Vom Deutschler

Ich meine jetzt, ausnahmsweise, mal was ernst.

Nämlich, dass ich zum Glück – oder auch durch Geschick – kein Anwalt bin.

Das hieße nämlich, dass ich meine Zulassung verlieren könnte, weil ich etwas Vernünftiges gesagt habe.

Wenn ich mir nur vorstelle, was meine Kinder dazu meinten.

“Papa, hast du nicht schon genug Unfug angerichtet? Jetzt hast du uns mit deinem Geschwätz auch noch weiter runterruiniert!”

Was bliebe mir da noch zur sinnigen Erwiderung?

Deshalb ist es gut, dass ich nur Fürsprech bin. Sogar für mich selber.

Das kann mir bisher keiner aberkennen, jedenfalls kein Richter, allenfalls Psychiater, die ihrerseits ihre Zulassung verlieren können, wenn sie es dabei zu bunt treiben.

Sogar Heilpraktiker brauchen seit dem Dritten Reich eine Zulassung.

Nicht, dass ich deshalb kein Heilpraktiker wurde.

Ich wollte lediglich nicht so viel von Krankheiten wissen.

Mein schlichtes Gemüt sagte mir, dass mir das nicht unbedingt guttäte.

Also bin ich Deutschler geworden.

Der Deutschler zeichnet sich dadurch aus, dass er kaum noch von einem gehört und noch viel weniger verstanden wird.

Dadurch sieht bislang auch kaum einer eine Veranlassung, dessen nichtvorhandene Zulassung zu hinterfragen.

Ich darf sogar – seit vielen Jahren, immer wieder – behaupten, dass ich ein Philologe sei. Obschon, oder besser gerade, weil ich keine anständige Approbation dafür habe. Es kam noch nicht einmal eine Drohung, dass man mich bei der zuständigen Kammer verzeigen werde, damit ich wenigstens mal eine Rüge bekäme.

Manchmal merkt man erst später, wie vorausschauend klug man war.

Fast alle haben Zulassungen, die sie verlieren könnten, nur ich nicht.

Das macht zwar nicht fromm, aber doch – zumindest mitunter – frisch, fröhlich und frei.

Noch gibt es, deshalb schreibe ich dies, solange ich das noch darf, keine EU-Dichterverordnung.

Dann dürfte es auch mir an den Kragen gehen.

Ich kann mir nämlich kaum vorstellen, dass ich da die Zulassungsprüfung schaffe.

Nicht nur, dass ich in Sachen Frankfurter Schule zu schwach auf der Brust, ich fiele sogar durch die erweiterte obligatorische Freimaurerprüfung, machte im Mündlichen, als Patriot, garantiert jeden erdenklichen Fehler, setzte vorher schon im Fache Eurolehre alles rettungslos in den Sand.

Dabei gar nicht zu reden vom Fache Religion, wo ich nicht nur meinen Abrahamitennachweis nicht beibringen könnte, sondern auch darob gnadenlos durchfiele, dass ich das Knabenverstümmelungssonderrecht bei weitem nicht hinreichend zu begründen wüsste.

Also schreibe ich was geht, bevor mich die Dichterkammer vor Gericht bringen und ausschließen kann.

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