“Ausgewogenheit”: Das gefiele dem Lug

‘…man will ja ausgewogen argumentieren…: schrieb ich eben vorhin noch in meinem Beitrag “Knabenbeschneidung: Einen Nutzen mag sie bringen“.’

Was soll das, nicht immer, aber eben oft, mit dem “ausgewogen”?

In der Tat, die deutsche Fußballnationalmannschaft besann sich gestern (ach: es ist schon vorgestern) der Ausgewogenheit, indem sie sich auch noch vier Tore reindonnern ließ.

“Ausgewogen” ist inzwischen ein typisches Verschleierungs-, ein Lügenwort.

Es suggeriert den hehren Wunsch nach Objektivität, wo doch nur Schleimquallentum, Anpassung gefordert.

Es dient dazu, die klare, dezidierte Meinung als “unausgewogen” zu verleumden.

Es erinnert an den Spruch von der absoluten Intoleranz gegenüber der Intoleranz.

Es ist ein gutmenschlich verkleideter Mundtotmacher.

Nicht mit mir.

Ich bin zwar ein Waage-Geborener, stehe aber, mich durchaus auch mal revidierend, korrigierend, dazulernend, nicht selten klar auf einer Seite.

Bin also dann, folgerichtig, auch, gemäß jener Vonhintendurchdiebrustdiktion, in meiner Rede “unausgewogen”.

Das “ausgewogen”, das oft gefordert, ist ein blanker propagandistischer Trick; hat man nichts mehr (siehe Beschneidungsdebatte), was sticht, so wird auch damit gezielt versucht, den anderen als einseitig, hiemit engstirnig, dumm, verbohrt hinzustellen.

Macht das mit den Blöden, so gut Ihr könnt.

Bei mir zieht diese Methode nicht.

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5 Antworten zu ““Ausgewogenheit”: Das gefiele dem Lug”

  1. Zwingmann sagt:

    Ausgewogen, einvernehmliche Lösung, Konsens, anständig, oft faulen
    Kompromissen zustimmen sollen, nein danke.

    Proudhon sagte: Anstand ist die Maske, hinter der sich Ignoranz und
    Dummheit verbirgt.
    Ausgewogen sein bedeutet letztlich Erhalt des Status der Herrschenden/Diktatoren, die in ihren Taten alles andere als ausgewogen
    sind.
    Ich bin im Laufe der Jahre immer radikaler,authentischer und
    empathischer geworden, wobei ich mich immer nach bestem Wissen und Gewissen treiben lasse.
    Ausgewogen sein zu wollen ist eine Fata Morgana.
    Ich bin keine ausgewogene Ernährung.
    Ich bin ein Individuum mit Stärken und Lernfeldern.
    Ich versuche Ich zu sein, egal aus wie vielen Ich`s ich auch
    bestehe (Richard David Precht: Wer bin ich und wenn ja, wie viele?)

  2. Thomas sagt:

    Ausgewogenheit als Argument in jeglicher Berichterstattung impliziert, dass dem Leser alle Interpretationsmöglichkeiten eines Themas präsentiert werden. Der Leser soll also gefälligst nicht mehr auf eigene Faust recherchieren oder auch nur einen einzigen anderen Artikel zum Thema konsumieren. Ausgewogenheit in diesem Zusammenhang ist also eine Nebelkerze für die Sheeples. Im Umkehrschluss sollte man ausnahmslos alle Artikel (aus den Massenmedien), die sich mit dem Titel “Ausgewogenheit” schmücken, gründlichst hinterfragen.

  3. Zwingmann sagt:

    @mwgoeller

    Ich bin ein Stier, friedlich, aber ab einem bestimmten Zeitpunkt kann
    ich durchaus “rot sehen”, aber das dauert sehr lange, bis ich diesen
    Zeitpunkt erreiche.
    Wenn Ihnen das Wort ausgewogen nicht gefällt, das Netz bietet Ihnen
    auch Synonymbegriffe an: harmonisch, durchdacht, gleichmäßig, abgerundet, ordentlich, überlegt, ebenmäßig, besonnen, immer
    wiederkehrend, ausgeglichen, ausgereift, abgeklärt.

    Ausgewogen hat für mich etwas mit Abwiegen und Waage zu tun.
    Aus der Systemtheorie habe ich gelernt, dass alles in Bewegung
    ist, Veränderungen unterworfen ist, dass es keine Situationen gibt,
    wo ich vollständige Informationen über alle Entscheidungsvarianten
    habe.
    Für mich ist der Ausdruck irgendwie negativ besetzt.
    Ausgewogen ist so wie Friede, Freude, Eierkuchen, ein Neutrum.
    Das sind die stromlinienförmigen Typen, die keine Ecken und Kanten
    mehr zeigen können und wollen, austauschbar, aber für die
    Herrschenden sehr gut einschätzbar.
    Da bleibe ich lieber ein gewissenhafter Guerilla mit Ecken und Kanten,
    und ich kann dabei ruhigen Gewissens mein Antlitz im Spiegel anschauen.
    So, jetzt werde ich erst einmal unausgewogen gut und reichlich essen.
    Esssen ist schließlich die Erotik im Alter.

  4. Zwingmann sagt:

    @thomas

    gut geschrieben, gefällt mir.
    Die ausgewogene Berichterstattung der Öffentlich-Rechtlichen
    Fernsehsender (die in Wahrheit von den Parteien kontrolliert und manipuliert werden), auf die die Vasallen der Parteien in den Medienanstalten so stolz sind, ist
    letztlich ein Potemkinsches Dorf, eine Hollywood-Fassade oder
    eine Fata Morgana.
    Ausgewogene Berichterstattung ist ein Paradoxon.
    Dafür werden die Medieneute auch fürstlich bezahlt, die Intendantin des
    WDR kommt mal eben auf etwas über 300.000,- Euro im Jahr.

    Ein aktuelles Beispiel: In den Pressemitteilungen heißt es, dass Kurt
    Beck aus gesundheitlichen Gründen Anfang 2013 zurücktreten wird.
    Der Typ hat so viel Dreck am Stecken, dass man natürlich ausgewogen
    einen ehrenvollen Abgang schaffen will.
    Nachfolgerin soll Marie-Luise Dreyer werden. Ob sich die Frau mit
    MS damit einen Gefallen tut, ist nicht meine Baustelle.
    Der Hammer kommt jetzt: Beck hat mit Dreyer ausgeklüngelt, dass
    Beck auch nach seinem Abgang Chef des mächtigen ZDF-
    Verwaltungsrates bleiben kann.
    In dieser Funktion kann Beck nicht nur weiterhin dem Intendanten auf
    die Füße treten, sondern er hat auch Einfluss auf den Haushalt des ZDF.
    Noch Fragen zum Thema Ausgewogenheit?
    Ich nicht!

  5. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Thomas

    “Ausgewogenheit”, so wie sie oft suggeriert wird, impliziert ja nicht nur, dass alle Interpretationsmöglichkeiten präsentiert würden, sondern auch nicht selten, dass alle Argumente gleichermaßen zu respektieren seien.

    So setzt sich dann der Beleidigtste, der am meisten damit droht, durchzudrehen (siehe Mohammed-Karikaturen, Beschneidung usw.), durch.

    Er kann ja nichts dafür, dass er durchdrehen oder wenigstens damit drohen muss.

    Schuld daran ist der, der sich ihm nicht unterwirft, obwohl er das als notwendig ja genau erkannt haben müsste.

    Der Klügere gibt doch bekanntlich nach, oder?

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