Philosophie: Crowleys Kognak

Wahrscheinlich gefällt mir die Philosophie auch deshalb besser als die Religion, weil sie üblicherweise den höheren Ehrenkodex hat.

Denn wer als Philosoph wider die Vertreter einer anderen Schule auch nur zu so etwas Ähnlichem wie einem Heiligen Kriege aufruft, disqualifiziert sich damit schon, bevor die Nacht hereinzubrechen sich verwagt.

So etwas macht man als Philosoph einfach nicht: Denn man liebt ja die Weisheit als sein Schwert.

Geistige Auseinandersetzung, das Ringen um genauere Gedanken entscheidlich den Handgreiflichkeiten des Pöbels anheimstellen: das wollen wir nicht.

Es mag uns ja kaum einer verstehen: Dann fördern wir es aber erst recht nicht, dass ausgerechnet die Dümmsten sich dazu berufen sehen, zu unserem selbsternannten Gesinde zu werden.

Ja, da sagte der Nazarener was, leider wieder nur halb: Unser Reich ist nicht NUR von dieser Welt!

Denn wir reden oft mehr mit Toten, als mit den Lebichten.

Ganz einfach deshalb, weil Erstere uns nicht selten mehr zu sagen haben, als Letztere.

Sowohl für und über diese Welt wie für und über andere Welten.

Indem wir uns selbst retten, retten wir wenigstens einen Teil der Menschheit. Ohne Witz.

Wobei uns daran, uns selbst zu retten, vom Grunde her fast am wenigsten liegt.

Es ist uns eher Pflicht als Kür: Um unsere sonstige Lage, unser materielles Fortkommen, kümmern wir uns ja so wenig als nur möglich.

Ja, wenn man uns einen guten Wein einschenkt, werden wir ein klein wenig bestechlich. Da trübt dann auch das Deichlamm die Stimmung nicht zwangsläufig. Sind aber allzu schräge Gesichter dabei, so mag uns der eine wie das andere recht schnelle nicht mehr schmecken.

In botanischer Klassifikation gehören wir nämlich zur Art der Mimosae Breckelhartae, in zoologischer zu den Rhinozerossen Cerebrorum, humanoid gesehen zu der lange schon verfolgten Rasse der Selberdenker verbliebenem Nachwuchse.

Aleister Crowley selig muss weiland wohl ziemlich ausgedürstet gewesen sein, da er erklärte, sich praktisch von jedem abfüllen lassen zu wollen, der ihm zu diesem Behufe hinreichend Courvoisiers beibrächte, der älter als 25 Jahre. (Der Brand, das Alter des Kognakdieners dürfte bezüglich dieser Erwägung keine Rolle gespielt haben.)

Jetzt habe ich natürlich gleich das netteste und gemeinverträglichste namentliche Beispiel für einen Philosophen gebracht. Egal. Wenn ich mir so manchen heutigen Haufen ansehe, so hatte der wenigstens Witz.

Und das, obwohl er ein bekennender Engländer war. (Derangierte Sachsen geraten auf eine feuchte Insel, machen ihre Sprache zur Hochsprache, ein paar latiniserte, daueralkoholisierte Wikinger schneien dazu, und daraus wird dann der Engländer, wie wir ihn heute kennen.)

Eigentlich wollte ich ja gar keine ernstgemeinten Witze machen.

Drum lasse ich es jetzt auch.

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11 Antworten zu “Philosophie: Crowleys Kognak”

  1. Dude sagt:

    Crowley war doch kein Philosoph (oder höchstens zum gezielt aufgebauten Scheine)!

    Crowley war extremistischer, religiöser Prediger; ein Satanist wie er im Buche steht, und sogar auch noch offen dazu stehend…

    Auch wenn er Pike nicht ganz das Wasser reichen konnte. ;-)

    Daher wundert mich seine Käuflichkeit auch nicht im geringsten…

    Ps. Anonsten ein schöner Artikel, aber vergiss die gleichzeitige und beidseitige Mentor/Protegé-Wechselwirkung nicht…

  2. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Dude

    Crowley war zweifellos im doppelten und dreifachen Sinne nicht ganz sauber, aber auch nicht nur das.

