Facebook als Lügenbabel

Jens Blecker bringt auf iknews.de unter dem Titel “Facebook : Data-Mining als Geschäftsmodell” einen sehr lesens- und bedenkenswerten Beitrag darüber, was Facebook mit den Nutzerdaten ansteuert: ein Totalverständnis menschlichen sozialen Verhaltens, menschlicher Beeinflussbarkeit, ein Art Hebung des “Heiligen Grals” zur permanenten Bewusstseinsanalyse und -kontrolle.

Er empfiehlt zum Schluss seines Artikels:

“Jeder Nutzer sollte daher in regelmäßigen Abständen – so er denn nicht ganz ohne Facebook kann – Dinge oder Artikel zu “liken” die er eigentlich völlig ablehnt. Ein Flashmob an sich, wäre als Zeichen gut, um Facebook zu zeigen, wir sind keine Versuchskaninchen, allerdings ließe sich dieser “Peak” nur allzuleicht aus den Datenreihen löschen und hätte so keine langfristige Wirkung. Schenken Sie Facebook in regelmäßigen Abständen “Datenmüll” indem Sie zum Beispiel Windeln für Erwachsene “liken” oder als Gehbehinderter ein Skateboard. Sorgen Sie dafür, dass Facebook seine Datenschätze einfach nicht verwerten kann, denn dieses sind IHRE/UNSERE Daten.”

Einige wesentliche Faktoren übersieht oder übergeht er aber meines Erachtens völlig.

Erstens weiß ich von vielen, dass sie Facebook nur als geschäftliche Plattform nutzen, als reines Vermarktungsinstrument, so dass sie ohnehin nur in diesem Sinne bereits Selbstgefiltertes einstellen: Jeder schönt und preist und unterschlägt oder gar lügt, so gut er kann.

Zweitens nutzen sicherlich nicht weniger Leute Facebook vor allem als Partnerschaftsbörse: Die meisten schönen und preisen…

Drittens gibt es viele Leute, die, da sie sonst nichts zu tun haben (oder auch professionell in dieser Richtung tätig sind), wie im normalen Leben, gerne ablästern, andere reinreiten, in den Dreck ziehen, dafür andererseits schönen und preisen… Dies ist auf Facebook noch viel leichter möglich, als im normalen Leben, da man, wenn man es halbwegs geschickt anstellt, nie mit den möglichen unangenehmen Folgen der Entdeckung als verleumderisches Lästermaul konfrontiert werden wird.

Viertens gibt es Leute, die ein “like” (durchaus auch gruppenmäßig organisiert) einstellen, nicht etwa, weil sie etwas mögen, sondern weil es der Spezi ist oder sie gar dafür bezahlt werden. Auch dies ist viel einfacher als im normalen Leben, weil man nie mit den möglichen unangenehmen Folgen der Entdeckung als Lobhudler und Hofschranze konfrontiert werden wird.

Fünftens gibt es nicht nur die CIA und den Mossad, sondern noch jede Menge weitere “Dienste”, Mafias, kriminelle Organisationen, die Facebook für ihre Zwecke fallweise instrumentalisieren, verschlüsselte Botschaften dort unterbringen, Spaßvögel, Hacker, politische Aktivisten…

Sechstens, und bei weitem am gewichtigsten: Die einigen hundert Millionen Facebook-Nutzer bilden keineswegs einen repräsentativen Querschnitt der Weltbevölkerung ab, noch nicht einmal der Bevölkerungen jener Länder, wo praktisch jeder einen Netzzugang hat.

Der homo facebookiensis ist zwar, wenn man so will, eine Subspezies des homo sapiens, aber eine durchaus besondere, die gerade mal 5-10% der Art ausmacht.

Damit will ich die Möglichkeiten Facebooks keineswegs verharmlosen; Bleckers Täuschungsempfehlung erscheint zunächst durchaus bedenkenswert.

Aber: Er empfiehlt damit allen Facebook-Nutzern, regelmäßig und geschickt zu lügen, damit nicht nur Facebook zu belügen, sondern eben auch alle “Freunde” und anderen Nutzer.

Sehr fragwürdig, zumal und überdies wenn man bedenkt, dass man über die menschliche Psyche nicht erst seit der modernen Verhaltungsforschung weiß, wie das Lügen leicht zur allgemeinen Gewohnheit wird und der habituelle Lügner sich seine Lügen im Laufe der Zeit immer mehr selber glaubt.

Zuschlechterletzt: Facebook wird in seinen Analysen, und zwar, je mehr Leute sich an Bleckers Empfehlung halten, um desto schneller, auf kurz oder lang auch noch die typischen Lügenmuster der Masse herausfinden und für sich nutzen; die meisten Leute sind nämlich zu dumm oder zu faul oder beides, auf Dauer kreativ und versatil, in immer neuen Varianten zu lügen.

(Blecker spricht von “in regelmäßigen Abständen”: Schon das wäre ein Fehler. Auch seine beiden Lügenbeispiele sind ebensolche, die relativ leicht herausgefiltert werden können dürften…)

Immerhin: Wenn die meisten, zumindest sehr viele Facebook-Nutzer lügen, so gut sie’s eben vermögen, wird das Netzwerk wertlos, das Lügenbabel irgendwann in sich zusammenstürzen.

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