Die Drachentalerin

Wir bedürfen wieder des “fabulierenden Erzählens”.

Der auch mal ausladenden Anschaulichkeit, Weiterführung des Bildes im Kopfe.

Gerade für unsere Kinder, aber nicht nur.

Durchaus auch einer gewissen Geschwätzigkeit der Art, die doch immer ihren Faden hält, alle Nebengeschichten zum Ganzen zu fügen weiß.

Kann nur ein altes, doch noch rüstiges Weiblein, die Apfelschnitz in der Schüssel im Schoß, Schälmesserchen in der knotigen Rechten, über ihrer blauweißen Schürze, das leicht schüttere Haar zurück im Reif, auf der Holzbank am rohen Tische, den nur ein irdener Krug Wassers ziert, Schnitz für Schnitz, dem fröhlichen Klaus und seiner frechen Kusine, jene süßmosts, des Bauernbrotes dabei nicht schonend, eine um die andere merkwürdige Begebenheit erzählen, davon, wie es war, als Drachen und Drachentöter und wundersamste Ungeheuer noch auf dieser Welt von wirklichen Helden besiegt wurden, und nicht etwa nur in Gedanken vor irgendwelchen Bildschirmen, wo, wie Oma ja längst mitgekriegt hat, noch der lummeligste Held immerzu wieder ein neues sinnloses Leben bekommt, währenddessen in den Zeiten der echten Helden mit echten von echten Meisterschmeiden geschmiedeten Schwertern nur die hehrsten der hehren Recken durch eine besondere Fügung – und seltenst! – nochmal entrannen, hatten sie der Übung, Kraft, Geschicklichkeit, Wachsamkeit, Vorsicht, Schnelligkeit und Listen nicht mitgebracht, alswelcherhülfs ein Drache, der schon Piemont, die halbe Lombardei, selbst Teile Venetiens verwüstet hatte, im besten Falle vielleicht zu besiegen, oder dass der Held, schwerverletzt, dem Wurme, diesen hoffentlich todsiechmachend getroffen, noch einmal davonkommt, seine Wunden heilen, er zurückkehrt, den ungenauen Stich überdacht habend, ihn dann richtig zu führen womöglich zum letzten Male, dabei mitsamt dem Wurme am staubigen Ausgange dessen Höhle an einem heißen Augustnachmittage in seinem Blute darniedersinkend… – ? – .

“Was guckt ihr so? Was glaubt ihr wohl, warum es keine Drachen mehr gibt?”

“Nö, Oma, aber du wirst es uns sicherlich gleich sagen.”

“Ganz einfach, weil es damals noch echte Helden gegeben hat, die die echten Drachen weggehauen haben. Damit ihr jetzt Drachenweghauen an euren Knieflingern spielen könnt, ohne dass euch so wie damals Übelstes dabei geschehen kann. Wären die echten Drachen noch da, eure Knieflinger wären wertlos. Die hätten Euch alle Knieflingerstallungen und -zeughäuser zertrampelt und zerbrochen und brandabgeblasen, dass euch das zwar nicht gefallen hätte: aber, was tun, wenn keiner mit dem Schwert umgehen kann?

Wolltet ihr die Würmer etwa mit euren Knieflingern tödlich bewerfen?

Und, wer weiß, ob da nicht noch ein Wurm übrig ist, ein ganz schrecklicher Wurm. Manche sagen, er hause in einer Höhle im oberen Aosta-Tal, andere wollen Schneespuren gesehen haben, in der Nähe des Gotthards, die darauf hinweisen, dass er den Alpenhauptkamm gen Norden gequert haben könnte.

Aber ja, ach, man lehrt euch ja nur noch so wenig vom Wesen des Wurms.

Habt ihr euch mal überlegt, wozu es Drachen gibt?”

“Na dann sag doch mal!”

“Na für wen denn wohl?”

“Für uns?”

“Ja, für euch auch. Aber für wen vor allem noch?”

“Sag es, Oma, sag es!”

“Na für die Helden natürlich! Was ist ein Held ohne Drache? Wollt ihr etwa auf Helden verzichten? Meint ihr nicht, dass wir denen lieber ein paar Drachen lassen sollten, damit sie, wenn es ganz übel wird, auch andere Böse wegsiegen? Aber, egal, seht ihr, dass alle diese Knieflingerspiele nur nachahmen, was viel älter ist?  Was taugen eure Drachen gegen echte (da schneidet sich die Oma leicht in den linken Daumen, aber nur peripher)?”

“Oma, gibt es noch Helden?”

“Kinder, jetzt ist die Schüssel gericht’, Helden gibt’s immer zuwenig, vor allem solche, die brav ins Bett finden, wenn anderntags Heldentaten zu verrichten sind.”

(Es zog sich dann noch ein wenig, aber die Kinder waren irgendwann im Bett.)

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