    Ich würde Teile seiner Werke bezüglich der Philosophie des 20. Jahrhunderts zur Pflichtlektüre machen.

    Das ist die Kost, die der Nachwuchs erstmal verdauen lernen sollte.

    Ich weiß, dass Crowley aus einigen recht triftigen Gründen heraus ziemlich verpönt ist, halte es aber für verkehrt, dass sein Witz und einige seiner Lebensweisheiten damit ungebührlich verschütt gehen.

    Immerhin war z.B. seine Definition von Magie als der Kraft oder Macht, im Einklang mit dem Willen Veränderungen zu bewirken, eine sehr weitgefasste.

    Wenn er sich über Blödmänner lustig macht, wird es mitunter grandios.

    “Little Essays Toward Truth” ist ein ganz erstaunliches kleines Büchlein.

    Die merkwürdige, dunkle Poesie seiner Class-A-Texte (also jener, die er für herunterkanalt hielt) ist noch bei weitem nicht hinreichend gewürdigt und erforscht, meiner Ansicht nach vor allem auf der prosodischen wie gesamtklanglichen Ebene.

    Es reicht einfach nicht, diesen Wunderling als eine abgedrehte schwarzmagische Arschgeige zu handeln; auch dann nicht, wenn man mit seinem Tarot nichts anfangen kann und mit den magisch-mystischen Analogtabellen des Liber 777.

    Hier sind jedenfalls zumindest teilweise Dimensionen vorhanden, die ohne weiteres in den Bereich der Philosophie zu nehmen sind, zuwenigst der Sprachwissenschaft, was wenigstens für mich reicht, zumal wenn ich mir den Großteil des Geblubbers des 20. Jahrhunderts daran verglichen ansehe bzw. anhöre, Onkel Aleister nicht nur einfach in eine unbeachtete Verschimmelecke zu stellen.

    Vielen, sehr vielen täte es gut, wenn sie sich mal anguckten, was der so alles daherkanalt und losgelassen hat.

    Zwar ist bekannt, dass Crowleyaner zum Durchdrehen neigen, oft nicht die charakterfestesten Zeitgenossen sind, aber man muss ja nicht gleich zum Crowleyaner werden, wenn man begreifen will, weshalb denen hie und da und öfter ein Rad abfliegt.

    Auf jeden Fall hat Aleister Crowley etwas davon verstanden, wie man die braven Leute erschreckt und sich den denkbar schlechtesten Ruf dabei zuzieht.

    Kurzum: Die Philologen haben bisher hier viel zuwenig getan.

    Die Class-A-Texte sind meines Wissens (ich habe mich lange nicht mehr aktiv mit der Materie befasst) nur sehr begrenzt sprachwissenschaftlich erforscht. Ich halte das für einen großen Fehler.

    LG

  3. Dude sagt:

    Auf die Sprachwissenschaft bezogen, ist er sicher zu gebrauchen, solange man beim Praktizieren nicht seiner extrem subtil-manipulativen Chaos-Propaganda auf den Leim geht, denn sonst folgt eben das…

    “Zwar ist bekannt, dass Crowleyaner zum Durchdrehen neigen, oft nicht die charakterfestesten Zeitgenossen sind, aber man muss ja nicht gleich zum Crowleyaner werden, wenn man begreifen will, weshalb denen hie und da und öfter ein Rad abfliegt.”

    Und deshalb ist er auch nur für die Wenigsten empfehlenswert, da den meisten die Standhaftigkeit und das Bewusstsein, die gefährlichen Halbwahrheiten, Chaos-Predigten, Relativierungen, usw. wirklich zu durchschauen, und also eben nicht auf sie hereinzufallen.

    Denn fällt man darauf herein, ist man in den illusionären EGO-Verstrickungen gefangen, genauso wie auch die Herren der Welt in den innersten Zirkeln, wenn auch nicht in gleich extremem Masse.

