dessen statt einen gut gewählten Spunten in der Nähe schon frühzeitig aufsuchen kann…

    Ansonsten sind diese Dinger aber des Teufels und werden von dem auch gern und weitreichend genutzt… …daher hoffe ich auf reges Gelesenwerden diese (und der beiden folgenden) Artikels!

    http://unzensiert.zeitgeist-online.de/2012/08/31/vom-ortbaren-handyoten/
    http://unzensiert.zeitgeist-online.de/2012/09/01/von-den-ortbaren-handyoten-ii/

    Liebe Grüsse vom Dude

    Ps. Aber Computer sind eben auch so eine Sache… …Die vermag ich nicht so locker zu händeln wie die Handies leider…

  2. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Dude

    Ich weiß im ganzen Netz bislang auch keinen besseren Blog…

    Und was den Rechner anlangt, sollte ich mich auch noch öfter mal abnabeln.

  3. haschmech sagt:

    @ Magnus und @ Dude

    “Ich weiß im ganzen Netz bislang auch keinen besseren Blog…”

    Du Scherzkeks!

    Aber Dein Blog hat was, das stimmt.

    ++++

    “Ansonsten sind diese Dinger aber des Teufels…”

    Dude, er, der Teufel, wurde von anderen für uns derart leibhaftig gemacht, dass wir ihn schon vor uns sehen, wo wir gehen und stehen.

    Wo kam er her, der Teufel? Aus der Hölle natürlich, sagen die Christen und andere Gläubige.

    Wo ist die Hölle?

    Unten natürlich, sagen die Christen und andere Gläubige.

    Wo ist unten?

    Unten ist natürlich unter der Erde oder zumindest in der Erde, sagen die Christen und andere Gläubige.

    Wo ist die Erde?

    Im Weltraum natürlich, sagen die Christen und andere Gläubige.

    Was ist im Weltraum?

    Die Erde, der Mond, die Sonne, die Sterne und ansonsten natürlich ein großes Vakuum, sagen die Christen und andere Gläubige.

    Wie kann ein Vakuum etwas beinhalten?

    Das geht natürlich, sagen die Christen und andere Gläubige. Denn im Vakuum schuf Gott im Anfang den (andere schreiben die ) Himmel und die Erde.

    Wann schuf Gott denn die Hölle?

    Die Hölle schuf natürlich der Teufel, sagen die Christen und andere Gläubige.

    Wann?

    Als der erste Mensch die Erde betrat natürlich, sagen die Christen und andere Gläubige.

    Wo war der erste Mensch denn vorher?

    Im Himmel bzw. im Paradies natürlich, sagen die Christen und andere Gläubige.

    Aha, dann liegt unter dem Himmel also die Hölle?

    Natürlich nicht, sagen die Christen und andere Gläubige, erstmal kommt da das Vakuum.

    Dann wollen wir das Vakuum mal luftdicht verpacken, damit der Ballon nicht platzt.

    Natürlich, sagen die Christen und andere Gläubige, wir deckeln es deshalb mit unserer Religion.

    Da kann man nur noch erwidern: Der arme Teufel, der sein Leben lang in diesem Vakuum verbringen muss. Er ist wirklich zu bemitleiden.

    ++++

    Ich habe mir eben auf mehreren Seiten unseren Planet Erde vom Weltraum aus betrachtet angeschaut und bin bestürzt. Obwohl da viele Bilder von der NASA dabei sind, weiß ich jetzt immer noch nicht wo oben und unten ist. Eigentlich weiß ich noch nicht einmal, wie die Erde von oben im ganzen wirklich und genau aussieht.
    Die Bilder schauen insgesamt in der Tat noch nicht einmal so aus, als würden die es wirklich wissen, die vorgeben sie wüssten es. In mir entwickelt sich immer mehr die Ansicht, dass wir alle mächtig aufs Kreuz gelegt werden und das nicht zu knapp.

    Denn wo haben wir unsere Kenntnisse her? Vom Teufel; und der Teufel lügt und lügt und lügt.

  4. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ haschmech

    Dass dies der beste mir bekannte Blog im Netz sei, war kein Scherz.

    Kennte ich ihn als ein Nichtich, so läse ich ihn zwar nicht stets als Erstprivilegierter ganz, aber sicherlich doch sehr gründlich darin.

    Wenn Du einen besseren weißt: Ich höre.

  5. haschmech sagt:

    @ Magnus

    “Wenn Du einen besseren weißt: Ich höre.”

    Es gibt immer noch einen besseren.

    Gott schickte seinen Sohn, um später zu bloggen. Klar, Gott wusste, dass es später einmal so etwas auf seiner Welt geben würde. Für Gott ist die Zukunft schließlich schon gestern gewesen

    Wann schickst Du Deinen Sohn Magnus?

  6. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ haschmech

    Du weichst aus.

    Ich habe nicht gesagt, dass es keinen besseren Blog gäbe, lediglich, dass ich bislang keinen kennte.

    Da kommst Du mir auf meine Frage, ob Du denn einen zu nennen wüsstest, mit Gott und seinem Bloggersohn.

    Der Scherzkeks geht zurück.

  7. haschmech sagt:

    @ Magnus

    Damit wäre also dieser Keks nun auch ausgeweicht.

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