Vom Dissidenten

Zeit, mal wieder ein bisschen Politsemantik zu treiben. Nicht, dass ich noch aus der Übung komme.

Wie wäre einer, der gegen die Angriffskriege, die alle Blockflötenparteien (mit teilweisen Ausnahmen, fast nur der Linkspartei) befürworten, den EU-Superstaat, unsere Euro-Enteignung, die Knabenbeschneidung ablehnt, den 9/11-Mist nicht glaubt, für echte Meinungs-, Kunst- und Satirefreiheit steht, von der Unfreiheit der Nation redet, die Rheinwiesen und die Feindstaatenklausel im Munde führt, sich, es gäbe noch viel mehr Beispiele, der verordneten allgemeinen Linientreue öffentlich nicht unterwirft, früher genannt worden, wurden entsprechende Leute, als es noch stramm gegen den Ostblock ging, genannt, wird so einer, der analog in China agiert, heute manchmal, aber inzwischen selten, noch genannt?

Man nannte solche Leute früher Dissidenten.

Das war ein Lobeswort: Als Tapfere, die der Freiheit halber schwere persönliche und berufliche Nachteile, wenn nicht harte Verfolgung, manchmal bis zur Lagerhaft oder dem Tode, bereit, in Kauf zu nehmen, warden sie gepriesen.

Unser jetziger Bundespräsident war so einer, wird heute zumindest so gehandelt, nur dass das mit den Nachteilen, als sonst keiner außer der Nomenklatura einen VW-Bus hatte, doch nicht ganz so schlimm war; und das Wort fällt ihm auch nicht mehr zu.

Kamen sie in den “freien Westen”, so wurden sie mit Ehrungen überhäuft, ihre Schriften und Aussagen wurden schon vordem glorifiziert, in allen Feuilletons besprochen, sie waren Helden.

Nun, Dissident ist, von der Wortbedeutung her, zunächst einer, der sich nicht zu den anderen setzt, sich gar von diesen wegsetzt. Dass er so nicht der Große Vorsitzende werden kann, auch nicht dessen Minister oder Redenschreiber, noch nicht einmal Beisitzer, ist klar.

Klar ist auch, dass man einen derartigen Begriff, der vor nicht gar zu langer Zeit noch ein Ehrentitel war, keinem heutigen hiesigen Dissidenten gewährt: dessen Konnotation erinnert immer noch zu sehr an etwas Positives.

Da muss ich mich wohl selber, da mir bislang keiner damit geholfen hat, einen Dissidenten heißen.

Schriftsteller und Philosoph bin ich ja schon (obzwar ich auch das bislang nur selten von anderen gehört habe, aber immerhin).

Ich fühle mich dadurch in diesem an Banken und Sonstnochwen ausverkauften Laden namens Bundesrepublik Deutschland deswegen noch keineswegs besser bzw. wohler oder irgendwie aufgewertet, aber ich schleudere dies Wort zurück ins Gesicht jener, die es früher so gerne benutzten. Denn ich bin eben auch Semantiker, und zwar einer von jener üblen Sorte, die nicht so leicht vergisst.

Das Schweigen der Lämmer, jener allermeisten, die sich “Sprachwissenschaftler” heißen, ich erwähnte es erst kürzlich, oder deren Unfähigkeit, überhaupt noch in Zusammenhängen der Polit- und Psychoabsemantik zu denken, ja, ich sage es jetzt so drastisch, kotzt mich an.

Wozu bezahlt man denen ihre Institute, ihre Gehälter?

Klar: Damit sie entweder nichts sagen oder das Vorgegebene sagen oder irgendetwas gesellschaftlich Irrelevantes über eine alte Handschrift sagen, in der sie irgendetwas gefunden zu haben meinen, was außerhalb von Fachzirkeln zurecht keine Sau interessiert.

Hier stimme ich meinem Kollegen M. zu: Derlei Leute brauchen wir, zumal in diesem Maße, wirklich nicht. Jedenfalls nicht dafür zu bezahlen.

Die meisten von ihnen merken ja nicht einmal, dass sie willfährige Handlanger sind. Merken nicht, dass es sehr wohl ein paar Philologen gibt, die den Takt der Bergriffsentsorgung und -verdrehung sehr gezielt vorgeben, mit ihnen als stupiden Nachkaulakaien.