    Dir trau ich dieses Studium – insbesondere auch mit Hauptfokus auf die sprachwissenschaftlichen Aspekte – durchaus zu, allerdings bist Du da einer der wenigen Ausnahmen.

    LG zurück :-)

  4. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ eric

    Danke für die Links. Die scheinen ja praktisch das ganze Crowleysche Werk ins Netz gestellt zu haben. Sehr lobenswert. Noch vor 20 Jahren waren viele Sachen von ihm kaum zu bekommen.

  5. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Dude

    Sicher ist Crowley nicht gerade alleweil die leichteste Kost, drogenaffinen Naturen mit schwachem Charakter, vor allem wenn es noch halbe Kinder sind, nicht unbedingt zu empfehlen.

    Einem wackeren Philosophiestudenten sollte sowas aber wenigstens im Hauptstudium zumutbar sein. Und wenn man sich mal, von diesem anerkannten Spezialisten ausgehend, ein wenig mit traditionellem wie modernem Okkultismus befasst hat, mit dem Tarot, der Kabbalah (die Jungs um Jim Lees und Jake Stratton-Kent sind sich sicher, eine englische Kabbalah aus dem Liber Al herausdestilliert zu haben, wobei man die dann, wie ich anfügte, ob der gleichen 26 Buchstaben auch als die – oder eine – deutsche betrachten kann), wer auf Yoga steht, kommt auch nicht zu kurz usw.

    Nebenbei Symbolkunde, Astrologie, Freimaurerei, interessante Reiseberichte…

    Es ist daher meines Erachtens eher so, dass die Wissenschaft hier Angst, Scheu hat (sicherlich auch schnell der eigene Ruf schon am Thema Crowley mitleiden kann), ihre Werkzeuge sachgemäß einzuzsetzen und am Gegenstande zu schleifen, denn alles, reichlich ahnungslos, als das wirre Geschrapsel eines zynischen, drogensüchtigen Schwarzkünstlers abzutun.

    Ich habe schon Leute getroffen, die eben noch ganz aufgeräumt schienen, aber dann sehr plötzlich allein schon ob der Erwähnung des Namens des Bösen ziemlich nervös wurden.

    So sollte das nun gar nicht sein.

    Glauben die Leute denn etwa wirklich, da sei der Lebhaftige, nachdem er sein großes Erbe schnell durchgebracht hatte, später quer durch New York marschiert, um sich das Geld für die U-Bahn zu sparen?

    Doch Crowley gehört zweifelsohne für einige sehr reale Geheimbünde zu den grauen Eminenzen, wenn er nicht die höchste ist, weshalb es erst recht nicht schaden kann, hierzu etwas mehr zu wissen.

    (Bedenke mal, dass Rudolf Steiner ein absoluter Granatenerzokkultist war, heute aber überall seine Waldorfschulen als sehr begehrte Privatschulen ihre Pforten geöffnet haben; in diesem Falle schweigt man das einfach so gut wie möglich weg.)

    Vielleicht befasse ich mich ab Herbst mal wieder etwas näher mit den Sachen, da ich momentan, 15 Jahre fast nichts gelesen, aus dem Gedächtnis agiere, dies notwendig wäre, entschlösse ich mich doch, die Diskussion nachhaltiger beleben zu wollen.

    Seit Ralph Tegtmeier vor etwa 20 Jahren beim Knaur-Verlag einen flockig geschriebenen kleinen Bestseller landete (Die Tausend Masken des Meisters), der plötzlich, nach über hunderttausend verkauften Exemplaren, ganz eilig vom Markt verschwunden wurde (er schien eine Menge Pfaffen und sonstige “Jugendschützer” auf den Plan getrieben zu haben), ist, soweit ich das noch überschaue, im deutschsprachigen Raum nicht mehr viel gelaufen.

    Ich weiß aber nicht einmal mehr, inwieweit die Fraternitas Saturni noch existiert, bzw. deren Abspaltung, jene Geheimloge, die angelsächsischen Crowleyanern zu Zeiten noch die Schweißperlen auf die Stirn treten ließen.

