Dem Nachwuchse XVI

Mit der Metamorphose der Erweiterung der Wahrnehmungs- und Assoziationsfährigkeit, gerade auch im Sinne der nicht direkt kausal verknüpften Entsprechungen, wächst auch die spontane Empfindlichkeit, ja Reizbarkeit, sehr leicht übers Maß.

Man darf gerade jetzt in schwierigen Lagen nicht vergessen, dass die Dummheit unergründlich klug ist.

Sie hat es gar nicht nötig, nichtlineare, analoge Verknüpfungen von Geschehnissen und Sachverhalten anzuerkennen. Sie ignoriert sie einfach, weiß aber sehr wohl, wie derlei vor der Masse lächerlich zu machen, in Abrede zu stellen ist. Das hat sie gelernt.

Man darf also mitunter noch nicht einmal im Vieraugengespräch also höflich wie deutlich sagen, was eigentlich zu sagen wäre, wenigstens als Meinung zulässig sein müsste.

Dreht sich die schwierige Lage nun gar um die eigenen Kinder, die der Gegenseite in erheblichem Maße ausgeliefert sind, und jene weiß das zu nutzen, genau dahingehend, man schade doch gerade selbst ihnen, indem man noch herumhändele, zumal die Würfel schon gefallen seien, wie das halt mal im Leben manchmal so sei (indem der Erklärende am gezinkten Würfelfallen durchaus bewusst beteiligt war), so darf man, davon muss man ungetrost ausgehen, sich einer Phalanx an schwer herauszubrechenden sich gegenseitig Deckenden gegenüberstehen sehen: zumal, wenn alles Gebaren der beteiligten Protagonisten schon vorher fast nur diesen Eindruck zu machen vermochte.

An dieser Stelle gibt es, wiederum vergröbert (eben nämlich auch Mischformen, zeitliche Versetztheit, Abstufungen), drei oder meinetwegen auch vier grundsätzliche Möglichkeiten.

Erstens, man gibt die Sache ganz auf.

Zweitens, man gibt die Sache vorläufig auf (Hintergedanken bleiben).

Drittens, man versucht einen Parforceritt.

Viertens, man geht nach und nach, Schritt für Schritt, auch nach dem Prinzip von Versuch und Irrtum, beharrlich, ausdauernd, intuitiv, kreativ, Widrigkeiten unerhörte Ideen entgegensetzend, auf Gelegenheiten wartend, Chamaeleon wie Springspinne wie Amurtiger wie Flughund wie scheinbar mönchisch absent, so gut als möglich gezielt und folgerichtig vor.

Handelt es sich nun um eine Sache von einer Tragweite, die nicht “nur” den eigenen Nachwuchs betrifft, sondern viele betrifft, von denen Du, lieber Nachwuchs, aber wahrscheinlich der einzige bist, der es in seinem Aufbegehren zu einem Erfolge für alle bringen könnte, und wird dies erkannt, und das wird schnell erkannt, so wird man, was sonst, nach jeder Deiner tatsächlichen oder vermeintlichen oder wenigstens behauptbaren Schwächen suchen.

Bedenkt allein, dass Ihr anders denkt. So etwas fällt, verlässt man nicht ein soziales, kommunikatives übliches Umfeld ganz, was dann ja auch wieder auffällt, nicht über lange immer auf. (Ihr könnt natürlich in James-Bond-Manier versuchen, für das Tavistock Institute jemand anderer zu sein, als Ihr seid.)

Dann bedarf es einer klugen Strategie.

