Der Patient Englisch

Manchmal fange sogar ich an, Englisch zu reden, wenn ich mal wieder denke, dass es einen oder etwas nicht gibt.

Das ist nur konsequent, denn Englisch redet man eigentlich nur, um seiner Verwirrung ob der Dinge einen sprachlich kongenialen Ausdruck zu geben.

Die Syntax dieser Sprache ist ja normalerweise schon ein Grund zum Mitleiden; aber, nicht genug, wer noch den Wortschatz etwas genauer studiert, merkt unschwer, dass hier nicht selten der semantische Grenzwert deutlich überschritten wird.

Man kann jederzeit Sachen sagen, die man nicht gesagt hat und solche, die man nicht sagen wollte.

Beim Sprachspiele und nach vier Pints und drei Gin-Tonics macht das ja durchaus Spaß; insgesamt aber trägt sich hier ein eher bedenklicher, allzuvielen Kommunikanden in allzuvielen Situationen allzuschwerer Schuh.

Den ziehe ich mir, ja, ab und an mal an, wenn ich wert darauf lege, dass ich mich, egal wie verstanden oder nicht verstanden, als voll nicht verantwortlich bezeichnen kann.

Und das so, dass keiner eine Chance dagegen hat.

Wer will mir denn nachweisen, wenn ich es geschickt anfange, ob ich die zweite oder siebte Wortbedeutung angesetzt, nicht einfach das Homonym bemüht, in seiner vierten Bedeutung, Du Schlaumeier!?

Man kann auf Englisch natürlich auch vernünftige Sachen verfassen. Wenn man es wirklich will und sehr bewusst anfängt, kann man unzweideutige Sätze formulieren. Das ist zwar, sobald der Sachverhalt etwas komplexer wird, mit der, am Deutschen gemessen, erwähnten syntaktischen Behinderung verbunden, alswelche zu manchem Kunstgriffe zwingen mag, aber nicht gänzlich vereiteln kann, dass ein richtiger, in aller sinnigen Weise abgeglichener Gedanke doch auf einem gewissen holographischen Abbildungsniveau vom Kundigen dargelegt zu sein womöglich eine Zeigweise fände.

Einer der besten Witze in meinem privaten Schatzkästlein ist darum auch die einfache, so oft gestellte Frage: “Können Sie Englisch?”

Ich weiß nicht, wie oft ich mich je über fünf Silben so oft nicht beinahe zutode gelacht hätte, wie über jene.

Das Härteste ist dann, wenn einer einfach “Na klar!” sagt.

Rein körperlich habe ich die Reaktion inzwischen recht gut im Griff; die Lachkrämpfe habe ich mir mithilfe eines ausgezeichneten Gurus abtrainiert; die synaptischen Blitze indes, welche, je nach Frager und Befragtem, der speziellen Situation, meiner momentanen Idiosynkrasie, immer noch durch Hirnteile rasen mögen, allzumal, wenn hernach auch noch beide das sprechen, was sie jeweilig für Englisch halten, ja, diese neuronalen Durchstöße habe ich bisweilen noch nicht gänzlich unter Kontrolle.

Vereinfachen wir die Sache mal wieder auf einen anschaulichen Drilling.

1. Man kann genug Englisch, um Bier und Haschisch zu kaufen, im Hotel nicht von Kakerlaken vernichtet zu werden und auch nicht dem ersten Straßenräuber fahrlässig in die Hände zu fallen.

2. Man kann genug Englisch, um an einer Maschine funktionieren, marktüblich herumzuschakalen, einigermaßen gepflegt ein Dinner unter mittleren Flachköpfen hinter sich bringen zu können.

3. Man kann und erfindet genug Englisch, um Leuten Dinge zu erklären, die zuerst so anmuten, wie als ob sie auf Englisch gar nicht erklärbar sein könnten.

In der ersten Kategorie gibt es ein paar Milliarden Leute, in der zweiten einige Millionen, und in der dritten fast keinen.