    Es darf bei all dem auch nicht übersehen werden, dass “Golden Dawn” zu stärksten Zeiten nur 80 bis 120 Mitglieder hatte; dazu gehörten aber einige der hochkarätigsten Denker der damaligen Zeit.

    Weite Felder tun sich da auf.

  6. Dude sagt:

    Hast Du mal den Hollywood-Streifen “Im Auftrag des Teufels” gesehen? Da fährt der Teufel auch nur U-Bahn. ;-)

    Man sollte die Gerissenheit und Hinterlistigkeit des Satanas niemals unterschätzen, denn er ist der Grossmeister 40. Grades, und seine Hinterherdackler, und seien sie noch so gebildet und belesen, erkennen dies leider fast nie.

    Ps. Auch wenn Steiner zweifelsohne Okkultist war, was nur allzugern und allzuoft – meist unbewusst – übersehen wird, war er deswegen noch lange kein Satanist, wie er im Buche steht…

  7. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Dude

    Den Film kenne ich, zumindest bewusst, nicht.

    Auch insofern bzw. insalsoweit Crowley für “Teuflisches” stand, haben wir jedenfalls hinreichend Gründe, seine Aussagen, sein Umfeld, seine Epigonen gründlich zu durchleuchten.

  8. eric sagt:

    Crowley wollte eine Art neuer Religion schaffen – Thelema, – in der der individuelle freie Wille und die freie Wahl herrschen. Jede Person ist wie ein Stern und folgt dem eigenen Weg. Beschränkende Moral sollte es keine geben. Jede Person sollte eigenständig denken, entscheiden und dem eigenen Weg folgen. Da keine zwei Wege gleich sind, gibt es keine Möglichkeit, unsere Mitmenschen zu belehren. Wir können sie nur ermutigen, ihre eigene Freiheit und damit ihre eigene Verantwortung zu akzeptieren. Tu, was du willst soll das einzige Gesetz sein. (Do what thou wilt shall be the whole of the Law)

    Er schrieb in Buch 4:
    Man muss selber herausfinden, jenseits aller Zweifel, wer man ist, was man ist, warum man ist… Auf diese Weise wird man bewusst, was die richtige Richtung ist. Das Nächste ist, die notwendigen Bedingungen dazu zu verstehen. Demnach muss man jedes fremde oder dem Erfolg feindliche Element eliminieren und man muss die Teile seiner selbst entwickeln, die notwendig sind, um die besagen Bedingungen zu kontrollieren.

    (Klingt wie Ockhams Rasiermesser, das meiner Meinung nach fast immer falsch interpretiert wird.)

    1. Magick (Crowley benutzte diesen Begriff um ihn von der Bühnenmagie zu unterscheiden) also “Magick ist die Wissenschaft und Kunst, Veränderungen in Übereinstimmung mit dem Willen zu bewirken.”
    2: Jeder beabsichtigte Akt ist ein magischer Akt.
    3. Magick ist die Wissenschaft, sich selbst und seine Bedingungen zu verstehen. Es ist der Akt, dieses Verstehen in Handlung umzusetzen.”

    Für Crowley war die Ausübung von Magick vor allem dazu da, um Wissen vom und Verbindung zum Heiligen Schutzengel (ich würde sagen, zum eigenen Selbst) herzustellen, obwohl es auch für ganz alltägliche Funktionen taugt, wie z.B. das Konto auszugleichen. Schwarze Magie sollte vermieden werden.

    http://www.thelemapedia.org/index.php/Main_Page

    Klingt doch alles sehr gut! Ich halte Selbsterkenntnis ebenfalls für die Basis jedes Verstehens.

  9. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ eric

    Die von Dir verlinkte Thelemiten-Seite scheint indes auch nur gut über ein Jahr durchgehalten zu haben. Bis November 2005. Dann gab’s wahrscheinlich mal wieder Sektenkrieg oder -pleite oder ein ganz ordinäres Administratorenschisma.

  10. Johnd819 sagt:

    As soon as I found this internet site I went on reddit to share some of the love with them. begedekegede

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