Einer von Euch also steht, allein, wenigstens zunächst, gegen einen großen Apparat mit praktisch unerschöpflichen Mitteln. Der psychologische Druck ist enorm. Sie können zehn Fehler machen, und Du bist noch keinen halben Schritt weiter. Du hingegen machst einen Fehler, und die Sache ist so gut wie verloren. Du hast nicht das Geld, einem jener guten Anwälte der Republik 300 Euro die Stunde dafür bezahlen zu können, dass er Deine Texte gegenliest und, vielleicht mit ein oder zwei juristischen Präzisierungen versehen, mit seinem Namen zeichnet, das Hin und Her abwickelt, so spielt, wie Du das willst, ohne Hinterzimmer, der sich gar seine Prozessvollmacht im Sinne des wenn je möglichen Gegenlesens und der Freigabe durch den Mandanten auf ein Anständiges bringen lässt, schließlich, sollte es vor Gericht gehen müssen, für Dich arbeitet, und nicht für seinen Ruf bei der Kammer, wider den möglichen Spott am Juristenstammtisch, einfach nur für viele Stunden, viel Geld, am besten noch einen weiteren Prozess. Oder aber für einen sehr schäbigen Vergleich.

Doch selbst wenn die Kanzlei bzw. der betreuende Anwalt anständig, erfahren und tüchtig, wird schon ein kürzerer Schriftsatz, wenn Ihr den nicht selber verfassen könnt, leicht tausend Euronen kosten. Und es mag wohl sein, dass Ihr einige kürzere und ein paar längere davon braucht.

Um Euch aber wieder etwas Mut ins Spiel zu bringen, darf ich Euch aus Erfahrung sagen, dass Anwälte der Gegenseite (auch Leute, die im strengen Sinne keine Anwälte sind), wenn sie wissen, dass es eng werden könnte, des anderen Seite, allein schon um auszuhorchen, wer er sei und wieviele bzw. welche Pfeile er im Köcher führt, lieber mal anhören werden, zumal die echten Anwälte, wenn sie es mündlich mit einer bestimmten, beredten, dabei der eigentlichen Gegenseite zu tun bekommen, sehr schnell ziemlich nervös werden können. (Sie sind das, wenn man ihnen sprachlich locker standhalten kann, einfach nicht gewohnt. Stress bricht leicht aus.)

Typisch ist danach, dass sie, wenn man selber noch gar keinen Anwalt bevollmächtigt hat, einem sehr dringend dazu raten.

Und, hat man doch schon einen, dass sie ihn fast sofort danach anrufen, um ihm zu erzählen, was für eine schräge, freche Type sie sich als Kanzlei da wohl aufgehalst hätten, einen, der von vornherein nicht im Sinne des gemeinsamen Standes guttäte und so leicht wohl auch nicht guttun werde.

Wenn es jetzt schon wieder schlecht läuft, erzählt einem der eigene Anwalt nichts von dem Gespräch.

Dann muss die Menschenkenntnis dafür hinreichen, dass man das merkt oder ahnt, jedenfalls einkalkuliert.

Es kann auch vorkommen, das ist dann ein Glück, dass die eine Kanzlei der anderen schon lange mal für alle sichtbar eine reinbrezeln wollte; das ist aber äußerst selten, und außerdem noch viel seltener, vielmehr formal unmöglich, wenn hier Staatsjuristen den Antragsgegner vertreten.

Bleibt noch die Möglichkeit, eine Kanzlei zur Vertretung pro bono zu bewegen, indem diese erkennt, dass sie tatsächlich einmal ohne Honorarforderung etwas fürs Gute tun kann, was nicht schlecht käme.

Eine sehr schmale Chance.

Also, lieber Nachwuchs: Selber verbal angreifen ist in so einem Falle zuvörderst Pflicht.

Mitleiden nämlich, wird es für Euch kaum richten.

Zwingt sie zu Stellungnahmen.

Lest diese sorgfältig.

Wenn Ihr recht habt, werden sie irgendwo dingfest zu machen fehlerhaft sein. Oder so schwammig, dass dieser Fehler kenntlich gemacht werden kann.

DAS wird so gut wie kein Anwalt, egal wie willig, für Euch leisten (wollen oder können).

Vergesst nie, dass man sich unter Anwälten normalerweise nicht so philologisch ans Bein pisst, wie das unter anständigen Philologen völlig normal ist.

Genau Ihr müsst deren Kodex aber nicht einhalten: Ihr habt ihn ja auch nie lernen müssen.

Und keiner kann Euch, wenn Ihr unwiderlegbar logisch genau und sauber arbeitet, deshalb am Zeuge flicken.

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