Von Crowleys schrecklichen Schriften (II)

Ich habe mich hier ja nun schon dahingehend selbstangeklagt, mich vor Jahren sehr intensiv mit Crowleys schrecklichen Schriften befasst, manche seiner höchstrangigen Anhänger bzw. Interpretatoren getroffen zu haben, so dass von der Seite her nichts mehr anbrennen kann.

Jetzt, im Rückblicke, da die Sache wieder ein stückweit in meinen Fokus gerückt, fällt mir (wie teils schon angesprochen) umso mehr auf, dass seine “Class-A-Texte” (die er als “herunterkanalt” behauptete), mit denen er eine neue Religion, jene des Wassermannzeitalters, quasi als deren Prophet, auf die Erde gebracht zu haben behauptete, von seinen Jüngern praktisch nur anhand von Methoden durchleuchtet bzw. nachverdunkelt wurden, die man im weitesten Sinne als kabbalistisch bezeichnen kann.

Also Gematria, Numerologie (bzw. Zahlenmystik), astrologische Bezüge, “Baum des Lebens”, hebräisches Alphabet, eine englische, der Zahl 11 folgende alphabetäre Zahlenzuordnung ward behauptet (gar nicht schlecht begründet: ALWH…), man veranstaltete Kongresse dazu in der Oxforder Town Hall (schöne Holztäfelung), es gab die typischen Geheimbundsgroßmeisterbeharkungen, mancher aß Psilocybe dazu oder rauchte auch nur Hasch, dem “Höheren” so noch näher zu kommen (oder auch nur eine Tante flachzulegen), kurzum, es war ein buntes bis esoterisch durchgedrehtes Treiben, ein Potpourri des dabei üblichen voll ausgebrochenen bis gemäßigten Wahnsinns und der diesbezüglichen Spekulation.

Gut, man hatte noch keine leistungsfähigen Rechner, wenn überhaupt welche, die federführenden Engländer, wie üblich, von Etymologie kaum einen bis gar keinen Plan (Jake Stratton-Kent war der einzige, der sich teils dafür interessierte, auch mal was dazu hören wollte), die eigentümliche Prosodie, Starktonrhythmik der Texte, die deren “Magie” ganz wesentlich ausmachen, waren kaum ein Thema.

Dabei bin ich mir heute, mehr noch als damals, ganz sicher, dass nicht nur, aber ganz wesentlich auch, auf diesen Gebieten anzusetzen gewesen wäre (heute noch wäre; ich habe nichts gehört – gibt es doch was? – , dass jemand gescheit daran gearbeitet hätte), um die eigenartige Wirkung, Ausstrahlung dieser Schriften zu erklären.

Diese besteht zweifellos; und das muss Gründe haben; und diese sind – für mich zweifellos, Text ist Text – aufzuspüren.

Man wird, richtig angefangen, neben den oben schon angesprochenen Analysemethoden, sicherlich auch in der Lautverteilung manches alsbald finden können, wenn man sich ernsthaft daranmacht, mal nicht auf das ganze symbolistische, ägyptizistisch-hebraistisch-christlichistisch-biblistische Geschwurbel guckt, sondern auf den diesbezüglichen Aufbau.

Diese Texte wirken durch ihre Tonalität: man könnte fast sagen, zumindest in diesem Zusammenhang, dass deren Inhalt nebensächlich sei.

Wer also vor allem auf die Buchstaben und Wörter und Anspielungen guckt, der macht einen grundsätzlichen Fehler; im Englischen korrelieren Buchstaben so oft so erratisch, mal so, mal so, mit dem empfundenen Ton (man empfindet den Ton auch dann, wenn man nur leise liest; das ist unzweifelhaft, auch wenn viele Sprachwissenschaftler das heute noch nicht, zumal in seiner Tragweite, zur Kenntnis nehmen wollen): hier liegt der Hase im Pfeffer.

Diese Texte sind Texte der auf genau diesen Ebenen angelegten Manipulation, des psychischen Erschreckens und Schreckens.

Es ist Zeit, dass mit diesem Schrecken und Erschrecken gründlich aufgeräumt wird.

Ich sprach gestern Nacht noch mit einem Freunde darüber. Der meinte, indem ich die Ansicht vertreten hatte, diese Texte stammten wohl kaum von einem, der der Menschheit freundlich gesonnen sei, er sei sich da nicht so sicher.

Nun, lassen wir als gute Wissenschaftler, trotz all der üblen Wirkungen, die diese schon nach sich gezogen haben (Idioten aller Art sind für nichts ein zwingender Beweis, außerdem sind sie nicht so langweilig wie z.B. der Koran), die Möglichkeit offen, dass hier, vielleicht noch unerkannt, auch Förderlicheres vorliegen könnte, als jener Satanismus, den Leser Dude anprangerte.

Auf einer Ebene zumindest gehe ich davon aus. Die Poetizität ist von einer so eigentümlichen Art, dass wir davon lernen können sollten; so oder so; und sei es nur, dass wir diese Art der (schwarzen) Poesie nicht wollen, aber auch endlich wissen, weshalb.

Einfach Wegducken gilt in der Wissenschaft nicht. Ich lasse es nicht einmal den Physikern einfach so durchgehen, dass sie sich hinter Einstein vor der Überlichtgeschwindigkeit verstecken. Und noch umso mehr, um wieviel mehr, Sprachwissenschaftlern, wenn sie sich vor Texten zerzucken.

Zur Wissenschaft gehört nämlich zweifellos Kenntnis, ernsthaftes Bestreben, eine geistige Offenheit, alswelchletztere oft, eigentlich grundsätzlich, auch Mut erfordert.

Feigheit vor dem zu untersuchenden Gegenstand qualifiziert einen, der ein Wissenschaftler sein will bzw. vorgibt zu sein, als viertrangigen Erbsenzähler, der besser gleich Kopist geworden wäre (heute Kopierer).

Jeder unterirdische, irrelevante, breitgetretene Feministinnenquark (nur als Beispiel, ich nenne auch keine Namen) wird von Sprach- und Literaturwissenschaftlern bis hinter den Rand der Erdscheibe breitgewalzt, aber, nein, mit Crowley, nö, mit sowas befasst sich ein “seriöser Wissenschaftler” doch nicht (könnte ja Ärger, Lächerlichmachung, Verlust der Dozentenstelle usw. setzen).

Ich schätze mal, sollte überhaupt ein Sprachwissenschaftler auf diesen Text hier einsteigen, dass er das allenfalls von einem Fremdrechner unter dem Nick “Hinterpfitzliputzli” oder “Kosmonaut 418″ (wenn er sich wenigstens das traut) oder “Tungusengast”, oder was weiß ich, sich anzusetzen verwagen wird.

Hoffentlich täusche ich mich mal. Die Hoffnung ist aber nicht groß, und sie wird wohl auch bald sterben.

Egal.

Die Welt folgt, wenigstens nicht auf Dauer, den Zagen, den Feigen, jenen, die sich den halben Tag lang fragen, wie sie möglichst nicht unangenehm auffallen könnten.

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