Von der alleinstehenden nachpostmodernen Übervierziger seelischer Armut

Gestern Abend saß ich mit einem gebildeten, intelligenten, lebenserfahrenen, durchaus humorvollen und beruflich erfolgreichen Manne zusammen beim Biere, und wir kamen über Umwege auch auf die gravierenden Beziehungsprobleme heutiger, zumal kinderloser, Übervierziger. (Wir waren so diskriminös, dass wir nur die Heteros abhandelten.)

Er, ein durchaus schriftdeutschfähiger (in Wort und Schrift!) Schwab, meinte dazu, er sehe es ja überall und auch regelmäßig in seinem Bekanntenkreise: “Middenander fi..a, des kennedse elle, dodroh liegd’s nedda, abber middenander leba, des griegedse ned noh.”

(Miteinander fi…n, das können sie alle, daran liegt’s nicht, aber miteinenander leben, das kriegen sie nicht hin.)

Als Grund dafür nannte er, dass diese Leute – Männlein wie Weiblein – (er hat eine stabile Beziehung) nicht mehr in der Lage seien, Kompromisse einzugehen, ihre sogenannte gewohnte Freiheit über alles stellten, so in ihren Gewohnheiten eingeschliffen seien, dass schon das verkehrtherumme Hinstellen einer Zahnpastentube durch den anderen einen nichtwiedergutzumachenden Konflikt auslösen könne.

Das deckt sich vollauf mit meinen Beobachtungen.

Nur: Warum ist das so? (Nicht immer, aber eben sehr häufig.)

Darauf kamen wir auch. Ich schlug vor, es möchte, nicht allein, aber doch wesentlich, daran liegen, dass diese Zeitgenossen, die ja nicht alle beruflich Supermaxen sein könnten, sondern auf diesem ihrem sonstigen Lebensinhaltsgebiete meist eben doch zu Kompromissen gezwungen, sich zuhause sozusagen ein Heiliges Reich unter ihrer Alleinherrschaft in einer geradezu sakral unberührbaren Weise, entscheidend für ihr Selbstwertgefühl, aufgebaut hätten.

Zustimmung.

Ich fuhr dahingehend fort, das liege wahrscheinlich eben daran, dass viele, in dem Alter, unterbewusst damit begonnen hätten, sich zu fragen, was an ihnen eigentlich besonders, bedeutend sei. Und setzte die Vermutung an, dass das Syndrom bei Leuten, die wirklich und zurecht um ihre Besonderheit im positiven Sinne wüssten, die verruckte Zahnpaste wohl eher nicht zur Krise führen werde.

Zustimmung.

Setzen wir den Fall, wir hätten grosso modo richtig analysiert, so hieße dies, dass eigentlich eine tief zugrundeliegende Unsicherheit, Unzufriedenheit die Ursache des Problems wäre.

Und hiermit die lediglich anhand eines Beispieles beschriebene, zwanghafte Verteidigung des errungenen Eigenen die Folge daraus.

Wir sprachen, wohlgemerkt, zwar nicht von der Clase Dorada, aber auch nicht von Leuten, die im Dauerhartzsuff ihr Leben fristen, sondern von ansonsten mit gut hinreichendem Einkommen geachtet in geachteten Berufen Stehenden.

Die, eben, als im Grunde genommen seelisch-soziale Krüppel, lieber allein bleiben, das Glück, die Freuden eines erfüllten Zusammenseins mit einer “besseren Hälfte” fahren lassen, ihren daran gemessen minden, aber sicher gehorteten Schatz, ihren hilflosen Fetischismus, nicht aufs Spiel zu setzen.

So sieht die Armut allzuvieler materiell Saturierter der Nachpostmoderne aus.

(Klar, dass man/frau sich ansonsten über die vorgebliche Intransigenz von Renate, Sophie, Rüdiger, Thomas… bei anderen wortreich beklagt; die Weiber/Männer taugten alle nichts, brächten keinerlei oder jedenfalls weitaus zuwenig Verständnis für die eigene Lage, den Stress im Beruf auf, usw. usf. etc. pp.)

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3 Antworten zu “Von der alleinstehenden nachpostmodernen Übervierziger seelischer Armut”

  1. Lesezeichen sagt:

    Hallo Magnus,

    das Stichwort heißt Wettbewerb. Das, was euer Dialog so schön wiedergibt, zeigt nichts anderes, als dass die sogenannte Wettbewerbsfähigkeit bzw. der Wettbewerb selber in der kleinsten Zelle der Gesellschaft, der Familie, angekommen ist.

