Lernsucht: Bei mir unheilbar

Vorhin habe ich in einem Telefonat mit einem der klügsten Menschen, die ich je kennengelernt, fahrlässig davon gesprochen, dass ich nunmal “lernsüchtig” sei.

An anderer Stelle (ich weiß nicht mehr wo) auf diesem Blog bezeichnete ich mich schonmal, damals noch scherzhaft, als “lernkrank”.

Das sind zwei sehr bedenkliche, sich in ihrer Bedeutung ja auch noch deutlich überschneidende Signete.

Man muss sich nur mal einen Menschen vorstellen, der zwar auch mal ein oder zwei Glas Wein trinkt, gutem Essen, schönen Frauen (wo es noch welche gibt) nicht abhold, aber was er gar nicht hinbekommt, das ist, mit dem Lernen aufzuhören.

Ich war schon bei unzähligen Therapeuten, aber keiner von denen hat etwas getaugt.

Man hat es mit Akupunktur versucht, mit der Empfehlung, dagegen Yoga zu machen, Heiltee in Mengen zu trinken, mir einen anständigen Glauben anzutrainieren, mir geraten, meinen Schreibblock nicht mehr überall mit hinzunehmen, keine Wörter mehr nachzuschlagen, erstmal mein schlimmstes Suchtmittel, die Semantik, mit einem Bannfluche zu belegen, irgendwas zu lernen, als Antidot, wovon mir garantiert schlecht wird – das Wünschen war einer der vorgeblich zielführenden Vorschläge -, rituelle Selbstgeißelung wurde ins Spiel gebracht, arbeiten im Steinbruch bis zur totalen Erschöpfung, Schlafentzug (einer fand in einem gründlichen Anamnesegespräch raus, dass ich auch in vielen Träumen noch zu lernen trachte), Rübensaft saufen, bis nix mehr geht, Lesesperre, allerlei homöopathische Mittel (Dementalis M 6000 usw.), Lachverbot, Jolokiachilipaste auf sämtliche Schleimhäute, Morphium in hohen Dosen, Holzsprit, meinte einer, helfe zuverlässig, ein anderer sprach von einer Klotzberta, die bisher noch nie versagte, Self-Waterboarding ward vorgeschlagen, allerlei Klöster als verlässliche Heilanstalten gepriesen, ich solle, wie Jesus, nur noch unvergorenen Wein zu Tisch lassen, mir imaginieren, ich sei ein brennender Dornbusch, sobald auch nur ein Hauch von Lernwillen aufkommt, mir vorstellen, ich sei Herr Holle, der alles menschliche Wissen von sich in Maulwurfshügel schüttelt, mir einen ordentlichen Fetisch zulegen, erstmal Deutsch verlernen, Sackhüpfen und dabei rechts und links Eier in unterdimensionierten Löffeln voranbringen, bis ich hinreichend gültig auf die Schnauze (der behandelnde Arzt nannte es, er war wohl stolz auf seine Lateinkenntnisse, mein “Rostrum”) fliege, mir deshalb erstmal gar nichts mehr einfiele, einen echten Guru, er hieß Krishnawurschtamurti (der Name hatte mich überzeugt, dass er mir helfen könne), frug ich auch, aber dem fiel nur ein, dass einer wie ich täglich 30 bis 50 Gramm schwarzen Afghanen benötige.

Man hat es mit Knoblauchentzug probiert, mir Most gegeben, den nichtmal eine Sau vorm Schlachttermin zu sich nimmt, Ganzkörperrasur verordnet (nur zur Vorbereitung auf die eigentliche Therapie, leider verzweifelte der Barbier an seinen sich abstumpfenden Messern), Nagelbretter standen längst überall im Hause, ich sollte, immer, bei schweren Anfällen an beiden, an meinem linken großen Zehen lutschen, einer erfand sogar eine Antilernrune, den fand ich am witzigsten, aber die taugte auch nix, ein anderer trieb (der war richtig teuer!) einen Satz original rekonstruierte Spanische Grippenviren auf, aber diese nutzlosen, dummen Drecksviecher machten auch binnen einer Viertelstunde schlapp, wornach dieser Stümper es mit Herpes, Syphilis und, besonders blöde, auch noch mit nach geheimem Hausrezept hergestellten AIDS-Erregern versuchte.

Schließlich traf ich auf einen, der Ahnung zu haben schien.

Der empfahl mir, nachdem ich ihm mein Leid ob all jener Kurpfuscher und Quacksalber geklagt, ich möchte mir ein Smartphone zulegen. Das wirke, nach der einmaligen Anschaffung, billig und dauerhaft.

Ich ging also, einsichtig, meine letzten Kröten zusammenkratzend, zum nächsten Laden und holte mir so ein Teil.

Zunächst hielt es auch, was er versprochen hatte.

Dann brachte mich das Scheißding aber doch wieder zum Lernen. Schon nach Tagen hatte ich raus, dass das Ding noch dümmer und elendiger dranwar, als ich selber. Es fiepte und quiekte mich ohne Sinn und Verstand an, sobald es etwas von mir gelernt zu haben glaubte.