Verbände man den Milliarden und einem Großteil der Millionen mal eine Weile das Maul, wer weiß, vielleicht würde es nach und nach besser.

Aber ein derartiges Menschheitsexperiment wäre zu unethisch, keine Frage.

Es bedürfte eines wirklich großen Dichters mit großem Mut zur erneuernden Sprachkunst.

Ein Schotte könnte es vielleicht schaffen.

Oder, am ehesten, ein Nordengländer.

Er wird ein revolutionärer Prosodiker und Syntaktiker sein müssen, der sich tiefster etymologischer Kenntnis bedient.

Drunter wird es nichts.

Zum Glück muss ich das nicht machen.

— Anzeigen —


Tags:

8 Antworten zu “Der Patient Englisch”

  1. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Dude

    Yeats’ Klagelied ist nicht schlecht.

    Das aber reicht bei weitem nicht.

  2. Dude sagt:

    Wieso nicht?

  3. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Dude

    Erstens jammert Yeats nur und zeigt keine Perspektive auf.

    Zweitens merkt man sofort, wie viele Zeilen er zwingen musste.

    Drittens, was sich nicht nur aus dem Zweiten, sondern auch aus seiner oft hölzern zu nennenden Wortwahl ergibt, findet er keinen Gesamtrhythmus von höherer Schwingungsart.

    Es ist zweifellos besser, als was die meisten abzuliefern vermögen.

    Ein bisschen klingt es aber wie ein Milton-Abklatsch auf dem Wege zum Crowley ohne dessen Humor.

    Das reicht niemals und nimmer nicht.

    Dekadent die Dekadenz bejammern.

    Und daran soll der Patient genesen.

    Yeats ist hiermit aber kein schlechtes Beispiel dafür, wie es sicher nicht geht.

    Es wird einer lyrischen Prosa bedürfen, und nicht einer prosaisch aufgezogenen Lyrik.

    Meine ich.

    Wer weiß, wie es gehen könnte.

    Am Schlusse kann es nur der zuerst wissen, der es ins Werk setzt.

  4. Dude sagt:

    Das nenn ich mal Tacheles! :-)

    Offenbar ist mein Englisch also doch noch viel zu lahm, selbst wenn ich es besser als viele beherrsche, und ich sollte mich besser voll und ganz der deutschen Hochsprache widmen… …sicher keine schlechte Idee.

    LG

  5. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Dude

    Weil ich grade gut drauf bin, versuche ich’s Dir noch analog zu verdeutlichen.

    “Da saß ich, ach

    Und stach mir in den Hach

    Vorbei kam denn Hesekiel

    Nicht repariert mein Vehikel

    Seiner noch mich nicht ergründt

    Fehlten gleich Fünfe der Pfünd

    Schwaben abschaben

    Das war all sein Graben!

    Ließ keinem Hesiod nicht Hosianna

    Geklaut er mir all mein Mannah

    So torft ich denn in karger Heid’

    Schlorft dort berst vor Leid

    Da er mir noch, unverhohlen!

    Jeder graden Silb’ gestohlen.

    Träf’ ich ihn nur

    Den krummen Hund

    Und wüsst was zu sagen

    Jawohl!

    Da ging es rund!”

  6. Dude sagt:

    Lieben Dank für die Mühe Dir,

    Doch war der Inhalt schon zuvor sattelfest im Geschirr,

    Zumal mein Englisch wirklich nicht das Rosigste ist,

    Und alsomit ich auch auf Sauce schiss.

    :-)

    Nö, echt jetzt, ich verstehe zwar fast alles, aber ich schaff’s wohl trotzdem nicht in die 3. Gruppe.

    Sorry aber auch.

    LG

  7. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Dude

    Wer verstanden, was ich gesagt, ist schon auf dem Wege in die dritte Gruppe.

Eine Antwort hinterlassen