Vom Nickbewusstsein

Im Kommentarstrang zum Artikel “Schavanplag” gelangte Leserin “Lesezeichen” in ihrer Auseinandersetzung mit Zorro an den folgenden Punkt:

“…dann gehören Sie genau zu der frustrierten Hatr-Community, auf die ich mich bezog, zu denjenigen, die im Dunkeln schon den Strick für andere bereithalten, zu denen, die sich mit Wonne Reizwortdebatten anschließen, ohne wirklich genau zu lesen oder zuzuhören. Mal ganz davon abgesehen, dass Sie selbst unter Pseudonym schreiben. Einen tollen Namen haben Sie sich gegeben: Zorro, der mit der schwarzen Maske, der Rächer, der nachts im Dunkeln kommt und überall sein eingeritztes Z hinterlässt.

Warum schreiben Sie denn nicht unter Klarnamen?”

(Der Kommentar geht noch weiter, das, wie das Vorangegangene, dann aber bei Interesse bitte dort lesen.)

Ich sagte dazu:

“@ Lesezeichen

Ich will bezüglich der Auseinandersetzung zwischen Dir und “Zorro” zunächst nur insoweit mitkommentieren, als dass der Nick “Zorro” auch aus meiner Sicht die von Dir angesetzten Fragen aufwirft.

Die meisten Leute haben aber ein recht unterentwickeltes Nickbewusstsein.

Das geht mitunter so weit, dass sie (ich will das Zorro jetzt nicht unterstellen), wenn man ihren Nick hinterfragt, beleidigt sind wie kleine Kinder, wenn man ihres Gebastelten spottet.

Deshalb mache ich das beinahe nie.

Ich denke, dazu mache ich noch einen eigenen Artikel…”

Keine Angst, ich werde hier nicht nochmal die Klarnamendebatte eröffnen, die hier schon sehr umfässlich gelaufen ist, sondern soll es tatsächlich um Decknamen gehen. (Siehe dazu auch “Drei neue Nicks“.)

Zunächst ist klar, dass einer, der sich “Peter” nennt oder “Heinz”, entweder mit Vor- oder Nachnamen auch so heißen kann, somit nur einen “Halbnick” verwenden mag.

Nennt sich jemand indes “Lesezeichen” oder “Zorro”, so dürfen wir getrost davon ausgehen, dass der Teilnehmer so nicht heißt.

Gehört er nun nicht zu jenen Zeitgenossen, die ihre Nicks wechseln wie andere Socken und Unterhosen, zu jenen, die mit Mehrfachnicks ihre Spielchen treiben, so wird derjenige sich bei der Wahl seines Nicks meist etwas gedacht haben, will er mit der Wahl des Namens seines Alter Egos auch etwas ausdrücken.

Ich werde mir jetzt nicht den Tort antun, die Nicks hiesiger Kommentatoren zur Analyse heranzuziehen, schließlich will ich sie ja behalten. (Die Kommentatoren.)

Da aber Lesezeichen und Zorro schonmal im Spiele: Lesezeichen, die ich schon länger kenne, verhält sich, ihrem Nick entsprechend, meist eher nachdenklich; Zorro war noch nicht so oft da, aber, man lese nur, was Lesezeichen, mal etwas weniger nachdenklich, dazu sagte.

Einen “Immanuel” z.B., um Grenzwertiges zunächst zu beleuchten, hatte ich meines Wissens noch nicht hier.

In diesem Falle wäre es immer noch möglich, dass Immanuel auch Immanuel hieße, aber die Wahrscheinlichkeit ist heutzutage doch schon recht gering; eher wird Immanuel ein Kant-Anhänger sein oder sich wenigstens philosophisch für beschlagen halten, oder beides. Oder er will das nur suggerieren, aber auch dann hat er normalerweise einen Grund dazu. (“Er” kann natürlich auch eine Frau sein, die ihr Geschlecht verschleiern will; so, wie eine “Klotzberta” selbstverständlich ebenso auch ein Mann sein kann; ich werde im folgenden, dies nicht mehr jedesmal eigens erwähnend, das “Er” generell, also geschlechterübergreifend, verwenden.)

