Vintage-Manager

Spätestens seit ich ein paar graue Haare habe, bin ich wohl auch ein bisschen Vintage.

Hätte ich meine alte Adidas-Trainingshose noch, die in den Achtzigern als Oberbekleidungsinbegriff des dekadenten, biersaufenden, bäuchichten, mit Sandalen und gelb angespecktem Unterhemd in der Sonne dösenden Schrebergartenvollspießers galt, so wäre sie jetzt auch Vintage.

Am liebsten von allem Vintage ist mir Vintage Port. Der ist zwar oft erst ein paar Jahre alt, aber leider nie billig.

Wer kauft mir meine Vintage-Sandalen ab?

Irgendeinen versessenen Vintage-Sandalensammler muss es doch geben.

Ich garantiere, dass sie aus ersten Füßen stinken.

Ich lebe sogar in einem Vintagehaus (Gründerzeit).

Ich schreibe Vintage.

Manche Fliege ist schon Vintage, wenn sie erst zwei Wochen auf dem Puckel hat.

Selbst mein Schreibtisch ist Sondervintage. Den klaute 1945 der französische Stadtkommandant meinem Opi. Meine beharrliche Omi ließ ihn dann später wieder raus.

Ob man in meinem Alter, nochmal auf Brautschau, wohl schon einer Dulcinea das Kompliment machen darf, sie sei wirklich gut erhalten Vintage?

Sicher aber bin ich vorhin ziemlich Vintage aufgestanden.

Ich habe lieber nichtmal in den Spiegel geguckt. Seit ich ganz allgemein etwas Vintage bin, also seit meinem neunten Lebensjahr, mache ich das eh selten, so dass mich es immerhin keine große Selbstüberwindung kostete.

Andererseits: Kann etwas, das ob seiner Existenz noch keiner besonderen Selbstüberwindung bedarf, wirklich schon Vintage sein?

Ich liebe Vintage-Wörter. Hundsfott, Fürsprech, Lugenbeutel undsoweiter. Manchmal streichele und poliere ich sie sorgsam, auf dass sie rechtweis Vintage schummrig glänzen möchten.

Ich mag auch die Vintage-Philosophen. Nicht alle, denn manche sind mir gar zu Vintage.

Wenn ich mir diesen Jesus angucke, wie er da an seinem holzwurmichten Kreuze hangt, denke ich mir oft, dass viele Leute an den auch nur deshalb noch glauben, weil er so vintagemäßig rüberkommt.

Computer sind als Vintagebringer eigentlich, außer Unterhosen, am besten. Die sind schon nach zwei Jahren Vintage. Weil es aber ein Überangebot davon gibt, weiß das keiner so recht zu schätzen.

Es gibt aber auch Sachen, die viel älter sind, und trotzdem nicht Vintage. Zum Beispiel die Novellen von Heinrich von Kleist. Die meisten Germanistikstudenten werden selber Vintage, noch ehe sie auch nur die Tragweite der Syntax einer derer begriffen.

Wir sehen also, dass selbst Vintage relativ ist.

Selbst Schrott ist erst etwas wert, wenn er anerkanntermaßen Vintage ist.

Darüber entscheiden die Mächtigen. Die Vintage-Manager.

Als Vintage-Manager ist man ein gemachter Mann. Man muss nicht einmal eine Krawatte tragen, um die Leute bis zur Besinnungslosigkeit und zum Bankerotte abzocken zu können.

Ob ich es mal noch bis zum Vintage-Manager bringe?

Wie man sieht, weiß ich doch schon eine ganze Menge vom Vintage-Prinzip. Um Vintage zu verkaufen, muss man nichtmal was von Marketing verstehen, denn Marketing ist nun wahrlich noch nicht Vintage.

Vielmehr setzt sich der gesetzte Vintage-Manager nur hin alswie ein Buddha, guckt auch mal vergleichsweise grimmig, weil das, heutzutage, vintagemäßig wirkt, und wartet also auf seine vintagegeile Kundschaft.

Herumsitzen und bescheid wissen, dazu Vintage-Port einlöffeln, Vintage-Roquefort und Vintage-Iberico-Schinken dabei: das ist nicht das schlechteste Leben.

Ich höre erst dann mit dem Älterwerden auf, wenn ich es bis zum Vintage-Manager gebracht habe.

— Anzeigen —


Tags:

Eine Antwort hinterlassen