Über die Sublügen zur Kernlüge (II)

Wir gehen wiederum davon aus, dass es irgendeine Kernlüge gäbe, um die herum sich große Sublügen gruppierten.

Ich will die Sache jetzt aber, nach dem ersten, etwas theoretischen Teile, etwas menschlich-anschaulicher erläutern.

Selbstverständlich muss eine solche Kernlüge alle anderen Lügen um Dimensionen überragen.

Das heißt, dass sie in fast alle Menschen als vermeintlich absolute, unumstößliche Wahrheit eingesenkt ist.

Wird man also nun einen, der an so manchen größeren Lügen doch ein wenig das Zweifeln begonnen, die eine oder andere gar nicht mehr glaubt, gleich auf diese hin ansprechen, so wird sich der wahrscheinlich nur empören, womöglich gar, im Selbstangstbisse, wieder auf ein Denken vor seinen ersten Zweifeln zurückziehen.

Dann hat man die Sache komplett vergeigt.

Gegenüber fast allen ist es unvergleichlich klüger, ihrem Forschergeiste, auf den sie, wenn einmal wider größere Lügen angeworfen, einerseits zu schmeicheln, diesen andererseits subtil zu hinterfragen und zu reizen. (Da darf man das tun.)

Es ist letztlich wie bei störrischen Schülern: Was sie selber herausgebracht haben (auch wenn man ihnen mehr als nur ein Stück weit dazuhalf), ist tausendmal mehr wert, als was ihnen der Lehrer einfach gesagt.

Manchmal, das ist zwar etwas unangenehm, muss man sich sogar ein bisschen esoterisch, geheimnisvoll wichtig geben, also imaginäre Wurstzipfel hinhalten, bis dass es Schnappischnapp macht. (Manchmal.)

Und, mitunter, genau dann weniger erzählen, als man jetzt doch schon könnte, den Wissbegierigen noch weiter zu reizen. (Ich sagte ganz bewusst “mitunter”.)

Wo es eine Kernlüge gibt, darf man deren Wirkmächtigkeit niemals unterschätzen. Ein Gespräch, das gerade noch jovial und gut war, kann von jener Kraft binnen Zehntelsekunden gekippt werden, wenn man nicht aufpasst.

Oft, ich sage oft, müssen die Leute selbst erstmal die Brutalität der Vertreter der Kernlüge am eigenen Leibe spüren, bis dass sie merken, dass da wirklich etwas nicht stimmt.  Erzählt man ihnen nur davon, so winken sie meist, meist, bloß ab. Schimpfen einen nicht selten gar noch einen Spinner, Paranoiker usw.

Es bedarf wider Kernlügen, ich sagte es im ersten Teile schon, eben auch zwischenmenschlich mancher Chineserei.

Also auch mal dessen, dass man ein wissendes Gesicht aufsetzt (obschon man ja weiß, das nicht nötig hat, gerade noch extra), genau und erst recht dann zum Pinkeln geht, wenn die Sache daro richtig hochgekocht ist.

Kernlügen verstecken sich so arkan, so außergewöhnlich gut, da sie eigentlich offensichtlich sind. Sie sind einfach zu groß, um wahr zu sein.

Kernlügen haben so lange Beine, dass die bis in den Himmel zu reichen scheinen.

Manche, ansonsten friedlichste Menschen, sind spontan bereit, einen dererhalber ad hoc totzuschlagen. Und sich dabei darin völlig im Recht zu fühlen. So stark können Kernlügen jederzeit sein.

Genau das ist aber auch deren Achillesferse.

Zwar will der Mensch, und darauf beruht ja die Strahlmacht von Kernlügen wesentlich, so wie er normalerweise gebaut, nicht zugeben, partout nicht wahrhaben, dass er ein Riesenesel war, sich hat vollkommen narren lassen, aber, wenn er dann merkt, wieso was mit ihm von wem in welchem Zusammenhange gemacht wurde, knickt er entweder weg in die Resignation, oder bekommt eine Riesenwut, so dass man ihn noch von unbesonnenen Handlungen abhalten muss, oder, das kann, bei guter Betreuung oder auch ohne, beiden Fällen folgen, oder alsbald, wenn nicht gleich, eintreten, er wird kalt und hart und, womöglich, überdies auch noch sinnvoll tätig.

Letzterenfalls, wenn man das einzuleiten wusste, hat man einen riesigen kleinen Schritt gegen die Kernlüge geschafft.

Denn jeder Mensch hat die Kraft, die Welt zu verändern.

Dann ist wieder eine Schale, wie ich es im ersten Teile metaphorisch benamte, von der Kernlüge abgezogen.

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Eine Antwort zu “Über die Sublügen zur Kernlüge (II)”

  1. J€$\/$ sagt:

    Die nackte Wahrheit ist dem erzogenen(moralischem) Auge ein moralisches(erzogenes) Ekel. Schale für Schale. Jeder Nadelstich zählt. Besonders jene im Fersen, denn dann muss man sich bücken. Das kostet Zeit und Aufmerksamkeit.
    Ich bin ein Teutone, geboren zwischen Elbe und Oder. Schande über mich. Meine Vorfahren haben die Römer über den Limes geprügelt. Ich lasse mich von den Römern und meinen eigenen Landsleuten treten.

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