Fazplag / Jürgen Kaube: Mein lieber Schavan

“Die Diskussion um Annette Schavans Dissertation hat keine Absurdität ausgelassen.”

Das ist der erste Satz des von Jürgen Kaube verfassten Kastens unter dem jüngsten FAZ-Artikel zur Schavan-Promotionsaffäre unter dem bezeichnenden Titel “Cui bono?”.

Und er ist sozusagen selbstbezeichnend.

Kaube sagt darin, sinngemäß, nicht ganz zu unrecht, dass die Erziehungswissenschaften der letzten Jahrzehnte im Prinzip recycelter Müll seien.

Dass die meisten Doktorarbeiten dazu so scheiße und irrelevant und nur abgeschrieben und kompiliert seien wie jene von Frau Schavan, weshalb es auch egal sei, dass diese scheiße und abgeschrieben und irrelevant sei.

Komplett unterschlagen wird dabei, dass man selbst bei einer scheißigen, irrelevanten, zusammenkompilierten Dissertation, außer, dass sie hinreichend Wörter aufweisen muss, wenigstens die Zitierregeln gelernt haben und beachten sollte.

Offiziell gilt das heute noch, werter Herr Kaube.

Ihr letzter Satz allerdings ist nochmals genial-absurd, indem er Richtiges mit Falschem, für Frau Schavan perfekt, mischt:

‘Die „zeitbedingten“ Schwächen der Annette Schavan sind nur der individuelle Reflex der Überproduktionskrise, in der die Geisteswissenschaften seit Jahrzehnten stecken.’

Jetzt sind es nämlich plötzlich alle Geisteswissenschaften, die eigentlich im Eimer.

Ich war bis 1990 dort, in jenem Eimer (im Linguistikeimer, desfalls), manches missfiel mir auch, aber meine Professoren waren nicht nur gleichgültige karrieregeile Deppen, die jeden ausgewalzten Kehricht als Promotion durchgewunken hätten.

Und sollte einer jener, von denen ich spreche, das irgendwann mal doch getan haben, so wird er wenigstens darauf geachtet haben, dass, bei allem Krampfe, korrekt zitert wird.

Darauf mag ich keinen Eid schwören, aber es ist sehr stark davon auszugehen.

Alle diese wackeren Männer, redliche, herausragende Wissenschaftler, eine Frau war auch dabei, werden jetzt mit Dummschwätzern der Erziehungswissenschaften und Frau Schavan in einen Sack getan.

“German-Bashing” kennen wir ja schon; jetzt lernen wir Geisteswissenschaftler-Bashing.

Und: Wie als ob, im Gegensatze zu den Geisteswissenschaften, die Dinge in den Naturwissenschaften besser stünden.

Kaube entlarvt das, von mittelmäßig Begabten bezüglich deren Doktorarbeiten schreibend, unfreiwillig selbst:

“In den Naturwissenschaften würde man ihnen irgendetwas Nützliches aufgeben: eine Messung oder so etwas.”

Bingo. In den Naturwissenschaften stellt der Prof den offensichtlich nicht sonderlich begabten Studenten einfach an einen Apparat mit Messfühler, lässt ihn die Ergebnisse zusammenschreiben, und dann wird schon “irgendetwas Nützliches” herauskommen. Oder so etwas.

Mein lieber Schavan.

Vor Ihren Einlassungen war in der Tat zur Sache Schavan noch Absurdes ausgelassen. Es wird wohl immer noch, so mein gegründeter Verdacht, etwas Absurdes dazu ausgelassen sein. Wollen wir wetten?

So langsam fängt die Sache allerdings, Herr Kaube, an, mir Spaß zu machen.

Denn ich habe ja durchaus ein Faible fürs Groteske.

Im Grunde genommen bin ich selber eine. Aber das verrate ich aus guten Gründen nur Ihnen.

Mein Verleger verdrängt das, seit er mich kennt, konsequent, und ich will ihn davon nicht fahrlässig abbringen, denn bisher ist er fast durchgängig so nett zu mir, dass er mich, wenn mir mal wieder selber gar nichts einfällt, immerhin was messen lässt.

Habe ich am Bau gelernt. Steinmetze lernen sowas.

Manchmal findet er meine Interpretation der Messergebnisse zwar etwas frivol, aber dann ist er trotzdem froh, dass nicht noch etwas Schlimmeres passiert ist. Er denkt, hat das auch schon zugegeben (sowohl, dass er denkt, wie auch das), dass ich ihm, wenn ich bloß mit dem Meter rumrenne, wenigstens nicht gleich den ganzen Laden ruiniere.

Und er hat ja recht: Wenn ich denke, bin ich noch wesentlich gefährlicher, als wenn ich bloß messe.

Denn dann ist das Ergebnis manchmal wirklich schrecklich.

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