Mantik: Beim Tode fängt der Ernst an

Aus der Kritik der Welt (“Maischberger greift in der Krise zum Esoterik-Quatsch”) zu Maischbergers Schwatzschau des Mottos “Horoskope, Handlesen, Tarot: Unsinn der hilft?” will ich nur ein bemerkenswertes Zitat herausziehen, immerhin den deutschen Physiker und Astronauten Professor Dr. Ulrich Walter betreffend, das aber, vor allem, eine Frage aufwirft, die, obzwar so naheliegend, dort anscheinend gar nicht gestellt wurde:

“Maischberger stellte Walter vor als “jemand, der den Sternen nah war” und fragte: “Sind Sie gläubiger zurückgekommen?” – “Nein, aber ich dachte mehr über die Dinge nach”, so der Physiker. Zurück auf der Erde, hat er sich die Hand lesen lassen. In der Talkshow-Ankündigung hieß es: “Ihm wurde prophezeit, wie er sterben würde.” Das “Wie” versäumte Maischberger allerdings nachzuhaken.”

Nun, die Kritikerin Carola Stern kreidet also Frau Maischberger das Versäumnis an, nach dem “Wie” des prophezeiten Sterbens nicht gefragt zu haben, da der arme Mann das anscheinend glaubt, was doch eher – zumindest scheinbar – von einem gewissen Taktgefühl zeugt.

Denn Frau Stern hat soherum recht, als dass Maischberger, die, wenn sie ein Mindestmaß an Professionalität mitbringt, bei einer derartigen Ankündigung höchstwahrscheinlich mitentscheidet, zuerst den Reißer wollte, ihn dann aber nicht angehen.

Es wurde wohl auch nicht thematisiert, ob denn ein Mensch, der so etwas glaubt, noch ganz bei Sinnen sein könne. Welch potentielle selbsterfüllende Prophezeihung der negativsten Art, mit dem Tode spielend, von diesem Handleser in die Welt gesetzt worden sei. Ob denn nicht jeder in einer entsprechenden Profession, der so etwas macht, als ein unverantwortlicher, entweder absolut skrupelloser oder völlig unfähiger Scharlatan selbstgezeichnet erkannt werden müsse?

Stellen Sie sich mal vor, Sie glauben fest an das, was Ihnen Ihr Weissager sagt.

Nun hat er Ihnen gesagt, dass Sie einst ersaufen werden. Mit dem Badespaß werden Sie es ab da nicht mehr so sehr haben, vermutlich, Ihr ganzes emotionales Verhältnis zum Element Wasser wird sich verändern. Wenn Sie Kinder haben, werden Sie denen womöglich auch noch eine Wasserangst übertragen, so dass die dann vielleicht erst recht irgendwann panisch ersaufen, anstatt ruhig an Land zu schwimmen.

Oder er hat Ihnen gesagt, dass es ein Autounfall sein wird. Sie werden kein Mobil mehr so routiniert und entspannt und souverän steuern, wie die letzten 20 Jahre. Sie werden nicht einmal mehr gerne in eines reinsitzen wollen. Irgendwann wird man Sie dafür noch auslachen. Sie, wenn Sie zugeben, woher das rührt, für ziemlich meschugge halten.

Oder er hat Ihnen gesagt, dass es ein Herzkasper sein wird. Sie werden jetzt total fickrig, aus Sorge um Ihr armes Herz, kaufen sich ein Blutdruckmeßgerät, rennen zum Kardiologen, wann immer der grade nicht schläft, essen all das nicht mehr, was Ihnen besonders schmeckt, vermeiden körperliche Höchstanstrengung, machen aber täglich Ihre Übungen, Sie kneipen, aber nicht mehr im Wirtshaus, schon gar nicht einem, wo auch noch geraucht wird, sondern wadlhoch im kalten Wasser, kurzum: Ihr Leben wird zu einem einzigen Herzkaspervermeidungssyndrom. Dass er Sie dann schließlich erreichen wird, ist ja schon, als häufigste Todesursache, allgemeinstatistisch recht wahrscheinlich, in Ihrem Falle dann indes, ersaufen Sie vorher nicht doch oder fahren gegen einen Baum, sicherlich noch viel wahrscheinlicher.

Nun ist es in der Branche allerdings nicht üblich, den Leuten Allerweltsprophezeiungen zu machen. Schon gar nicht, wenn es um Leben und Tod geht. Das wäre schlecht fürs Geschäft. Denn die Leute wären enttäuscht, wenn sie nicht ganz besonders dramatisch wichtig wären, wenigstens ein bisschen außergewöhnlich. Wer will schon einen stinknormalen Herzkasper vorausgesagt bekommen, wo ihn das Alleins, Gott, die Schöpfung besonders pittoresk und persönlich abzuholen bereit stehen könnten, er wenigstens noch eine Moorleiche werden könnte, elf Kinder gerettet, vor dem Versinken, aus der die Wissenschaft in 5000 Jahren entscheidende Erkenntnisse ziehen werde?

Bei jenen, die die Sache andersrum betreiben, nämlich Leute in vermeintliche frühere Leben, Inkarnationen, “zurückführen”, läuft es ganz entsprechend. Wenn man alle achtzig Millionen Deutsche zurückführte, hätte man etwa 8000 reinkarnierte Napoleons (oder mehr), 30 000 Hildegards von Bingen, 50 000 Mozarts, einige Millionen an Liebeskummer oder im Kindbett oder von der Hand ihres Buhlen gestorbene Gräfinnen und Herzoginnen, jede Menge Sissis, 300 000 geopferte Wanderhuren adliger Abkunft, ein paar Millionen Humboldts, Bismarcks und Houdinis, dazu Teslas und Schrödingers, was weiß ich, wahrscheinlich sogar einige handvoll Hitlers.

Wer will schon ein Wagner gewesen sein, der bei einer Reparatur den Bremsklotz unachtsam setzte, fahrlässig die Pferde nicht ausgespannt habend?

Oder ein Pfaffe, der sternhagelvoll in die Jauchegrube fiel?

Oder ein Kohlenschlepp, den seine Staublunge holte?

Oder ein an Syphilis verendeter Dorfhurenbock?

An Typhus, der Ruhr, wie tausende neben ihm, an der Schwindsucht, einfach am Alter gestorben, massenweise miterfroren, verhungert, also irgendeines nicht besonders außergewöhnlichen Todes, zumal Lebens?

Nun mag dies Fummeln in vermeintlichen Vergangenheiten schon reichlich verwerflich sein, da es ebenfalls sehr bedenkliche Nebenwirkungen mit sich bringen kann.

Todesweissagungen jeglicher Art jedoch sind inakzeptable Angriffe auf die menschliche Psyche.

Da ist es fast egal, ob der Weissagende felsenfest glaubt, was er erzählt, oder auch nicht.

Denn er müsste wenigstens wissen, dass er nicht unfehlbar ist.

Weshalb er so etwas nie ernstlich aussprechen darf.

(Bei mir wäre es allerdings egal, da ich ihm sowieso nicht glaubte.)

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