Vom Lehrertrauma

In Diskussionen in jüngster Zeit fiel mir wieder auf, wie belastet das Wort “Lehrer” bei vielen, oft durchaus Gebildeten, die zumindest manchen ihrer Lehrer nicht wenig zu verdanken haben dürften, einem roten Tuche gleich, ist.

Man hat nichts gegen den “Coach”, den “Trainer”, den “Dozenten”, den “Seminarleiter” (manche nichtmal was gegen Gurus, also Lehrer, im westlichen Sprachgebrauch absolute Oberlehrer), meinetwegen Kognitionskoordinatoren, Logophilaster, Hirnstromakkutechniker…kurzum: Die Lehrer dürfen heißen, wie sie wollen, nur eben nicht Lehrer.

Dass einer, der lehrt, auch dann ein Lehrer ist, wenn er sich einen anderen Namen gibt, scheint da bei vielen Zeitgenossen nicht die Bohne eine Rolle zu spielen.

Manchmal habe ich mir schon überlegt, ob ich vor dieser verbreiteten Wortphobie klugerweise lieber einknicken solle, nicht mehr zugeben, wie lange ich Lehrer war bzw. bin, damit man mich nicht gleich für eine Kreuzung aus Arschloch und Gefängniswärter hält. Und gar nichts mehr von dem wissen will, was ich sage, weil man einem Lehrer prinzipiell nicht zuhört.

Wer mich allerdings kennt, weiß, dass ich eine derart schwachsinnige sprachliche Anpassung an den Zeitohngeist gar nicht gerne mitmache. So sehr ich nämlich bisweilen Spaß am Basteln von Neologismen habe, obschon ich des Englischen leidlich mächtig, auch manchen Latinismus oder Gräzismus mal in meine Diktion einfließen lasse, so bockelstur bin ich doch, wenn ein geläufiges, gutes altes deutsches Wort auf einmal in Bann getan wird, weil die Leute spinnen. Und im Falle des Lehrers ist es ja nicht einmal so, wie bei anderen Wörtern, dass die Verpönung des Begriffs von irgendwelchen Genderisten, Schafsmedien, politisch korrekten Sprachverhunzern, der versuchten Volksumerziehung durch die Obrigkeit herrühre, von professionellen Propagandisten, Werbefuzzies, Hirnwäschern allerlei Art: Nein, es sind scheinbar ganz normale Leute, ohne sichtbares Gewinnstreben oder irgendwelche erkennbaren sinistren Absichten, die das morphische Feld gegen das Lexem wirken.

Sicher, die unmäßige Herabsetzung des sogenannten “Frontalunterrichtes” in der nachpostmodernen Wohlfühlpädagogik wird den Aufbau dieses morphischen Blödsinnigkeitsfeldes nicht eben gehemmt, noch unterstützt haben; zur Erklärung des Phänomens reicht das aber nicht hin.

“Lehrer” wird von vielen wie automatisch mit “autoritär” verbunden, also etwas Herrschsüchtigem, Grausamem, Bösem, Faschistoidem.

Dabei ist doch, liebe Leute (ich sage es meinen Schülern auch immer so), jeder fallweise ein Lehrer, sobald er einem anderen irgendeinen beliebigen Sachverhalt erklärt. Somit ist der einzige, der nie Lehrer ist, ein vollkommener Kretin oder entsprechend dement.

War das zu kompliziert?

Es wird immer irrer.

Man darf bald schon nicht mehr sagen (ich habe entsprechende Fälle schon erlebt, es gibt ansonsten noch verkehrsfähige Leute, selbst Lehrer von Beruf, die so einen Stuss verbraten): “Schau her, drei Viertel mal zwei Drittel sind drei mal zwei, also sechs im Zähler, vier mal drei, also zwölf im Nenner, also sechs Zwölftel.”

Denn das ist eine Form des bösen, faschistoiden, ewiggestrigen “outgedateten” Frontalunterrichtes durch einen die Persönlichkeit des Kindes vergewaltigenden LEHRER.

Nein, der Liebe, als der Nichtlehrer, muss in etwa so vorgehen: “Paul, darf ich dich fragen, was Du da siehst?” “Wo?” “Na da, auf dem ansonsten weißen Blatt Papier.” “Ich sehe, dass da drei Viertel mal zwei Drittel steht.” “Darf ich dich dazu einladen, darüber nachzudenken, wie die Aufgabe gelöst werden könnte?” “Ja, Herr Kasulke, das dürfen Sie.” “Und, bist du so nett und nimmst die Einladung an, auch wenn nur ich es bin, der dich darum bittet?” Undsoweiter.

Etwa eine Stunde später wird der arme Paul, der einst ganz stolz darauf war, auf ein Gymnasium zu dürfen, vielleicht, wenn man ihn denn lässt, im Team drei mal zwei und vier mal drei, überprüft mit dem Handyrechner, bewältigt haben.

Ansonsten aber geht es ihm gut, denn er hatte ja keinen faschistoiden Frontalunterricht zu erleiden.

Bin ich froh, dass ich noch einige gute Lehrer hatte, die Kapierables einfach so erklärten, dass man es entweder sofort oder nach Nachfrage und etwas Üben intus hatte.

Ich war ja so teils schon ein schlimmer Finger an der Penne, nicht gerade immer handzahm, um es sehr vornehm auszudrücken, aber bei Herrn Kasulke wäre ich irgendwann komplett ausgerastet.

Einer von beiden hätte die Klasse sicher nicht überlebt.

Um aber einen Kompromiss zu schließen, anders geht’s ja bekanntlich oft nicht im Leben, sage ich das mit dem Lehrer jetzt nicht unbedingt mehr so ungefragt und uneingeladen oft, sondern spreche von mir lieber als einem Essayisten, Aphoristiker, Sprachwissenschaftler, Philosophen, Kritiker, Satiriker, Schlagzahldichter usw.

Vor derlei Leuten scheint kaum einer Angst zu haben.

Die Leute werden es dann auch gar nicht mehr merken, wenn ich ihnen etwas erkläre, also lehre.

Dann passen sie, immer gut gelaunt, nie in ihren Persönlichkeitsrechten verletzt, stets gut auf und lernen alles also helle wie schnelle und genau wie die Sau.

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Eine Antwort zu “Vom Lehrertrauma”

  1. Thomas sagt:

    Ich denke, wir haben da drei grundsätzliche Probleme.
    1. Schüler, die nicht um ihred Willens Schüler sind sondern gezwungen werden, Schüler zu sein.
    2. Lehrer, die zwar meist ihred Willens Lehrer sind, aber nicht die Motivation aufbringen, mit der Zeit – also mit den Ansichten ihrer Schüler mit zu gehen. Was in Demotivation endet.
    3. Ein System, dass Schüler wie auch Lehrer zwingt, Dinge zu lehren oder zu erlernen, in einer Geschwindigkeit und nach einem festgelegten Plan, der/die jede naturgegebene Neugier im Keim erstickt.

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