Einmal dürfen Sie von daher raten, weshalb ich keine akademische Karriere gemacht habe, nicht an der Uni geblieben bin, Professor wurde, wie mein Professor mir riet. Es war schon damals, als die Gelegenheit bestand, nicht viel besser, und ich erkannte das bald.

Mein Professor sagte mir auch (er hatte teils durchaus Verständnis für meine kritischen dissidentären Ansichten), anders werde ich es wohl kaum zu etwas bringen, so sei eben die Welt, mit einer C-4-Professur sei ich materiell gut abgesichert, hätte keine Sorgen mehr, wie ich meine Familie ernähren solle, könnte dann, da nur sehr schwer kündbar, eine ganze Menge der Sachen vorbringen, die mir auf dem Herzen lägen.

Pfeifendeckel!

Oder, ja, als C-4-Professor hätte ich dann vielleicht – immerhin teilweise – so schreiben dürfen, wie ich es für richtig halte.

Vorher, wenn man mich überhaupt dahingelassen hätte, hätte ich aber mindestens 15 Jahre mitschleimen und mitlügen müssen, damit, das bleibt nicht aus, mir mein Hirn verbiegen, bis dass ich dadurch wahrscheinlich weitestgehend oder wenigstens hinreichend kompatibel geworden wäre. Auch das erkannte ich klar.

Deshalb bin ich alles mögliche geworden, bis hin zum kleinen Nachhilfelehrer, jetzt auch einem Blogger, der zwar schon eine gewisse Verbreitung sich erarbeitet hat, aber längst nicht jene, die viele Blogs haben, deren Betreiber kaum drei richtige Sätze zusammenbekommt, die Texte klauen, irgendwie zusammengestoppelt sind, oft quasi monothematisch, katastrophetisch (außer Sex, Jesus, Geld und Skandal gibt’s kaum etwas, das massiv zu mehr Zugriffen führt), qualitativ, von Philosophie gar nicht zu reden, bescheiden bis unterbescheiden.

Egal: Immerhin bin ich konsequent Dissident geblieben.

Außerdem habe ich trotzdem zwei prächtige Buben.

Und, derletzt, man tut, was man kann, habe ich es auch noch zu wenigstens halbwegs beachtlicher “Slam Poetry”, zum Schlagzahldichter gebracht.

Vielleicht wird meiner dessen noch eines Tags gedacht.

Und: Wo man auch mich anhören will, da setze ich mich nach wie vor ganz ungezwungen mit hin.

Manchmal sogar davor.

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Eine Antwort zu “Vom Dissidenten”

  1. Dude sagt:

    “Man nannte solche Leute früher Dissidenten.”

    Optional könnte ich hiebei auch noch die Begriffe “Uneinsichtige”, “Unbequeme”, “Revolutionäre” oder “Nonkonformisten” zur freien Wahl gereichen… :-)

    Mein für mich Selbst getaufter Name “Dude” beinhält übrigens alle diese und noch einige andere, und obendrauf noch ein paar weitere, wofür die passenden Begriffe ( auch mit einem Wortschatz von 100’000 Worten :-D ) erst erfunden werden müssten… ;-)
    (Wobei die vielleicht seit 1291 mittlerweile einfach in Vergessenheit geraten sind? ^^)

    “…, so sei eben die Welt, mit einer C-4-Professur sei ich materiell gut abgesichert, hätte keine Sorgen mehr, wie ich meine Familie ernähren solle, könnte dann, da nur sehr schwer kündbar, eine ganze Menge der Sachen vorbringen, die mir auf dem Herzen lägen.”

    Ja klar. Die Bestie bezahlt gut. Dies aus gutem Grund. Der Gegenwert dieses Handels ist unbezifferbar, und dessen ist sich die Bestie durchaus bewusst!!!

    Darum ist es es niemals wert, auf diesen Handel einzusteigen, ganz egal, wie süss der um den Mund geschmierte Honig auch schmecken möge…

    Ps. Das mit den vielbesuchten Idiotenblogs gründet nur in der Masse der schon systematisch komplett verblödeten Bioroboter bei denen der Trunk der Bestie gewirkt, und die damit jetzt im Taumel beim Tanze ums goldene Kalb gefangen…
    Pps. Radikalität und eiserne Konsequenz sind das A & O! Sonst vermag man letztlich nicht widerstehen der Verlockung.

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