Text am Hals

In einigen zwanzig Metern Entfernung gewahre ich das lummeligste Einmannzelt, das ich je gesehen, worein sich heute Nacht wieder drei Göllersche Recken zwängen werden, um jeden Zentimeter, Decke und Raumes, einsardint zu kämpfen.

Etwas dahinter sind eben drei Sächsinnen mit drei Autos, drei herrschaftlichen Aufschlagwohnstätten und drei sicherlich wohlgeratenen und guterzogenen kleinen Kindern angerückt: eine große, moderne Flickwerkfamilie?

Derweil überbieten sich, indem dorten der Einweggrill sorgsam bestückt, die Meinen wechselseitig im dem anderen Wegfressen von Brot und Salami, den jeweiligen Entrüstungsstürmen ob der brüderlichen Rücksichtslosigkeit, durchstreifen den Hag am Bautzener Stausee, dieweil der Alt’ unterm Dächle am Reiserechnerle sitzt, trutzig, trotz kühler Brise in der kurzen Hos’, darüber sinnend, ob er den bösen Text von vorhin, der zwar zwingend, aber doch vielleicht allzuwenig verträglich nachwies, dass Philosophie nicht dem vollen Bauche entspringen müsse, dass ein gewisser Gott zu seinem Bruder, oder Alter Ego, nämlich dem Teufel, geschickt gehörte.

Der Text ist gut, und es ist ein Jammer, so etwas aus Vernunftsgründen zurückzuhalten. Da ich aber bezüglich der Zartbesaitetheit abrahamitisch Gläubiger inzwischen einige Erfahrung besitze, weiß, wie wenig sie es zu ertragen vermögen, wenn man ihren Gott als das bezeichnet, was er ist, wird er wohl erstmal ins Schatzkästlein gelegt, daselbst zu schlummern, bis dass er eines Tages die Zeit breche.

Immer wenn ich zu dem Schlusse komme, dass ein guter Text (die wenigsten außer mir werden ihn dafür halten) jetzo oder baldo eher nicht zu veröffentlichen sei, werde ich ein bisschen melancholisch. Das ist wie als ob man seinem Kinde das Spielen auf der Gasse verböte, weil sich dort gerade gar zu viel Gesindel herumtreibt.

Andererseits können derlei Elaborate zu Bornen der Kraft werden; stets rütteln sie an den geschmiedeten Bändern ihres Gefängnisses, unüberhörbar fordern sie ihrer Freiheit, unermüdlich, lassen sich weder über Beschwichtigungen noch Mitleidsbezeugungen zur Ruhe zu bringen.

Das ist etwas ganz anderes, als wie wenn man einen Text nur in die Ausnüchterungszelle verbringen muss, da man beim letzten Kerzenlicht noch rechtzeitig gemerkt, dass er, um füglich zu seinem Recht zu kommen, werde doch noch einmal den Tag sehen müssen, solcherart erholt und gestärkt seiner Worte geordnet in die Welt zu werfen.

Jene anderen aber, die so gar nicht lieb zu sein sich entschieden, noch bevor die Nacht herein: Diese Kleinode grummeln und sticheln und meckern und motzen und grimmschachern, dass man bis zu der Versuchung gelangen mag, sie zu tilgen, wissend indes, dass dies gar nicht gehen werde, da allzuviel von ihnen nimmermehr aus dem Hirnkastl zu bringen, übergibt man dieses nicht gleich dazu einem unwiderruflichen Ende.

Da ist dann guter Rat unbezahlbar; die einfachste Lösung, die da hieße, ein noch masseninkompatibleres Traktat zu verfassen, und zwar zu demselben Thema, da der Befreieungsschlag sonst nicht von nachhaltiger Wirkung, ist schlecht gangbar, und es rumpelt und pumpelt die Truhe mit dem eingesperrten Text.

Man hätte nicht einmal als Mörder oder Henker eine echte Chance. Er lässt sich nicht erschießen, erschlagen, guillotinieren, erhängen, noch nicht einmal ersäufen. Er ist und bleibt da und rüttelt und rappelt.

Und dabei kann man ihm noch nicht einmal böse sein. Schließlich freute man sich ja seiner, merkte lediglich, oder vermutete dies auch nur mit hinreichendem Gewicht, dass er den Verdauungsapparat von gar zu vielen überfordern möchte, der Unbilden übers Maß evozieren.

O Selbstmitleiden! O Textmitleiden! O Pein! O Wortes Jammertal!

O wenn es doch nur ein Text wäre, den man von wegen Beleidigung von Döns recht wahrscheinlich nicht zu veröffentlichen eine Ausrede hätte, weil er allzu meinungsfrei wäre, juristische Konsequenzen dräuten: Aber nein! – man hat nur den Mut nicht, ihn den Leuten zuzumuten!

Also nackte, harte, gnadenlose Selbstzensur. Wegknicken vor der Masse. Dem Gesindel, den Eckenstehern. Unerträglich.

Ich werde ihn also doch veröffentlichen müssen. Jetzt gleich. Sonst ereilt mich im Urlaube noch eine Hirnkolik.

So viel Selbstschutz muss sein.

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