GLAUBTE!!!

Dauernd versuchte dieses dumme Scheißteil, mir irgendeinen Unfug über mich beizubringen, und das, wo ich doch nichts mehr zu lernen angetreten war!

Niemals hielt es die Klappe, es machte immer weiter.

Inzwischen habe ich eingesehen, dass ich therapieresistent bin.

Pech.

Ich werde halt bis zum Ende meiner Tage mit meiner Suchtkrankheit leben müssen.

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10 Antworten zu “Lernsucht: Bei mir unheilbar”

  1. Thomas sagt:

    Probiers doch mal mit ordentlich Anlauf mit dem Kopf durch die Wand. Das wird zwar nicht gelingen, führt aber definitiv mit der Zeit zu kognitiver Impotenz. In der direkten Folge daraus wirst du aber zu Mundstuhl neigen, was auch nicht viel besser wäre.
    Außerdem würde der Blog hier um Längen uninteressanter.

    Bleib lieber so, wie du bist und lerne, mit deiner Krankheit zu leben! ;)

  2. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Thomas

    An meinem Kopf sind schon manche Wände zerbrochen, bloß dass diese, mir von wem auch immer berstend dawidergeschlagen, es, da ihnen ja kein Bewusstsein eignet, selber nicht gemerkt.

    Nur manche Schläger.

    Mach’ Dir also lieber mal Sorgen um die armen Wände, deren diese vernutzenden Schläger, als um meinen Kopf.

    Mit meiner Lernkrankheit, die diesem entstammt, lebe ich, seit ich denken kann.

    Ich habe, eben lernkrank, auch irgendwann gelernt, damit einigermaßen gut umzugehen.

    Es geht dem Patienten daher, wie man so schön sagt, “den Umständen entsprechend gut.”

  3. Dude sagt:

    @Magnus

    Hier noch einen dude’schen Therapievorschlag für Dich.

    Lerne einfach von morgen bis abend nichts mehr anderes, ausser Telefonbücher (soviele wie hald nötig ;-) ) vollumfänglich auswendig… …spätestens nach dem dritten wirst Du des Lernens überdrüssig, glaub mir… :-D

    Jedenfalls wirst Du darob das Deutsch ganz schnell verlernen… ;-)

    Aber bitte mach das nichts, denn dann würden uns allen hier ja weitere schöne und tiefsinnige Artikel vorenhalten werden deswegen, wie ja auch Thomas – zurecht! – nachdrücklich monierte. ;-)

    Ich würde Dir ja übrigens auch gerne noch einen 40-Tage-Marsch durch die Wüste empfehlen, aber das funktioniert leider nicht, zumal man da gar nicht umhin kommt zu lernen; sei es wie Klapperschlangen zu reagieren pflegen wenn man ihnen auf die Schwänze tritt, oder aber wie sich Hitze anfühlen kann, oder wie man Wasser findet, dass man nicht verdurstet… Man kommt jedenfalls ums Lernen nicht herum, daher vergiss das schnell wieder! :-D

    Ps. Von Afghan rate ich dringlich ab. Stattdessen versuchs mal mit dem heutzutage hauptsächlich erhältlichen verschnittenen Durchschnittschemieindoorgras – im Kawumm und natürlich pur! Damit kann man sich jedenfalls, bei masslosem Konsum, zumindest schon mal eine Hirnamputation sparen… :-)

  4. Infoliner sagt:

    Als selbst Betroffener wage ich hier mal einen Rat:

    Vielleicht hast Du bisher einfach nur immer an Dich gedacht… schonmal erwogen, die Folgen Deiner Lernsucht für Deine Umwelt zu überschlagen?
    Ich meine, vielleicht ist das sogar ansteckend und Deine Vorsorge läßt angesichts der Artikel hier, ausgerechnet auch immer wieder dem Nachwuchse gewidmet, Fragen offen.
    Eventuell könnte auch ein Esotherik-Trip helfen: Du trägst bereits alles Wissen des Universums in Dir und kannst Dich folgerichtig ruhig auf die faule und laut Deinen Beschreibungen bereits reichlich malträtierte Haut legen.

    PS hat mir auch nicht geholfen, das alles. Man sagte mir, daß sei einfach ein Teil der menschlichen Natur! Nette Umschreibung für den uns umtreibenden, vermutlich genetisch bedingten, Defekt ;)

  5. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Infoliner

    Tut mir leid, dass ich weder Dir noch Deinen vermutlichen genetischen Defekten abhelfen konnte.

  6. Dude sagt:

    @Infoliner

    Wenn Du mit dem genetischen Defekt, die auf Doppelhelix kastrierte, ursprüngliche 12er-Helix der DNA meinst, weiss ich was Du sagen willst, wenn nicht, erkenne ich in deinem Kommentar nur Geschwurbel, sorry.

