Dem Nachwuchse XXII

Die folgende Erörterung ist zwangsläufig etwas vereinfacht, da es selbstverständlich Mischformen verschiedenster Art gibt, Einsprengsel der einen in eine andere usw.; sie beschreibt nur ein systemisches Grundgerüst.

Wir schauen also strukturell zunächst auf drei Arten Texte. (Textsorten sind etwas anderes: Essay, Roman, Kurzgeschichte…).

Erstens den Text, der von praktisch jedem so gut als möglich verstanden werden soll.

Zweitens jenen, der im wesentlichen von praktisch jedem verstanden werden soll, dem aber Elemente beigefügt, die voraussichtlich nur wenige oberbewusst in ihrer Bedeutung und Tragweite erfassen werden.

Drittens denjenigen, in dem gar kein Wert darauf gelegt wird, dass ihn zunächst auch nur einer halbwegs, außer vielleicht fetzenweis, oberbewusst verstehen werde.

Dass die erste Sorte Text deutlichen lexikalischen und syntaktischen Beschränkungen unterliegt, versteht sich von selbst. Die meisten wollen, sobald es etwas Mühe kostet und nicht gut bezahlt wird oder ihnen angezwungen, nicht viel lernen, denken, gar noch nachschlagen. Daher sind die Sätze einfach strukturiert, der Wortschatz ist an jenem eines Realschülers der achten Klasse auszurichten.

Die zweite Sorte Text übt den Spagat. Einerseits wird jener halbwüchsige Mittelschüler noch mitgenommen, inhaltlich wie vom Stile her, andererseits stößt er auf Passagen, die ihm wider willen, wenn er will, noch zu denken geben. Ihm ein Abenteuer bieten. Die er überliest, oder die er, nach und nach, gleich harten Nüssen eben doch knackt.

Die dritte Sorte Text – normalerweise naheliegenderweise die seltenste – nimmt nur noch wenig bis gar keine Rücksicht mehr auf Bildung und Denkfähigkeit des Lesers. Sie bezieht aber, wenn richtig angesetzt, gerade daraus ihre besondere Kraft. Denn sie wird Leute, die meinen, gemeinhin alles zu verstehen, an ihrem Ehrgeize packen und zu gesteigerter Denkleistung anregen, wenn nicht verführen.

In der ersten Sorte ist selbst die Prosodie verhältnismäßig unkompliziert. Schon etwas schwierigere Rhythmen sind dem Achtklässler zu viel. Wer da nicht aufpasst, liegt, trotz kurzer Sätze und einfachen verwendeten Wortschatzes sehr schnell daneben. Umgekehrt aber kann die dritte Sorte von einer sehr einfachen, sich leicht einschwingenden Gesamt- und Einzelrhythmik sein, kann, ebenfalls lexikalisch völlig unproblematisch, allein durch die Art ihrer gesetzten Assoziationsschleifen zur angestrebten Herausforderung werden.

Mit die höchste Kunst besteht nun selbstverständlich darin, die drei Grundsorten in einer Weise zu vermischen, dass das Ganze ein harmonisches, in sich stimmiges Gefüge wird und jeder halt zunächst gerade das versteht (oder verstanden zu haben meint), was erstmal das Seine.

Damit ist dann, um im Bilde zu bleiben, der Achtklässler zu locken, und der Professor für Sprachwissenschaft wundert sich doch und setzt seinen Zwicker dreimal auf.

Es ist klar, dass man zu Themen, die man eigentlich gar nicht berühren sollte, häufiger zur dritten Sorte wird greifen müssen. Denn nur diese (oder Elemente dieser in die zweite gestreut) ermöglicht es, Dinge von Gewicht zu sagen, ohne dass man sie nachweislich gesagt hätte. Typischerweise mündet dies in die Textsorten Satire oder Gedicht oder Parabel, aber nicht unbedingt.

Noch zur zweiten Sorte Text. Diese ist in wissenschaftlichem Zusammenhange (abgesehen von der Lexikalität) in aller Regel verpönt, also meist auch zu meiden. Mitunter aber erst recht einzusetzen, zumal dann, wenn eine Betonkopffraktion ans Ende ihrer herrschaftlichen Tage niederzunerven ist.

Gerade hier nämlich mag eine Kombination von klarsten, unzweideutig aneinandergereihten Thesen und Schlussfolgerungen, sodann garniert mit Merkwürdigstem, durch die Spange des richtigen Gedankens zusammengehalten, die beste Wirkung erzielen.

Gerade Akademiker (und sonstige Leute, die sich für gebildet halten) bedürfen solcher Ansprache nicht selten, um ganz gegen ihre eigentliche Intention dahin zu denken, wo ihnen sonsten der Tabuteufel sitzt.

Der Mittelschüler hinwiederum mag, im Idealfalle, eine ihm vordem ohnkannte Freude an seiner Muttersprache entdecken, Höhen zu ersteigen angeregt, meist ohne dass er dies zunächst merkt (das ist der Trick dabei!), im besten Sinne angesteckt werden.

Dieser Text hier ist offenkundig einer der ersten Sorte.

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Eine Antwort zu “Dem Nachwuchse XXII”

  1. Dude sagt:

    Dem Nachwuchse XXIIb ;-)

    “Mein Kind, es sind allhier die Dinge,
    gleichviel, ob große, ob geringe,
    im Wesentlichen so verpackt,
    dass man sie nicht wie Nüsse knackt.

    Wie wolltest du dich überwinden,
    kurzweg die Menschen zu ergründen?
    Du kennst sie nur von außenwärts,
    du siehst die Weste, nicht das Herz.”
    _______________________________

    “Zwei mal zwei gleich vier ist Wahrheit.
    Schade, daß sie leicht und leer ist,
    Denn ich wollte lieber Klarheit
    Über das, was voll und schwer ist.

    Emsig sucht ich aufzufinden,
    Was im tiefsten Grunde wurzelt,
    Lief umher nach allen Winden
    Und bin oft dabei gepurzelt.

    Endlich baut ich eine Hütte.
    Still nun zwichen ihren Wänden
    Sitz ich in der Welten Mitte,
    Unbekümmert um die Enden.”

    (Wilhelm Busch)

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