Heilschmerz

Es gibt den Heilschmerz.

Damit meine ich nicht, dass es nach einer Operation (ich kenne mich aus, leider) erstmal noch wehtun kann.

Ich rede von etwas ganz anderem.

Gerade jetzt, wieder, tut mir die rechte Elle weh. Der Knochen, selbst die Bänder und Sehnen drumrum.

Obschon diese, als mich ein etwas Unfreundlicher so von hinten, eine Treppe hinab, aufs Kopfsteinpflaster stürzte, dass ich das zwar, meinen rechten Arm noch hinreichend vors Hirn bringend, knapp überlebte, aber mein rechter Körperteil eine mittlere Matschepatsche ward, gar nicht angeschlagen war.

Die Elle wurde dabei gar nicht direkt verletzt. Nix. Null.

Jetzt schmerzt sie, da durch den Hängearm mitanabverschrumpelt, sich wieder vollends nachbilden wollend, einfach mit.

Morgens und abends, manchmal auch tagsüber, melden sich Zonen (bis hin zu Fingern, die ebenfalls nicht direkt verletzt worden waren) sagen “Hallo!” und heischen, kribbelnd, der Heilenergie aus dem Innern des doch nicht arglistig Getöteten.

Manchmal, gestern Nacht war es wieder so, strecke ich selbst am Rechner meinen Arm aus, lasse nur das Blut fließen, und das ganze Teil vibriert bei leichtem Schmerz.

Alles war so gut wie verreckt. Ich will es gar nicht beschreiben. Heute bin ich fast schon wieder hartbaufähig. (Ja, nur fast; nach ein paar Stunden täte es, Gerüstbau, Steinmetz, oder so, wahrscheinlich teuflisch, nicht mehr heilschmerzmäßig, weh.)

Ich ging damals, man mag mich für total durchgeknallt halten, auch nicht zum Arzt. Aber: Ich kenne diese Brüder und habe ein ziemlich sicheres Gefühl dafür, wann sie einem helfen werden und wann nicht.

Dessen angesichtig, was da war, hätten die (ich war kaum noch bewegungsfähig) den ganzen Scheißendreck womöglich noch gegen meinen Willen eingegipst, alles wäre steif geworden, ich jetzt tatsächlich ein Krüppel.

Mal ganz abgesehen davon, dass die mich, ich kenne das Spiel, selbst mit Polizeigewalt als nicht mehr verkehrsfähig dabehalten hätten, meine Kinder zwischenzeitlich sonstwohin verbracht, mich, bei Protest, festgeschnallt, und Wein, zur Schmerzlinderung und geistigen wie körperlichen Wiedererrichtung, hätte es auch nicht gegeben, nur Tonnen Valium oder Haldol, bis zur Endverblödung.

Es tut immer wieder woanders weh; mal am Genack, mal dort, wo der zweifellos erfolgte Kapselriss oben fies zieht, mal meldet sich ein Unterarmfingermuskel und will wieder mehr Durchblutung: Es wird aber unterm Strich immer besser.

Es sind Heilschmerzen.

Folgerichtig fördere ich sie manchmal noch, obwohl ich nun wahrlich nicht auf das Erfahren oder gar Zufügen von Schmerze stehe.

Es tut halt zunächst noch mehr weh, wennn ich die Blutzufuhr an die sich eben regende Stelle geistig wie durch meine Körperhaltung unterstütze. Aber: Es heilt.

Ich habe ob dieser schweren Verletzung nochmal erst recht gelernt, dass mit Gewalt diesbezüglich allenfalls nur manchmal, zum richtigen Zeitpunkte, etwas geht. (Ich habe, z.B., als der Tag reif, es mir richtig stank, mal mit meiner Rechten bis zur absoluten Grenze vollwutmäßig auf unschuldige Holzbalken eingeschlagen. Das reichte dann aber auch erstmal.)

Da ich kein Heiler bin, nichts von Heilung verstehen kann noch darf, erzähle ich dies einfach so. Es sollte, in aller Naivität und Lächerlichkeit, die dem klariter innewohnt, von unserer Meinungsfreiheit noch gedeckt sein.

Ich rate auch niemandem, ausdrücklich, mit Vergleichbarem nicht zum Arzt zu gehen.

Ich weiß noch nicht einmal für mich (wie sollte ich das können?) verlässlich, dass meine dahingehende Entscheidung richtig war. Ich bin mir aber dessen sicher.

Vielleicht schwämme ich andernfalls heute schneller als Michael Phelps.

So, aber, wie ich mich entschieden habe, arbeite ich heute, immer noch, mit meinen Heilschmerzen. (Grade sind sie nicht nur entlang der Elle, haben sich, vielleicht ob meiner grade schreibenden Ehrlichkeit, ein bisschen auch noch in den Trizeps verlagert.)

Und gemessen daran, dass es Wochen dauerte, bis ich meinen rechten Arm auch nur ein paar Zentimeter heben konnte, aus dem Bett ebensolang nur unter Schmerzschreien (echt granate) mit dem doppelten Beinschleudertrick aufzustehen vermochte, seitdem alles, nach und nach, langsam, immer besser wurde, meine ich, dass ich damals, nicht nur der Polizei halber, meiner Kinder wegen, tat, was zu tun war.

Lache, wer lachen mag; denke, wer denken mag.

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