Für Kalle und Einen

Wie mir in meiner Antwort auf Leser Thomas zu “Hohlwort Gott” nächtens erst recht nochmal klarwurde, darf der Sprachwissenschaftler selbstverständlich, wie jeder, der seine Sache richtig machen will, auf keinem Gebiete nachlässig sein: am wenigsten aber auf jenem der Bedeutungslehre.

Phonetik, Metrik, Syntax, Grammatik, rhetorische Figuren, sonstnochwas, alles wichtig, unabdinglich, die Geheimnisse der Poesie, des stringenten Textaufbaus, Pausen, Interpunktion, angemessene Metaphern, Philosopheme, Hervorhebungen, was auch immer: Mit der Begrifflichkeit steht und fällt unser Tun.

Es spielt dabei keine Rolle, dass sich kaum einer für unsere Wissenschaft interessiert.

Denn uns obliegt dreierlei.

Erstens haben wir Dinge jetzt so zu sagen, wie das kein anderer tut.

Zweitens haben wir den Nachwuchs zu fordern und zu fördern.

Drittens haben wir die Sprache weiterzuentwickeln, ihr, bevor andere das überhaupt bewusst wahrgenommen, eine gedeihliche Zukunft zu schaffen.

Dazu kann auch der tun, der nicht zum Dichter geboren, der kein Schiller noch Kleist.

Er mag es nicht so schön hinbekommen, mit einem vergleichbar erhabenen Duktus wie jene, und doch Bedeutendes leisten.

Er mag sich damit bescheiden müssen, dass er deren Prominenz nie erlangt.

Das muss ihm aber, wenn er es ernst meint, einerlei sein.

Hier geht es um den schaffenden Sprachwissenschaftler, und nicht um den gelahrten Erbsenzähler.

Um den, der die Sprachhistorie entdeckt, bis morgens wachliegt, worthalber sinnend, der Welt bislang ohnkannte Zusammenhänge zu offenbaren.

Um den, dem jedes Wort ein liebgewonnenes Findelkind.

Um den, der stets versucht, neue Anschaulichkeiten zu zeigen.

Um den, der Verbindungen herstellt, Unfug bloßstellt, wie andere es vor ihm nicht getan.

Um den, der weiß, dass die Sprachwissenschaft die Grundlage jeder echten Philosophie.

Er muss darob, wie die Dichter, damit rechnen, sehr einsam zu sein.

Er muss diesen Preis zu zahlen bereit sein.

Denn keine Firma, noch nicht einmal ein Weltnetzfliegenfänger, wird ihn mit einiger Wahrscheinlichkeit dafür entlohnen. Denn Allzuviele werden ihn nicht verstehen, für bestenfalls etwas wunderlich halten.

Der echte Sprachwissenschaftler in diesem Sinne muss die Menschheit weit über das hinaus lieben, was sie schon begreifen will.

Von daher kann ich nur jedem begabten jungen Menschen, der bald erfolgreich sein will, empfehlen, Ingenieur oder Kaufmann zu werden.

Der eine entwickelt eine gute Maschine, der andere verkauft sie gut.

Politiker oder Pfaffe geht natürlich auch.

Aber wir haben unseren eigenen Reichtum.

Wir sehen Zusammenhänge zuerst.

Wir bauen an den geistig kommenden Welten.

Wir haben keine “Lobby”.

Schon das Wort ist uns zuwider.

Wir lassen keine Lakaien für uns in Vorsälen herumsitzen, mal ganz abgesehen davon, dass wir das Geld dafür nicht hätten.

Dass die sogenannten Naturwissenschaftler mit uns nicht sprechen mögen, daran haben wir uns schon längst gewöhnt.

Zwar rechnen sie oft erst Jahrhunderte nach uns nützlich aus, was wir ihnen vorgedacht, aber das haben sie bis heute nicht begriffen, wollen es meist auch nicht wahrhaben.

Darob dürfen wir ihnen nicht gram sein: sie sind so erzogen.

Dass der Gedanke vor der Rechnung steht, bringt ihnen auf der Schule eben bislang kaum einer bei. (An meinen Schulen wurde das von mir erzählt.)

Viele von ihnen haben sogar Angst vor uns. Manche von ihnen spüren das unterschwellig eben doch. Deshalb, Übersprungshandlung, verspotten sie uns dann gern.

Darin sind sie wie Kinder.

Wir müssen sie daher geduldig erziehen.

Woher sollten sie denn wissen, da ihnen fast überall das Gegenteil erzählt wird, dass sie mit uns auf Augenhöhe kommen können, wenn sie sich hinanstrecken?

Ich war selber, durch die heute noch übliche Mühle gedreht, mal einer, der Geisteswissenschaftler praktisch generell für nutzlose Schwätzer hielt.

Die meisten derer, zugegeben, taugen auch immer noch nicht sonderlich viel.

Später wurde mir aber klar, in welche Falle man mich da gelockt hatte.

Dann wurde ich Sprachwissenschaftler.

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2 Antworten zu “Für Kalle und Einen”

  1. Thomas sagt:

    Wie kommst du auf Kalle? Mein Fake in FB ist Kalle ;)

    So wird man also Sprachwissenschaftler… komisch. Dennoch freuts mich, kann ich dadurch einen Blog mit Stil genießen.

  2. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Thomas

    Das mit dem “Für Kalle und Einen” ergab sich als Spaß zu Nietzsches “Also sprach Zarathustra”, dem er den Vorspann “Ein Buch für Alle und Keinen” gab.

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