    Bitte um dahingehende Klärung, danke. :-)

  7. Name sagt:

    Versuch deine theoretischen Lerntätigkeiten in die Praxis umzusetzen, unter der Annahme: Du machst das nicht sowieso schon. Wieso willst du dich eigentlich “kurieren”? Ich würde nicht meinen, dass “Lernkrankheit” (….) was sonderbares ist.

  8. Kolibri sagt:

    Selten so gelacht!
    Zum Glück hat noch jemand die gleichen Symtome wie ich, die unheilbare Lernsucht. Also sind wir schon zwei. Dazu möchte ich einfach nur sagen, ich schätze und liebe diese “Sucht” an mir. Genau diese Lernsucht hat mich von vielen anderen Krankheiten genesen lassen.
    Magnus Göller würdest du deine Lernsucht nicht haben, würde dir so vieles fehlen, was deine Persönlichkeit ausmacht. Also nimm die Lernsucht mit Freude an und lerne weiter, es gibt noch so viel was wir noch lernen können, und wir unseren Spass daran haben.

  9. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Kolibri

    Ich bin mit meiner Lernsucht ja selber auch eigentlich immer ganz gut zurechtgekommen.

    Es gab dann aber trotzdem immer wieder, bis heute, große Schwierigkeiten deswegen.

    Denn ich lernte immer wieder Dinge, die man gar nicht lernen soll.

    Mindestens in dem Sinne nicht, dass man sie wirklich lernt, also in Gesamtzusammenhänge einordnet, seine Schlüsse daraus zieht, das Gelernte und Letztere gar noch anderen mitteilt.

    Wenn man das nämlich macht, wird man schnell zum “Ketzer” (stammt von “Hetzer” ab) abgestempelt, jedenfalls, sobald es sich nicht mehr z.B. nur darum dreht, dass man heimlich oder gar offen nicht mehr daran glaubt, ein Stück Rauchfleisch zu essen sei bis zum anderen Morgen garantiert tödlich.

    Bezüglich Historie, Philosophie, zumal auch Religion, selbst Physik, Statik (siehe 9/11), ja selbst Mathematik, ist es in vielen Fällen äußerst unerwünscht, dass man immer noch etwas lernen will.

    Das gilt erst recht (obschon, oder gerade, da viele diese icht ernstnehmen) für mein eigentliches Hauptfach, die Sprachwissenschaft.

    Dazu (nicht nur dazu) lernte ich, das war einer der schlimmsten Sündenfälle diesbezüglich, dass das gemeingermanische 24er-Runenfuthark ein System von kaum vergleichbarer Tiefe ist; das war mal wieder ganz bös’ zuviel bzw. danebengelernt.

    Und, wie ich im Text schon erwähnte, die Semantik ist ein Gebiet, auf dem man lieber gar nichts lernt, vor allem, wenn man es richtig macht und dazu die Etymologie auch noch zu ihrem zwingend notwendigen Recht kommen lässt.

    Selbst die Syntax ist gefährlich; je mehr man derer lernt, umso mehr gerät man in die missliche Lage, ihrer zunehmenden Beherrschung halber Dinge so in Bezüge setzen zu können, wie man das vordem noch glücklich gar nicht vermochte.

    Die Sprachwissenschaft (kein Wunder, dass die mich so gepackt) ist sowieso die bedenklichste; da es jeden Buchstaben, jedes Wort, jede Wendung, jeden Satz, jeden Text im Gesamten zu hinterfragen gilt, hinterfragt man, wenn lernsuchtkonsequent, schließlich alles.

    Irgendwann ist man so weit, dass man Lügen riecht, noch gar bevor sie vollends ausgesprochen sind.

    Dann ist es nicht mehr weit, bis man die Lügen von Leuten wie Lessing und Goethe klar erkennt; und wenn man die benennt, ist der Zacken vielerorts sehr schnell ab.

    Das Problem besteht somit nicht in der Sucht selbst, sondern in den von anderen reichlich unerwünschten Symptomen, Folgeerscheinungen derselben.

    Gut aber, dass es mit Dir und Infoliner erklärtermaßen wenigstens noch zwei Leidensgenossen gibt.

    LG

    Magnus

  10. Kolibri sagt:

    @: Magnus Göller

    Etwas zu hinterfragen, kann äußerste Reaktionen im Umfeld auslösen.
    Und wenn du dich dann noch erdreistest die Wahrheit zu sagen, dann geschieht folgendes: entweder man sucht sich gleich einen Fluchtweg, was wir Lernsüchtige ja nur in äussersten Notfällen tun, bleibst du stehen, dann dauert es nicht lange,und man steht alleine da. Hab mich oft gefragt, ob Lernsucht ansteckend sein kann?

    Dem kann nicht so sein,denn:
    Die Wahrheit zu sagen und eine eigene Meinung zu äußern kann unter Umständen zu “Unannehmlichkeiten” führen, was ja bedeutet, etwas wird nicht angenommen.

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