Greift man nun, wie oben schon angedeutet, einen “Infonauten” oder einen “Siddharta” oder einen “Abraxas” oder einen “Styx 42″ oder einen “Borderliner” auf seinen Nick abzielend an, so sind mehrerlei Reaktionen wahrscheinlich.

Schreibt man selber unter einem Decknamen, so mag er in Riposte diesen angreifen.

Schreibt man unter Klarnamen, so wird er diesen eher nur dann angreifen, wenn er ein ziemlicher Blödmann ist, denn andernfalls weiß er ja, dass man für diesen selber nichts kann.

Es kann weiterhin sein, dass er sich gar nicht reizen lässt, sich aus dem entsprechenden Forum zurückzieht, sich dort oder gar allgemein einen neuen Nick zulegt, oder aber, dass er zurückkeult.

Letzteres ist desfalls ja auch sein gutes Recht.

Allerdings haben die meisten Netzteilnehmer eine seltsame Scheu, jemandes Nick kritisch anzugehen; dies entweder, weil sie Angst vor dem Gegenangriff, hiemit um ihren eigenen Nick haben oder (und) weil sie das für einen Verstoß gegen die sogenannte Netiquette halten. (Auch wohl eine Rüge oder gar Sperrung durch den Forenbetreiber fürchten.)

Eigentlich finde ich das manchmal schade. (Als Forenbetreiber steht es mir natürlich als letztem zu, Leute auf ihre Nicks schräg anzumachen.)

Denn, setzen wir den Fall, “Styx 42″ käme dauernd sehr unterirdisch-jenseitig-endgültig daher, so böte es sich, auch im Verein mit der 42 (Antwort auf die letzte Frage in “per Anhalter durch die Galaxis”), irgendwann doch geradezu an, in den Nick mal hineinzustechen, mag es irgendwann gar ein Versäumnis sein, dies nicht zu tun.

Immerhin weiß ja niemand, wer da dergestalt angegriffen, müsste dies nicht nur deshalb, sondern auch, weil der andere seinen Nick ja jederzeit austauschen kann, durchaus lässlich sein.

Ist es aber tendenziell nicht.

Die meisten Nickinhaber meinen nämlich, sich einen besonders originellen, sandrigen Nick herausgesucht, gar erdacht zu haben, weswegen sie solches sehr leicht ziemlich persönlich nehmen, je treffender angesetzt, um desto schlimmer.

Wer sich versteckt, will nunmal nicht gerne erkannt werden.

Allzuviele denken, sie würden hinter ihrem Nick so gut wie nicht erkannt.

Das ist in den meisten Fällen eine schwere Selbsttäuschung.

Sagt einer öfter etwas, mehr als nur “Goil ey!”, so ist seine Persönlichkeit eben doch zu entdecken.

Nur ein wirklich begnadeter Profi wird das vermeiden können. Gegenüber einem anderen, entsprechenden Profi aber auch nur auf eine gewisse Zeit. Denn der andere wird irgendwann merken, dass ersterer trickst, sich, wenn er will, die Zeit nehmen, die Tricks des anderen zu analysieren, ohne ihn das merken zu lassen, dessen Intentionen, Vorlieben, Schwächen eben doch auf die Schliche kommen und damit ebenjenem selbst.

Ich kann das übrigens hier ganz seelenruhig hinschreiben, denn viele sind es nicht, die das eine oder das andere können; bloß, weil einer mal einen Tag übt, hat er’s nicht raus. Das lernt sich nicht über Nacht.

Ich werde jetzt auch mal ein bisschen boshaft sein (klang ja im Vorartikel “Vom Lehrertrauma” schon an) und nicht mehr länger davon dozieren: Sonst werde ich schon wieder als Lehrer identifiziert, und viele machen sich deshalb kaum noch Gedanken über das Gesagte.

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