    Gunnar Heinssohn beschreibt es so:

    Das beste Verhütungsmittel in einer Gesellschaft ist die Statusverteidigung und je mehr jeder gegen jeden antritt, umso weniger Kinder gibt es.

    Diese Entwicklung hat man übrigens als erstes bei Männern festgestellt, ich meine, es wäre im 18. Jahrhundert gewesen.

    Man hält den Menschen den Status vor die Nase, wie dem Esel die Möhre. Geld, Macht, Position, Wichtigkeit, Ansehen….Alles, was diesem Status im Wege stehen könnte, z.B. Verantwortung für einen anderen Menschen zu übernehmen, wird natürlich dann möglichst umschifft, weil es ausbremst. Auch für einen Partner müsste man ggf Verantwortung tragen, denn er – oder sie – könnte krank werden, arbeitslos, andere Berufsziele verfolgen, es könnten Kinder kommen etc….alles Hemmnisse, die der Statusverteidigung im Wege stehen.

    Die Familie als Kern der Gesellschaft wird zwar propagiert, aber bei näherer Betrachtung stellt sich diese Propaganda als leere Lippenbekenntnisse von Menschen heraus, die das selber überhaupt nicht leben. Es sind Worthülsen alla Ulrich Roski: Seid nicht feige Leute, lasst mich hintern Baum.

    Noch schlimmer eigentlich: Sie wird bekämpft, denunziert, durch Realpolitik im Kern zerstört, pulverisiert.

    Das gute ist, das diese Selbstzerstörung ihr jähes Ende findet, wie ein Krebsgeschwür. Auch dessen Ende tritt ein mit dem Tod des Lebenwesens, in dem es sich befindet.

    Herzlichst

    das Lesezeichen

  2. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Lesezeichen

    Da fällt mir ein, wie ich die Sache (ähnlich) einmal mit einem Buchhändler (mit Frau und zwei Kindern) besprach.

    Dabei ging es zunächst darum, dass ja fast nur die “Bildungsfernen” noch Kinder zeugten, gleichzeitig die Akademiker, hiemit die Intelligenz, vor lauter Karriere, am Aussterben sei.

    Schließlich wandte ich, halb scherzhaft, ein, dass es vielleicht eben doch die Doofen, nur die kurzsichtigen, materialistischen Egoisten seien, die da ausstürben. Also recht so.

    Das war ziemlich zynisch, aber, wer weiß…

    Immerhin lachte der wackere Mann (der mir ansonsten nie so ganz grün gewesen, aber das ist eine andere Baustelle) dazu sarkastisch und meinte: “Ja, wer weiß…”.

  3. Lesezeichen sagt:

    Magnus, mir wäre das alles herzlich wurscht, wenn nicht die Rechnung für dieses Egoistendasein unseren Kindern präsentiert würde.

    Da gab es doch unlängst den Demographie-Gipfel (für mich der Aspirant No 1 für das Unwort des Jahres). Wenn man sich das Ergebnis dieser Debatte der Hilflosen ansieht, so geht es nahezu ausschließlich darum, den zukünftigen Rentnern, also der Babyboomer-Generation, es so angenehm wie möglich zu machen. Die vielen armen, alten Leute. Wer kümmert sich um sie?

    Von denen, die das alles bezahlen sollen, also unseren Kindern, spricht kein Mensch. Kein Wort über z.B. Familienwahlrecht, steigende Beiträge, steigende Steuern, steigende Lebenshaltungskosten der Zahlergeneration. Kein Wort über Rentenkürzungen für Kinderlose, eben für die, die bevölkerungspolitisch Weltkrieg spielten und um ihren eigenen Nabel kreisten.

    Somit lautet für mich das Fazit: Sie haben es nicht erkannt, worum es geht. Sie haben nichts begriffen und ergötzen sich in einem Weiter-So. Siehe die Diskussion Mica/Matussek auf Phoenix.

    Sie verkennen nur alle, dass unsere Kinder sich das Land ihrer Wahl aussuchen können, denn ein demographisches Problem haben alle Industrienationen. Sie lösen es nur unterschiedlich.

    Es winkt

    das Lesezeichen

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